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Kinder:Hausgeburten werden wegen der Corona-Krise beliebter

Assenhausen: Hebamme Astrid Sommer bei Familie Posegga

Weil sie die Unterstützung ihrer Familie braucht, hat Carolin Posegga (li.) ihren Sohn Felian zu Hause geboren - auf einem Gebärhocker auf der Gymnastikmatte. Hebamme Astrid Sommer hat sie mit Mundschutz begleitet.

(Foto: Nila Thiel)

Die Hebamme Astrid Sommer begleitet seit kurzem wieder Entbindungen zu Hause. Die Schwangeren fürchten das Alleinsein, weil Kliniken Besuche fast vollständig verbieten.

Von Jessica Schober und David Costanzo, Starnberg

Bevor die Hebamme Astrid Sommer zu den ganz kleinen Neugeborenen fährt, zu den Frischgeschlüpften, die noch kaum in die Welt blinzeln können und erst recht noch nichts vom Coronavirus ahnen, desinfiziert sie ihre Arbeitstasche. Ständig wäscht sie sich dieser Tage die Hände, und auch im Moment der Geburt legt die Hebamme den Mundschutz nicht ab. Diese Kinder, die Sommer derzeit auf die Welt begleitet, darf sie auch nicht in ihrer eigenen Stofftuchwaage wiegen. Alle Eltern mussten eigene Waagen oder Stofftücher besorgen, damit die zarten Persönchen mit ihren knapp 3500 Gramm sich nicht gegenseitig anstecken können. Doch eines haben sie gemeinsam, die drei Corona-Babys, die Astrid Sommer in den vergangenen Wochen auf die Welt begleitet hat: Sie alle kamen zu Hause zur Welt.

Astrid Sommer ist Hebamme in Starnberg, sie betreut Schwangere und Wöchnerinnen - und seit Kurzem begleitet sie auch wieder Hausgeburten. Denn immer mehr Frauen wollen in diesen Tagen nicht in einer Klinik gebären. Sie haben nicht unbedingt Angst, sich dort selbst mit dem Coronavirus zu infizieren - vielen geht es eher darum, nicht allein zu sein. Denn viele Kliniken schränken Besuche strikt ein. Das lässt manche Schwangere zu einem Schluss kommen, der in Zeiten der Ausgangsbeschränkung nahe liegt: "Dann bekomme ich mein Kind eben daheim."

So ging es zum Beispiel Carolin Posegga. Ihren Sohn Felian gebar sie am 1. April in ihrem Assenhausener Wohnzimmer. Auf einem Gebärhocker auf der Gymnastikmatte. Nach nur zwei Stunden Wehen hielt Posegga ein gesundes Kind in den Händen. "Ohne Corona wäre eine Hausgeburt nie für mich in Frage gekommen, ich wäre immer ins Krankenhaus gegangen", sagt die 30-jährige Software-Entwicklerin für Krankenhausinformationssysteme. "Aber jetzt hat es sich alles richtig angefühlt, so wie wir es gemacht haben."

Die Mutter einer vierjährigen Tochter hatte sich gemeinsam mit ihrem Mann Tassilo erst eine Woche vor der Niederkunft für die Hausgeburt ihres zweiten Kindes entschieden. "Bei der Geburt brauche ich die Unterstützung meines Partners, da kann ich nicht allein unter Fremden sein", sagt Posegga. Außerdem wohnt noch die 82-jährige Großmutter mit der Familie im Haus - wäre Posegga ins Krankenhaus gegangen, hätte sie sich danach wohl zum Schutz der Oma für 14 Tage isolieren müssen. Unvorstellbar, schließlich sollte die Oma ja auch auf Tochter Elea aufpassen, während deren Brüderchen zur Welt kommt. "Es gab bei mir keine Anzeichen für Komplikationen, und ich fühlte mich zu Hause mit meiner Hebamme viel besser aufgehoben als in der Klinik."

Solche Szenarien spielen derzeit viele werdende Eltern durch, erzählt die Hebamme Astrid Sommer. Sie spricht mit klarer warmer Stimme und strahlt sogar durchs Telefon jene Art von Zuversicht und Bodenhaftung aus, die Gebärende brauchen, um sich auf das Abenteuer Geburt einzulassen. In ihrem früheren Leben war Sommer Krankenschwester auf der Intensivstation des Starnberger Klinikums, sie kennt den Alltag dort. Sie hat sich auch jetzt bei ihrem alten Arbeitgeber zurückgemeldet als Krisenhelferin im Notfall - auch wenn sie gerade durchschnittlich neun Frauen im Monat zu betreuen hat und daheim auch noch drei eigene Schulkinder.

Die werdenden Eltern, die Sommer jetzt betreut, erlebt sie öfters in Ausnahmezuständen. "Die Verunsicherung ist groß, die Stimmung gedrückt." Ihre Hauptaufgabe sei gerade die psychologische Betreuung: beruhigen und entspannen. "Bei jedem Hausbesuch ist Corona gerade ein Thema", sagt Sommer. Bei Untersuchungen und während der Geburt trägt sie Mundschutz. Und doch bleibt Gebären ein körperlichen Ereignis, das unbedingte Nähe erfordert. "Bei der Geburt hätten wir keinen Abstand halten können", sagt auch die Wöchnerin Carolin Possega.

Die Weßlingerin Miriam Mörtl hat ihre Tochter Liv Mitte März im Klinikum Starnberg bekommen - in jenen Tagen, in denen sich die Corona-Krise verschärfte und die Ausgangsbeschränkungen begannen. "Der größte Einschnitt war, dass mein Mann am zweiten Tag nach der Geburt plötzlich nicht mehr zu uns ins Krankenhaus durfte", erzählt sie. Sie hatte ihn gebeten, ein paar Flaschen Karamalz zu besorgen, um ihre Milchproduktion anzuregen. Auf dem Rückweg ließ man den Papa nicht mehr zu Frau und Kind. So stand Mörtl dann im dritten Stock ihres Stationszimmers mit dem dick eingepackten Neugeborenen auf dem Balkon und telefonierte mit ihrem Mann, der unten im Park stand. "Das war ein echter Dämpfer." Mörtl fand es trotzdem gut so, ihr Kind in der Klinik zu bekommen, und lobt das Team.

Tatsächlich dürfen die Väter oder eine andere Begleitperson die Frauen nur noch während der Geburt im Kreißsaal begleiten - natürlich mit Mundschutz. Im Wochenbett sind keine Besuche mehr erlaubt. Der Vater sieht Mutter und Kind erst nach der Entlassung üblicherweise zwei bis drei Tage nach der Geburt wieder, er darf sie dann im Eingangsbereich des Klinikums abholen. "Die meisten Patientinnen haben großes Verständnis für dieses Vorgehen, da sie sich selbst größtmögliche Sicherheit wünschen", erklärt ein Sprecher des Starnberger Klinikums.

Für Frauen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, als Verdachtsfall oder Kontaktperson gelten, wurde ein eigener Kreißsaal eingerichtet. Seit Mitte März haben darin vier Frauen ihr Kind geboren. Tatsächlich verzeichnet das Klinikum derzeit etwas weniger Geburten als im Vorjahr. Seit Jahresbeginn kamen 898 Kinder zur Welt, im Vorjahreszeitraum waren es 962. Solche Schwankungen seien jedoch normal und kämen immer wieder vor, teilt das Klinikum mit. Die durch die eingeschränkten Besuche herrschende Ruhe habe sogar einen positiven Nebeneffekt: Das Stillen klappe besser.

Um ihren Mann wiedersehen zu können, ließ sich die 36-jährige IT-Managerin Miriam Mörtl am dritten Tag nach der Geburt vorzeitig aus der Klinik entlassen. Hebamme Astrid Sommer kritisiert: "Das Bonding wird so extrem erschwert, wenn ein Elternteil sein Kind nicht auf den Arm nehmen darf. Alles ist jetzt noch distanzierter im Krankenhaus. Man kann sich dort nicht entspannen und in die Öffnung gehen. Die Frauen leiden sehr darunter. Für eine gute Geburt muss die Umgebung angstfrei, druckfrei und individuell sein."

Als Miriam Mörtl mit ihrer Liv nach Hause kam, blieb die kleine Familie erst einmal unter sich. Die Großmütter durften ihr Enkelkind bisher nur hinter der Fensterscheibe des Wintergartens betrachten. Dafür stellten die Mörtls einen kleinen Tisch mit Kaffee und Kuchen in den Garten für die Omas und setzten sich dann auf die andere Seite der Scheibe ins Wohnzimmer mit ihrem Nachwuchs. Dabei flossen viele Tränen. "Es ist ein total blödes Gefühl, die eigene Mutter auszusperren", sagt Mörtl.

Auch wenn Hebamme Sommer nun zur Nachsorge kommt und den frischgebackenen Eltern zeigt, wie sie ihr Kind baden können, hält Mörtl Distanz, so gut es geht. Untersucht Sommer ihre Kaiserschnittnarbe, dann achtet Mörtl darauf, zur Seite zu atmen. "Aber letztlich ist der Hebammenberuf einfach ein Hands-on-Job, der Nähe erfordert", sagt Mörtl. Sie sei sonst eher der Typ für Umarmungen, und manchmal fehle ihr die Nähe zur Hebamme schon. Da täte es gut, wenn die Hebamme einen in den Arm nehmen und auf die Schulterklopfen dürfte.

"Das Angstpotenzial in unserer Gesellschaft ist durch die Pandemie steil nach oben gegangen", sagt Sommer. Dabei gehörten Schwangere nicht per se zur Risikogruppe. Die Gefahr hänge von den Vorerkrankungen wie zum Beispiel Asthma ab. Das Coronavirus habe keine bislang bekannten Auswirkungen auf Neugeborene und hindere die Frauen auch nicht am Stillen, sagt Sommer.

Um die Frauen zu Hause besser versorgen zu können, ist es jetzt für Hebammen versicherungstechnisch sogar möglich, auch kurzfristiger Hausgeburten anzubieten. Das hatte Sommer zuletzt wegen der hohen Versicherungssummen aufgegeben. Nun ist sie froh, wieder drei kleinen Menschen in ihrer heimischen Umgebung auf die Welt geholfen zu haben. "Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann spielt das Drumherum für einen kurzen Moment keine Rolle mehr", sagt die Hebamme. "Es ist unglaublich schön bei einer Geburt dabei zu sein, da vergisst man sogar ganz kurz das Coronavirus."

© SZ vom 02.05.2020

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