Zivilgericht:Weil es ihm nicht Wurst ist

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Ein Abteilungsleiter beißt beim Abendessen auf einen harten Gegenstand in einer Debreziner. Ein Backenzahn wird dadurch "frakturiert". Bekommt der 49-Jährige Schmerzensgeld vom Verkäufer?

Von Andreas Salch

Debreziner kommen bei ihm definitiv nicht mehr auf den Tisch, sagt Lucas W. (Name geändert). Denn mit dem Verzehr dieser Brühwürste hat der 49-Jährige so seine Erfahrungen gemacht. Und zwar äußerst schmerzhafte. Fast drei Jahre ist es her, dass der Abteilungsleiter mit seiner Frau an einem Freitagabend zuhause zu Abend aß und plötzlich schrie wie am Spieß. Lucas W. hatte auf einen äußerst harten Gegenstand in der Debreziner gebissen, die er bei einem Lebensmitteldiscounter in Gilching gekauft hatte. Worum es sich bei dem harten Gegenstand handelte, ist bis heute unklar. Denn den Fremdkörper hat W., wie er sagt, "reflexartig geschluckt." Viel schlimmer aber: Durch den Biss auf den harten Gegenstand wurde Backenzahn Nummer 27 im linken Unterkiefer des 49-Jährigen längs geteilt und "bis zum Knochen frakturiert", wie ein Zahnarzt in der Notaufnahme einer Klinik feststellte. Es folgten weitere Termine beim Zahnarzt mit unangenehmen Wurzelbehandlungen, die sich mittlerweile auf mehr als 8000 Euro summieren. Von Lucas W.s Backenzahn Nummer 27 ist nurmehr ein Sockel übrig geblieben. Auf diesen soll demnächst ein Implantat gesetzt werden. Kosten: Etwa 4000 Euro. Obwohl versichert, hat der 49-Jährige bisher alles selbst bezahlt. Das Geld will er jedoch wieder haben und zwar von dem Lebensmitteldiscounter, bei dem er die Debreziner kaufte. Weil ein außergerichtlicher Vergleich mit der Versicherung des Discounters scheiterte, erhob der 49-Jährige Zivilklage vor dem Landgericht München II mit der Forderung nach Schadensersatz und Schmerzensgeld.

Doch der Fall ist verzwickt. Das liegt vor allem daran, wie Richter Clemens Turkowski in der Verhandlung erläuterte, dass Lucas W. den harten Gegenstand, auf den er gebissen hatte, verschluckt habe. Hätte er das "Corpus delicti" noch, stünden seine Chancen mit seiner Klage durchzukommen, deutlich besser. Also befragte der Vorsitzende einen Qualitätsmanager der Firma, die den Discounter in Gilching seinerzeit unter anderem mit Debreziner belieferte. Der berichtete darüber, wie das Fleisch durch Fleischwölfe mit unterschiedlich großen "Lochscheiben" feinsäuberlich "verwolft" werde und zu guter Letzt in einen Natursaitling, einen Schafsdarm, eingefüllt wird. Vor dem Verpacken laufe die Ware zudem durch einen Metalldetektor. Überdies werde bereits bei der Produktion penibel darauf geachtet, dass das Fleisch "fremdkörperfrei" sei - sich darin also auch keine Knochensplitter befänden. Überdies würden in der Metzgerei hohe Hygienestandards gelten. Ob nicht doch kleine Knochenstückchen in die Debreziner gelangt sein könnten, hakte Richter Turkowski nach. "Hundertprozent lässt sich das nicht ausschließen", räumte der Qualitätsmanager ein und schob nach: "Dafür haben wir aber keine Anhaltspunkte." Auch kleinste Metallteilchen würden "meistens gefunden". Und Plastik? Das wäre sicherlich am Sortiertisch, auf dem das Fleisch zunächst landet, erkannt worden, so der Qualitätsmanager. Auf einen Vergleich mit dem Anwalt der Versicherung des Discounters konnten sich Lucas W. und sein Anwalt nicht einigen. Ihm gehe es nicht um das "schnelle Geld" sagte der 49-Jährige. Er wolle die Sache geklärt haben, denn er finde es "als Konsument nicht anständig, wie der Discounter mit mir umgegangen ist." Eine Entscheidung wird das Gericht Ende November verkünden.

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