Corona-Pandemie:Wieder im Lockdown

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Seit Freitag gelten im Landkreis Weilheim-Schongau strengere Corona-Regeln. Davon sind auch Gastronomie und Kultur in Seeshaupt und Bernried betroffen. Wegen der hohen Inzidenz ist allerdings vieles längst geschlossen.

Von Kia Ahrndsen und Florian Zick

Seeshaupt, Mehrzweckhalle, mobile Impfaktion

Der Impfstoff ist schon bald aufgebraucht. Aus Peißenberg werden nur 250 Dosen geliefert.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Penzberger Architektin Anna Gmelin hat Ende vergangenen Jahres das Wutkritzeln erfunden. Über ihren Webdienst "Drawlk", den sie eigentlich entwickelt hatte, um in ihrer Branche Skizzen online austauschen und weiterentwickeln zu können, konnte man nun dem Coronavirus mit wilden Zeichenstrichen virtuell den Garaus machen. "Der Optimist hätte gedacht, dass Wutkritzeln jetzt langsam obsolet sein würde", sagt Gmelin. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Inzidenzwerte sind hoch wie nie. Und bei Gmelin im Landkreis Weilheim-Schongau heißt es nun sogar wieder: Lockdown.

Vergangenen Donnerstag hat der Landkreis erstmals die Inzidenzmarke von 1000 gerissen. Seit Freitag gelten dort wieder verschärfte Regeln: Lokale müssen schließen, Hotels dürfen Gäste nur noch in Ausnahmefällen beherbergen, Freizeitveranstaltungen müssen abgesagt werden, und in Geschäften gilt: maximal ein Kunde je 20 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Das mit der Kundenbegrenzung sei nicht so schlimm, sagt Florian Lipp, Chef vom Kaufhaus Rid, das Filialen in Weilheim, Penzberg und Bad Tölz unterhält. An den Eingängen gebe es einen elektronischen Zähler, zudem seien seine Kaufhäuser so groß, dass sich die Kunden dort gut verteilen könnten. Kopfzerbrechen bereitet ihm allerdings die 2-G-Regel, die von Mittwoch an im bayerischen Handel gelten soll. Er müsse dann also einen Türsteher abstellen, der am Eingang die Leute daraufhin kontrolliert, ob sie geimpft oder genesen sind - und das mitten im so wichtigen Weihnachtsgeschäft. Schon der große Lockdown im vergangenen Advent haben ihnen die Bilanz verhagelt, sagt Lipp - und nun passiere das schon wieder. In Baden-Württemberg könne man sich anschauen, welche Auswirkungen 2 G habe, dort gibt es diese Regelung nämlich schon. Dort hätten die Geschäfte in der Folge zwischen 20 und 40 Prozent an Einbußen hinnehmen müssen, sagt Lipp.

Seeshaupt, Mehrzweckhalle, mobile Impfaktion

Lange Schlangen bilden sich bei einer Impfaktion in der Mehrzweckhalle in Seeshaupt. Die meisten kommen, um sich eine Auffrischung verabreichen zu lassen.

(Foto: Georgine Treybal)

Schwer betroffen ist auch die Gastronomie. Jan Smeets von der "Dorfwirtschaft" am Sportplatz in Seeshaupt ist völlig entnervt. "Wir sind ja de facto schon seit Oktober im Lockdown", sagt er, "seit 2 G kommt kaum noch jemand". Er hat zusammen mit seiner Frau das Lokal erst im März eröffnet, in der Hoffnung, dass Corona bald vorbei sein würde. Der Sommer sei auch super gelaufen, sagt Smeets, doch der Herbst umso schlechter. Überbrückungshilfen kann das Paar nicht erwarten - schließlich gibt es keine Vergleichszahlen aus vorpandemischen Zeiten. Die beiden hoffen nun auf ein Entgegenkommen der Gemeinde als Verpächter. Die Impfaktion am Samstag nebenan in der Mehrzweckhalle war da ein echter Lichtblick. Die Dorfwirtschaft konnte Kaffee verkaufen, und der Seeshaupter Bürgermeister habe für das Team Mittagessen geordert, sagt Smeets.

Seeshaupt, Hotel Sonnenhof

Das Hotel Sonnenhof in Seeshaupt hat Betriebsurlaub bis zum 11. Januar,

(Foto: Georgine Treybal)

Von zehn bis 18 Uhr war die Aktion in der Seeshaupter Mehrzweckhalle angesetzt. Um 8.45 Uhr waren die ersten Impfwilligen schon da. Der Nieselregen bei eisigen Temperaturen konnte sie nicht abschrecken, "da sind wir vom Eishockey einiges gewohnt" sagte einer der Wartenden. Zu Beginn der Aktion standen bereits 120 Menschen aus Seeshaupt, Iffeldorf und Bernried in der Schlange, die allermeisten wollten sich ihren "Booster" abholen. Hiobsbotschaft war allerdings, dass vom Impfzentrum Peißenberg nur 250 Impfdosen geliefert worden waren. Auch der Versuch von Bürgermeister Fritz Egold (CSU), Nachschub zu besorgen, blieb erfolglos. Wartenummer sollten wenigstens dafür sorgen, dass niemand vergeblich anstand. Um 13.30 Uhr war dann alles vorbei, berichtete der Seeshaupter Gemeinderat Manfred Weber (SPD), der vor Ort mit angepackt hatte. In den Räumen der Nachbarschaftshilfe am Tiefentalweg gab es dagegen keine Schlangen. Die Heilpraktikerin Christin Kuhnert hatte dort für ihre Patienten Termine mit dem Arzt Otto Pecher aus Aying vereinbart. Er habe, so Pecher, schon im Oktober genug Impfstoff bestellt, weil er mit steigenden Inzidenzen gerechnet habe. Auf der Terminliste standen bei ihm auch einige Erstimpfungen.

In den Grenzregionen führt der lokale Lockdown in Weilheim-Schongau auch zu manch skurriler Situation. Elisabeth Sterff vom gleichnamigen Hotel in Seeshaupt musste beispielsweise einigen Gästen absagen, fünf Zimmer waren fürs Wochenende gebucht. Sie habe den Leuten geraten, es im Nachbarort Sankt Heinrich zu versuchen, das im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen liegt; nur wenige Kilometer entfernt gelten jenseits der Landkreisgrenzen nämlich ganz andere Regeln. Von Montag an hat Sterff wieder einige Buchungen von Geschäftsreisenden, die müssen dann aber ihr Frühstück aufs Zimmer bekommen, der Speisesaal ist tabu. Insgesamt, so Sterff, sei das Geschäft aber ohnehin zurückgegangen, als Familienbetrieb müssten sie sich aber wenigstens keine Sorgen über die Pacht machen. Das Restaurant Sonnenhof entzieht sich kurzerhand jeder Lockdown-Diskussion: es schließt von Anfang Dezember bis 11. Januar. Im Dezember verdienen Gastronomen sonst gutes Geld mit Weihnachtsfeiern, die werden heuer aber nur zögerlich gebucht oder womöglich extrem kurzfristig wegen einer Corona-Infektion in der Runde abgesagt.

Seeshaupt, Hotel Post -  Seeresidenz

In der Seeresidenz gibt es kein Kulturprogramm mehr.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Seeresidenz Alte Post in Seeshaupt mit ihrem weit über die Landkreisgrenzen hinausreichenden Kulturangebot hat schon im Vorfeld des Lockdowns freiwillig alles abgesagt. Die 2-G- oder gar 2-G-plus-Regeln wären viel zu aufwendig zu kontrollieren gewesen, das Interesse habe ohnehin drastisch nachgelassen, berichtet Katrin von Canal, die das Kulturprogramm betreut. Die letzte Veranstaltung im November sei schon schütter besucht gewesen, das Weihnachtskonzert Mitte Dezember habe man deshalb gleich gestrichen. Auch die Vernissage der Bilder von Iring de Brauw habe nicht stattfinden können - die Bilder hängen zwar, aber zum Teil auch im Bereich der Bewohner der Seeresidenz. Ein Publikumsverkehr ist hier gerade völlig undenkbar. "Vielleicht gibt es eine Finissage im Januar, oder wir verlängern die Ausstellung einfach", sagt von Canal.

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