Coronavirus:Gemeinden bei Luftfiltern für Klassenzimmer unter Druck

Coronavirus - Luftfilter in Schulen

Der Landkreis und einige Gemeinden wollen die fast kühlschrankgroßen Luftfilter für Klassenzimmer anschaffen - aber längst nicht alle.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nachdem der Landkreis Starnberg in seinen Schulen aufrüstet, sehen sich die Bürgermeister unter Zugzwang. Eltern fordern den Schutz für ihre Kinder massiv ein.

Von David Costanzo

Dicke Luft in den Klassenzimmern? So weit soll es nach den Sommerferien nicht kommen. Der Landkreis schafft für seine beiden Schulen knapp 50 Luftfilter gegen Aerosole an, die vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen sollen, und setzt damit die Gemeinden unter Zugzwang. Denn die müssen sich selbst um die Geräte kümmern und womöglich viel Geld in die Hand nehmen. Von "zusätzlichem Druck" sprach Rainer Schnitzler, Sprecher der Bürgermeister im Landkreis und selbst Rathauschef in Pöcking, das den Kauf bislang nur prüfen will. Die meisten seiner Kollegen seien der Ansicht, dass sie daran nicht mehr vorbeikommen.

Denn dicke Luft hatte es schon vor dem Beschluss am Montag im Kreistag gegeben. Vor allem die Eltern kleinerer Kinder machten Druck, sagte Landrat Stefan Frey (CSU). Schließlich ist die Corona-Impfung erst für Kinder von zwölf Jahren an zugelassen und erst von 18 Jahren an empfohlen. Aus diesem Grund schlug er den Kreisräten einen nach eigenen Worten "vernünftigen Mittelweg" vor: Die Fünfseenschule in Starnberg und das Tutzinger Gymnasium, die einzigen Schulen, die der Landkreis betreibt, sollen Luftfilter erhalten - aber nur in den Zimmern bis zur achten Klasse.

Und das trotz aller Unwägbarkeiten: Die Wirksamkeit ist nach unterschiedlichen Studien wissenschaftlich umstritten. Die Geräte könnten je nach Bauart auch zu laut sein und Zugluft verursachen. Trotzdem müssen die Lehrer weiter alle 20 Minuten die Fenster aufreißen. Manchmal fehlt in den Klassenzimmern der Platz oder das Stromnetz könnte kollabieren. Die Geräte sind womöglich nur schwer rechtzeitig zu beschaffen und teuer. Sollten alle 142 Gruppenräume in den Kitas im Landkreis und alle 765 Klassenzimmer damit ausgestattet werden, kämen auf Landkreis und Gemeinden Kosten von 3,5 Millionen Euro zu, von denen der Freistaat nur höchstens die Hälfte übernehmen würde. Aufbau, Strom und Wartung nicht eingerechnet - und in großen Klassenräumen wären sogar zwei Geräte nötig. Den Landkreis kosten die ersten knapp 50 Luftfilter nun 85 000 bis 100 000 Euro. Der Beschluss fiel mit großer Mehrheit.

Ob sich damit Schulschließungen im Herbst wirklich vermeiden lassen - falls das Virus und die Delta-Variante weiter wüten? Dafür gebe es keine Garantie, aber man wolle alles dafür tun, stimmte FDP-Fraktionschef Wilhelm Boneberger zu. Auch die Grünen um Martina Neubauer wollten Betreuung und Bildung sicherstellen, so gut es geht.

Die Kreisräte Martin Pilgram (Grüne) und Christian Winklmeier (SPD), beide aus Gilching, wollten gar alle Klassenzimmer bis zu den Abschlussklassen mit Luftfiltern ausrüsten - wie es deren eigener Gemeinderat erst vergangene Woche beschlossen hat. Der Schutz der Kinder solle nicht von der Impfentscheidung der Eltern abhängen, sagte Winklmeier. Zustimmung gab es jedoch nur von einigen Kreisräten vor allem aus den Reihen von SPD und Grünen. Landrat Frey signalisierte aber, im Herbst flexibel reagieren zu wolle, falls sich die Lage ändere. Gegebenenfalls würde dann für höhere Klassen auch Geräte angeschafft, die nicht unter die Zuschussregeln des Freistaats fallen.

Ohnehin gehen die Gemeinden bislang völlig unterschiedlich vor: In der Grundschule am Pilsensee laufen bereits zehn Luftfilter, weitere sieben werden nachgeordert. Gilching verschiebt den Umbau der Römerstraße, um mehr als eine halbe Million Euro für mehr als 200 Geräte berappen zu können. Gauting plant derzeit die Ausrüstung von 130 Klassenzimmern. Herrsching rechnet wohl oder übel mit der Anschaffung. Und der Starnberger Stadtrat sollte am Montagabend über das Thema diskutieren.

In einem Punkt waren sich fast alle Kreisräte wiederum einig: SPD-Fraktionschef Tim Weidner ärgerte sich über die "Södersche Verkündungspolitik", die Ausstattung aller Klassenzimmer zu versprechen, dann aber nur die Hälfte der Ausgaben zuzuschießen - und die Kommunen damit unter Druck zu setzen. Dem Appell, dass der Freistaat die Kosten komplett zu tragen habe, schlossen sich sogar die meisten der CSU-Kreisräte an.

© SZ vom 27.07.2021
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