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Einzelhandel in der Corona-Krise:Die Kämpferinnen von Herrsching

Boutiquebesitzerin Gabi Huber

Gabi Huber hat das Portal für die Händler initiiert.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Geschäftsleute versuchen, der Krise mit Kreativität zu trotzen. Um so enttäuschter sind sie, ihre Läden erst Ende April wieder öffnen zu dürfen.

Das Aufatmen dauert nur wenige Stunden. In dieser Zeit putzt Gabi Huber ihren Laden. Sie organisiert jede Menge Desinfektionsmittel, bestellt Ware und überlegt sich ein Konzept, wie sie die Anzahl ihrer Kundinnen in ihrer Modeboutique beschränken kann.

Es ist Mittwoch. In den Nachrichten hat die Herrschinger Geschäftsfrau an diesem Tag gehört, auf welche neuen Regelungen sich die Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten geeinigt hat. Demnach hätte sie ihren Laden wie die meisten anderen Geschäftsinhaber der Ammerseegemeinde mitten im Ortszentrum von Herrsching am Montag wieder öffnen können. Nur einen Tag später hat Gabi Huber Tränen in den Augen. Im Internet hat sie die Pressekonferenz des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder verfolgt. Dabei erklärt Söder, Geschäfte wie das von Gabi Huber dürften erst am 27. April öffnen. Weil, wie er unter anderem sagt, die Geschäftsleute die Zeit bräuchten, um sich vorzubereiten. "Ich bin so enttäuscht" sagt die Unternehmerin, die in den vergangenen Wochen 80 Prozent ihres Umsatzes verloren hat. "Und ich verstehe es einfach nicht, wir sind doch alle vorbereitet und könnten ohne Probleme aufsperren."

Gabi Huber weiß genau, was sie sagt. Denn sie ist nicht nur Geschäftsfrau, sondern auch Vorsitzende des örtlichen Gewerbevereins "Wir". Und als solche hat sie in den vergangenen Wochen enorme Anstrengungen unternommen, die betroffenen Geschäftsleute am Ort zum Durchhalten zu bewegen. Optimismus zu verbreiten und Chancen aus der Krise aufzuzeigen. Als vor gut einem Monat die meisten der Herrschinger Gewerbetreibenden mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen ihre Läden nicht mehr öffnen durften, animierte sie sofort die Händler dazu, auf Online-Verkauf und Lieferservice umzustellen und kreierte innerhalb von drei Tagen die Website shopping-in-herrsching.de, auf der sich alle Geschäfte mit ihren Dienstleistungen präsentieren konnten. "Gemeinsam sind wir stark", das war es, was sie damit nach außen zeigen wollte. "Mir war klar, dass Amazon nicht so schnell liefern kann und wird, wir das aber können", sagt sie. Auf dieses besondere Engagement wird auch das Bayerische Fernsehen aufmerksam. Zwei Tage ist ein Fernsehteam vor Ort und dreht einen Beitrag. Er hätte an diesem Donnerstag, 19 Uhr, in der Sendung "mehr/wert" ausgestrahlt werden sollen.

Das Fernsehen dreht einen Beitrag - unter anderem bei Ulli Soré.

(Foto: Isabella Kroth)

Hätte. Denn wieder ist es Söder, der den Geschäftsleuten einen Strich durch die Rechnung macht. Kurzfristig habe er sich den Sendetermin reservieren lassen, erzählt eine andere Geschäftsfrau aus Herrsching, Ulrike Soré. Sie führt das "Mode Mosaik", und sie ist es auch, die über private Beziehungen den Kontakt zum Fernsehen hergestellt hatte. "Mich hat die Kreativität der Geschäftsleute in meiner alten Heimat Herrsching total beeindruckt, das hat schon Vorbildfunktion und Strahlkraft", sagt die Moderatorin und Autorin der Sendung, Isabella Kroth, dazu. Viele Geschichten hat sie bei dem Dreh recherchiert.

Da ist zum Beispiel die Buchhändlerin Karina Trübner, die 2017 die "Bücherinsel" in Herrsching übernommen hat. Einen Online-Bestelldienst bietet sie zwar schon länger an, aber ihren Service dazu hat sie um einiges erweitert. Trübner liefert die Bücher nicht nur aus, sie hat an ihrer Buchhandlung zwei Mülltonnen aufgestellt. Dort hinein packt sie die Bestellungen ihrer Kunden, die diese dann abholen, wann es ihnen passt. Weggekommen sei noch nichts, die Herrschinger sind ehrlich." Dies werde gut angenommen, erzählt sie. Ebenso wie ihre Lese-Care-Pakete für die Corona-Auszeit zuhause. Die Idee: Der Kunde nennt einfach eine Summe, die er ausgeben will; dazu verrät er die Bücher, die ihm zuletzt gefallen haben oder auch ein Genre - etwa Krimis -, das er bevorzugt: "Dann stellen wir ihm ein individuelles Paket zusammen, und er wird überrascht, was wir für ihn ausgesucht haben." Zusammen mit ihrem Lieferservice schafft sie es, als Gewinnerin unter den Herrschinger Geschäftsleuten in der Krise zu gelten: Sie generiert trotz geschlossenen Ladens noch 80 Prozent ihres Umsatzes: "Es macht aber auch sehr viel Arbeit, ich komme oft gar nicht mehr zum Essen." Auch Trübner hatte seit Mittwoch fest damit gerechnet, am Montag wieder öffnen zu können. Sie habe schon Plakate bei einer Druckerei in Auftrag gegeben, mit denen sie ihre Kunden über Hygiene- und Abstandsregeln in ihrem Laden informieren wollte, erzählt sie am Donnerstag: "Es ist für mich unverständlich, warum andere Buchhändler im Land öffnen dürfen und wir in Bayern nicht", sagt sie.

Weniger gut als bei ihr sieht es dagegen bei den anderen Einzelhändlern aus. Auf 70 bis 80 Prozent beziffern sie ihre Umsatzeinbußen. Und das, wie beispielsweise Ulrike Soré für die Modebranche sagt, "in der Zeit, in der wir neben dem September den meisten Umsatz haben". Die Verluste, die sie jetzt einfahre, könne sie auch über das ganze Jahr hinweg nicht mehr hereinholen. Deshalb reagiert auch sie recht betroffen auf die Nachricht, nun noch eine Woche länger geschlossen haben zu müssen. Aber dennoch: "Es hilft ja nix, Gesundheit ist wichtiger, als einen Pulli zu verkaufen." Sie selbst hat in den vergangenen Wochen, durch die Entdeckung neuer Vertriebskanäle, viel gelernt. Ihre Tochter Nathalie habe ihr dabei sehr geholfen, erzählt sie. Sie sei Influencerin auf Instagram mit vielen Tausend Followern: "Ich selbst hatte damit nicht so viel zu tun, aber jetzt sehe ich, wie die Kundinnen auf unsere Beiträge reagieren." Das wolle sie auch in Zukunft nutzen. Zudem sei der Zuspruch, so sagt sie, gewaltig: "Es gibt so viele, die einem Mut machen."

Davon berichtet auch Gabi Huber. Vom Zuspruch der Kundinnen, von Solidarität der Herrschinger und vom neuen "Wir"-Gefühl unter den Geschäftsleuten. Deshalb soll das Online-Portal für den Herrschinger Einzelhandel auch in Zukunft bestehen, wenn alles wieder geöffnet sei, verspricht sie, und das klingt schon wieder etwas kämpferischer: "Bis dahin müssen wir halt das Beste draus machen." Im Fall von Gabi Huber heißt das, den ganzen Tag im Laden zu stehen ohne Kundinnen, die Schaufensterpuppe an- und auszuziehen, die Outfits zu fotografieren und auf Facebook zu stellen, bisweilen ihre Kundinnen auch virtuell mit dem Handy durch ihr Sortiment zu führen, die Bestellungen entgegenzunehmen, auszuliefern und das wieder abzuholen, was nicht passt. "Ich hätte wie alle anderen einfach gern wieder aufgesperrt, die Kundinnen warten ja darauf."

Buchhändlerin Karina Trübner

Auch Karina Trübner erhielt Besuch vom Filmteam.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Doch nun muss sie sich wie die meisten anderen Händler weiter in Geduld üben. Einen kleinen Trost gibt es dann doch noch an diesem Donnerstagnachmittag. Das Fernsehen kündigt an, den Beitrag über die Herrschinger doch noch zu senden. Am nächsten Donnerstag, 23. April, 19 Uhr.

© SZ vom 17.04.2020/abec
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