Dekan Simon RappSeelsorger und Manager

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Der Herrschinger Pfarrer Simon Rapp verbindet Kultur und Religion.
Der Herrschinger Pfarrer Simon Rapp verbindet Kultur und Religion. Nila Thiel

Der Herrschinger Pfarrer steht in seiner neuen Funktion den 24 000 Katholiken im Fünfseenland vor

Von Carolin Fries, Herrsching

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Wenn Simon Rapp zurückdenkt, wie er als Bub in der Kirchenbank saß und "dann die Frau mit dem Mikrofon kam", weil wieder Familiengottesdienst war und die Kleinen "abgefragt" wurden, schüttelt es ihn heute noch innerlich. "Das hat mich so genervt, dieser Fokus auf die Kinder", erzählt er. Wo blieben die Eltern, Großeltern und Verwandten? Damals schon sei seine eigene Vorstellung von einem Gottesdienst gewachsen, der anders ist. Ende der neunten Klasse offenbart er seinen Eltern, dass er ins Priesterseminar wolle. "Du lernst erst einmal was Anständiges", sagt sein Vater. Also macht Rapp nach der Realschule eine Ausbildung zum Technischen Zeichner. Pfarrer ist er dann doch noch geworden. "Meine Leidenschaft sind die Menschen und Gott."

Im Sommer hat Bischof Bertram Meier den Herrschinger Pfarrer offiziell zum Dekan ernannt, vor wenigen Wochen folgte die Einführung in der Nikolauskirche. Ob das sein Ziel war, als oberster Katholik im Kreis knapp 24 000 Gläubigen zwischen Ammersee und Starnberger See vorzustehen? "Ich habe irgendwann akzeptiert, dass es so kommen wird." Bereits Mitte 2019, nachdem sein Vorgänger Anton Brandstetter das Fünfseenland nach 22 Jahren auf eigenen Wunsch in Richtung Landkreis Aichach-Friedberg verlassen hatte, war er eingesprungen, um auf Dekanatsebene zu koordinieren, wie er sagt. Denn als "Organisieren und Abstimmen" beschreibt er den neuen Job. Kürzlich hatte er die Liste der Friedhöfe gerade fertig, für die er beim Landratsamt eine Ausnahmegenehmigung für den Gräbersegnung an Allerheiligen beantragen wollte, da kam ihm das Ministerium zuvor und strich die Personenobergrenze für Gottesdienste und religiöse Zusammenkünfte im Freien. Der 49-Jährige zieht die Schultern hoch: "Aber das ist eigentlich eine meiner Hauptaufgaben: Koordination".

Seit 2015 lebt und arbeitet Rapp im Herzen Herrschings. Es sei schon immer sein Wunsch gewesen, eine eigene Pfarrei zu haben, jetzt ist es gar eine Pfarreiengemeinschaft aus den Gemeinden Herrsching mit Widdersberg, Breitbrunn, Inning mit Buch und Schlagenhofen. Nach seiner Ausbildung hat er die Berufsoberschule gemacht, das Abitur nachgeholt und Theologie studiert. Im Milleniumsjahr wird er zum Priester geweiht, die Eltern sind stolz und Rapp ist glücklich, obwohl er damals schon weiß: "Es gibt einfachere Jobs auf der Welt" als den des Glaubensvermittlers. Er fragt sich immer wieder, wie das funktioniert und ob er auf dem richtigen Weg ist.

Es sei eine "Gratwanderung", wie Rapp sagt, auch zwischen Tradition und Moderne. "Manche Rezepte aus dem 18. Jahrhundert passen nicht mehr." Seine knapp 6200 Gläubigen in der Pfarreiengemeinschaft versucht der Pfarrer auf ganz unterschiedliche, auch unkonventionelle Art zu erreichen. Im Sommer vergangenen Jahres übertrug das ZDF einen Gottesdienst aus Sankt Nikolaus in Herrsching, im Mittelpunkt von Rapps Fernseh-Predigt stand der ehrenamtliche Einsatz für andere. "Ich hatte sehr schnell Ja gesagt", erinnert er sich, "weil ich mir das zutraute".

Aufgeschlossenheit hatte er in seiner Tätigkeit als BDKJ-Bundespräses (Bund der deutschen katholischen Jugend) gelernt , aus dieser Zeit waren ihm auch große Versammlungen vertraut. Sechs Jahre lang reiste er als Vertreter der katholischen Jugendverbandsarbeit in ganz Deutschland herum, bevor er nach Herrsching kam. Er war viel unterwegs, besuchte die Weltjugendtage in Sydney, Rio de Janeiro und Madrid. "Ich habe eine Wohnung in Duisburg, ein Büro in Düsseldorf und arbeite im ICE", war damals sein Standardspruch.

Auch in Herrsching ist sein Terminkalender voll. Einmal in der Woche unterrichtet er in der Realschule. Er tauft und verheiratet, trifft Firmlinge und Hinterbliebene. Und wenn die Schindelbeck-Klinik anruft, lässt er alles stehen und liegen und fährt zur Krankensalbung. Durchschnittlich dreimal am Wochenende hält er Gottesdienst - für Rapp ein unverzichtbares Fundament. Eine regelmäßige Zusammenkunft halte eine Gemeinde zusammen und lasse sie nach außen strahlen. "Wann treffen wir uns denn sonst, um uns im Glauben zu stärken?", fragt er. Nach derzeitigen Maßstäben ist die Nikolauskirche sonntags voll. Doch ohne Abstandsregelungen blieben viele Plätze leer. "Zehn Prozent der Gemeindemitglieder kommen schon lange nicht mehr." Was er in Coronazeiten predigt? "Trotz aller Kontaktbeschränkungen, wir sind nicht alleine." Als Dekan versucht er, seine Ideen nicht mehr nur zwischen Widdersberg und Breitbrunn zu platzieren, sondern 20 Pfarreien in sieben Pfarreigemeinschaften zu erreichen und - viel schwieriger noch - zu leiten und zu einen. "Das ist mittlere Führungsebene", sagt Rapp, wenngleich er kein Dienstvorgesetzter sei. Und wäre da nicht das silberne Kreuz am Revers seines Sakkos, könnte man meinen, er spräche nicht von der Kirche, sondern von einem Wirtschaftskonzern.

Doch bei den Aufgaben, die ihn beschäftigen, geht es weniger um Zahlen denn um das Miteinander. So ist er derzeit in einer Gemeinde um einen Konsens bemüht, weil eine Familie ihr Kind außerhalb der eigenen Pfarrei taufen lassen will - der zuständige Pfarrer dem aber nicht zustimmen mag. Rapp soll den Konflikt auflösen. "Die Pfarrer in den sieben Pfarrgemeinschaften sind sehr unterschiedlich", sagt Rapp, der sich vorgenommen hat, die "Geschwisterlichkeit" zu fördern. Die Verbundenheit über das Dekanat soll sich nicht nur auf Arbeitstreffen begrenzen, er will auch darauf achten, dass es seinen Kollegen gut geht. "Auch Pfarrer sind Menschen", sagt er. Akut sorgt er sich besonders um die Geistlichen im Ruhestand, "dass die nicht vereinsamen". Da tue er noch zu wenig, sagt er.

Als Dekan vertritt er den Bischof in der Region, soll seine Ideen weitertragen und umsetzen. "Ich habe ein Loyalitätsverhältnis zum Bischof, aber keinen Kadavergehorsam", sagt Rapp. So sei er durchaus bereit, Stimmungen und Erfahrungen, die er auf Dekanatsebene sammle, auch zurückzugeben ins Augsburger Bistum. "Die Kommunikation ist wichtig", so Rapp. Kern seines Wirkens aber bleibe die Seelsorge.

© SZ vom 31.10.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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