Süddeutsche Zeitung

Ansteckungsketten:So infizierten sich die ersten Corona-Patienten in Deutschland

Eine Studie erforscht die Verbreitung des Erregers unter Mitarbeitern der Firma Webasto. Sie macht deutlich, wie leicht und in welchen Situationen man sich anstecken kann.

Vielleicht kann sich der 38 Jahre alte Familienvater aus dem Landkreis Traunstein noch erinnern, was es an jenem Tag Ende Januar mittags in der Webasto-Kantine gab. Es fehlte ihm jedenfalls Salz - das wird er wohl nie mehr vergessen. Denn hätte ihm kein Salz gefehlt, hätte er sich womöglich nicht bei einem Kollegen des Autozulieferers in Stockdorf mit dem Coronavirus angesteckt und den Erreger an seine Frau und zwei der drei Kinder weitergegeben - lediglich der Säugling blieb gesund. Die fünfköpfige Familie wäre nicht für mehr als zwei Wochen in der Trostberger Klinik isoliert worden.

Doch das Salz fehlte, weshalb er sich zu einem Kollegen umdrehte, mit dem er Rücken an Rücken saß. Er fragte, ob er sich den Salzstreuer vom Nebentisch ausleihen könne, der Kollege reichte ihn herüber - und steckte ihn dabei an. So jedenfalls beschreibt es eine Studie, die Forscher des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, des Robert-Koch-Instituts und der Berliner Charité in der Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases veröffentlicht haben.

Detailliert verfolgen und beschreiben die Mediziner die Ansteckungsketten der bundesweit ersten 16 Coronavirus-Fälle, welche mit Ausnahme eines privaten Kontaktes ausschließlich Webasto-Mitarbeiter oder deren Angehörige umfassen. Die Studie bestätigt, dass Infizierte bereits ansteckend sein können, bevor sie erste Symptome zeigen und dass das Virus womöglich auch über Gegenstände übertragen werden kann. "Wenn ich das lese, dann wird mir bewusst, dass wir teilweise schon auch Glück gehabt haben", sagt der Webasto-Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann. Am Ende sei man wohl "mit einem blauen Auge davon gekommen", sagt er rückblickend.

Eine chinesische Mitarbeiterin, die sich vermutlich bei ihren Eltern aus Wuhan angesteckt hatte, gilt als Indexpatientin. Sie weilte vom 20. bis 22. Januar in Deutschland und nahm in der Stockdorfer Webasto-Zentrale an diversen Workshops und Meetings teil. An einem dieser Treffen nahm der spätere erste deutsche Patient teil, es fand mit zwei weiteren Webasto-Mitarbeitern in einem etwa zwölf Quadratmeter großen Besprechungsraum statt. Der spätere Patient saß neben der Chinesin, seine Kollegen am gleichen Tisch gegenüber - sie infizierten sich nicht.

217 Kontakte

In der Nachverfolgung infizierter Mitarbeiter wurden 217 Menschen als enge, aber haushaltsfremde Kontakte ermittelt. Davon haben sich elf infiziert. Die sekundäre Befallsrate liegt bei fünf Prozent und "scheint gering", wie es in der Studie heißt. Der Grund dafür liege in den umgehenden firmeninternen Kontaktbeschränkungen.

Patient eins wiederum entwickelt drei Tage später eine Halsentzündung, mehr zunächst nicht. Er arbeitet am vierten Tag nach dem Treffen für eine kurze Zeit mit einem Kollegen am gleichen Computer - der nächste Fall. Dieser wiederum trifft tags darauf für eineinhalb Stunden einen Freund, sie verbringen gemeinsam den Abend. Drei Tage später fliegt der Freund nach Spanien, wo er positiv getestet wird.

In der Zentrale übertragen die wenigen Infizierten scheinbar gesund das Virus weiter. In vier Fällen erfolgt die Ansteckung just an dem Tag, an dem erste leichte Symptome auftreten. Fünf weitere Fälle könnten in diesen Zeitraum fallen, schreiben die Autoren der Studie. Der Familienvater aus dem Landkreis Traunstein steckt sich als einziger bei einem Kollegen an, der noch gar keine Symptome zeigt. Erst am Tag nach dem Zusammentreffen in der Kantine fühlen sich beide krank. Alle Patienten werden in Kliniken isoliert, in den meisten Fällen verläuft die Krankheit mild mit Kopf- und Gliederschmerzen, Kurzatmigkeit oder Appetitlosigkeit. Einige entwickeln Fieber bis zu 39 Grad, zwei Patienten bekommen eine Lungenentzündung. Durchschnittlich liegt die Inkubationszeit des Webasto-Clusters bei nur vier Tagen. Das Forschungsteam kommt deshalb zu dem Schluss, dass eine weltweit langfristige Eindämmung von Covid-19 schwierig zu leisten sein wird.

Holger Engelmann betont, dass es dennoch nicht alle nahen Kontaktpersonen erwischt hat. Er selbst etwa habe sich nicht angesteckt, obwohl er der Chinesin die Hand gegeben habe, erzählt er. Auch wenn die Zeit der ersten Infektionen für die Firma eine herausfordernde gewesen sei: "Als Team und als Firma sind wir zusammengewachsen." Insgesamt hatten sich zehn Mitarbeiter binnen zwei Wochen infiziert sowie fünf Angehörige. Seither habe es unter allen Webasto-Mitarbeitern in Deutschland zehn weitere Covid-19-Fälle gegeben, die "inzwischen aber alle wieder gesund" seien, so Engelmann. Er führt die geringe Zahl der Folgeinfektionen auch auf das strikte und konsequente Handeln des Unternehmens zurück, "wir haben aus der Situation zu Beginn des Jahres gelernt".

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SZ vom 20.05.2020/mmo
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