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Corona-Krise am Starnberger See:Ausflug ins Sperrgebiet

Sonnenbaden untersagt: An vielen Stegen, wie hier im Inninger Ortsteil Bachern am Wörthsee, sind mittlerweile Schilder angebracht, die das Betreten verbieten. Das Landratsamt hatte die Kommunen dazu aufgerufen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Polizei erwartet an diesem Wochenende einen großen Andrang an den Seen. Landratsamt und Gemeinden wollen Erholungssuchende nun mit Verboten fernhalten.

Die Wettervorhersage klingt verheißungsvoll: Am Wochenende soll es im Fünfseenland sonnig und frühlingshaft warm werden. Klassisches Ausflugswetter und eine Bewährungsprobe dafür, wie weit die Menschen die Ausgangsbeschränkung wegen Corona akzeptieren. Die Polizei hat nach den Erfahrungen am vergangenen Wochenende verschärfte Kontrollen angekündigt und will Verstöße konsequent zur Anzeige bringen.

Ausflugsfahrten mit dem Motorrad oder dem Cabriolet seien nicht erlaubt, auch Picknicken in Gruppen im Park oder längeres Verweilen auf Bänken seien zu unterlassen, teilt das Polizeipräsidium Oberbayern Nord mit. Spazierfahrten sollten auch deshalb unterbleiben, um zu verhindern, dass Verletzte Klinikbetten belegten, die für Corona-Patienten freigemacht worden seien, sagt ein Polizeisprecher.

Die Polizeiinspektionen Starnberg, Herrsching und Dießen bekommen Unterstützung von der Bereitschaftspolizei. "Es wird viel zu tun geben", befürchtet der Starnberger Einsatzleiter Kai Motschmann. In den vergangenen acht Tagen habe es bei 141 Kontrollen 27 Verstöße gegen Abstandsregeln und weitere Bestimmungen gegeben, zudem 38 Beanstandungen. Dießens Polizeichef Alfred Ziegler meldet für die vergangene Woche etwa 100 Verwarnungen und sieben Anzeigen bei 600 Kontrollen. Die Streifen hätten bei einsichtigen Personen aber einen Ermessensspielraum und würden "nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen", betont Inspektionsleiter Ziegler.

Auch das Starnberger Landratsamt reagiert mit verschärften Vorkehrungen und hat Kommunen aufgefordert, gemeindeeigene Stege zu sperren.

Einige Bürgermeister denken sogar laut über ein Ausflugsverbot nach. Damit dürften die Bürger ihre Freizeit nur noch im eigenen Landkreis verbringen. Starnbergs Bürgermeisterin Eva John zum Beispiel hätte angesichts der Ausbreitung des Coronavirus und der begrenzten Kapazitäten der Intensivversorgung in Krankenhäusern Verständnis für ein solches Verbot und für eine Ausgangssperre. Sie hält eine bayernweite oder sogar bundesweit einheitliche Regelung für geboten. Eine Forderung, die ihr Amtskollege Michael Grasl aus Münsing im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zusammen mit anderen Bürgermeistern aus dem Tegernseer Tal und der Walchenseeregion zumindest für Bayern bereits erhoben hat.

Andere Rathauschefs am Starnberger See wollen so weit noch nicht gehen, halten aber die vom Landratsamt angeordnete Sperrung der Stege für "tatsächlich sinnvoll", wie der Pöckinger Bürgermeister Rainer Schnitzler sagt. In seiner Gemeinde gibt es zwei beliebte Ausflugsziele: den Maisinger See und das Badegelände "Paradies" am Starnberger See. "Ich hoffe darauf, dass sich die Leute an die Regeln der Allgemeinverfügung halten", sagt Schnitzler, "aber das Spazierengehen kann und will ich nicht verbieten." Um sich am Wochenende einen Überblick zu verschaffen, will er auf seinem E-Bike durch die Gemeinde fahren.

Feldafings Bürgermeister ist begeisterter Motorradfahrer, doch seine Harley-Davidson bleibt in der Garage. Stattdessen will sich Bernhard Sontheim an diesem Wochenende auf sein Fahrrad schwingen und durch seine Gemeinde fahren. Steg, Strandbad und Freibad Garatshausen sind gesperrt, für den Lenné-Park ist die Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen zuständig. Die Ausgangsbeschränkung ist für Sontheim bislang "kein großes Thema".

In Tutzing sind die Bootsstege seit dem 19. März gesperrt. "Das haben wir sofort gemacht", sagt Bürgermeisterin Marlene Greinwald. Auch sie hat Verständnis für das Erholungsbedürfnis der Großstädter: "Das soll aber nicht heißen: Liebe Münchner, kommt bitte alle zu uns." Im Gegenteil: Sie sieht dieses Wochenende als Test, ob die bisherigen Regelungen ausreichen. Die Tutzinger Parks sind beispielsweise geöffnet, der kommunale Ordnungsdienst wird aber im Einsatz sein.

Auch Wörthsees Bürgermeisterin Christel Muggenthal schickt ihren Ordnungsdienst am Wochenende auf Patrouille. Sie zeigt grundsätzlich Verständnis für den Ausflugswunsch vieler Münchner, aber: "Das konterkariert alle Bemühungen, das Coronavirus einzudämmen." Sie setzt auf die Vernunft der Menschen. Von strengeren Vorgaben will sie anders als der Weßlinger Bürgermeister Michael Muther noch nicht sprechen. Er sagt: "Wir müssen alles unternehmen, damit sich das Virus langsamer ausbreitet. Dabei ist jede Maßnahme gut, auch wenn sie unpopulär ist." Wenn es nicht anders gehe, dann müssten Verbote her. "Das ist so wie bei kleinen Kindern." Seine Gemeinde sperre die großen Stege am Badegelände des Weßlinger Sees und stelle Schilder an den vielen kleinen Stegen rund um den See auf. "Wir weisen auf das neue Betretungsverbot vom Landratsamt hin." Muther sieht zudem die Polizei in der Pflicht "Es kann nicht sein, dass wir Ausgangsbeschränkungen haben und die Leute fahren mit ihren Thermoskannen an die Seen." Für ihn sei das ein Verstoß gegen das Versammlungsverbot.

Ähnliches ist am Ammersee zu hören. Zwar werden die im Sommer dort patrouillierenden Sicherheitsdienste nicht vorzeitig eingesetzt, aber mit mehr Ausflüglern als am vergangenen Wochenende rechnen auch Herrschings Bürgermeister Christian Schiller und Innings Rathauschef Walter Bleimaier. "Zum Glück dürfen die Bootsverleihe nicht öffnen, die Ausflugsdampfer fahren nicht, und die Biergärten sind geschlossen", sagt Bleimaier: "Die Leute können also nur Spazierengehen, nicht mehr." Man könne also nicht mehr tun, als an die Vernunft der Menschen zu appellieren, sagt auch der Herrschinger Rathauschef Schiller: "Denn sonst werden die Ausgangsbeschränkungen doch noch verschärft."

© SZ vom 04.04.2020

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