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Corona-Auszeit: Die Kabarettistin:Busserl-Gutscheine für alle

Constanze Lindner hatte am vergangenen Donnerstag ihren vorerst letzten Auftritt. Wie es bei ihr auch finanziell weitergeht, ist unklar. Trotzdem bleibt die 46-Jährige optimistisch - und verschenkt Küsse.

Der Satz hat etwas Prophetisches: "Wir müssen jetzt alle sehr stark sein" steht auf Constanze Lindners Homepage zu lesen. Und das bezieht sich ursprünglich nicht auf Corona, sondern auf das derzeitige Soloprogramm der Kabarettistin: "Miss Verständnis". Tatsächlich zeigt die 46-Jährige, die im Fünfseenland zuhause ist, auch nun in Zeiten, in denen sie von heute auf morgen wegen des Virus nicht mehr auf den Bühnen auftreten kann, viel Stärke.

SZ: Frau Lindner, wie geht es Ihnen?

Constanze Lindner: Ich war schon immer ein positiver, grundoptimistischer Mensch, und daran hat sich auch nichts geändert. Und ich verstehe auch die Einschränkungen im Alltag, die wir nun alle hinnehmen müssen, das ist alles gut so. Es beschleicht einen nur ab und zu schon ein komisches Gefühl, das geht uns ja allen so, weil das Ganze schon arg surreal ist.

Ziehen Sie sich denn nun zurück?

Ja, ein wenig. Irgendwie ertappe ich mich dabei. Ich war beispielsweise gerade bei Freunden in Weßling und wir haben im Garten Kaffee getrunken - mit einem gehörigen Abstand voneinander. Die haben mir dann von einem Privatfest erzählt, das noch am Freitag stattgefunden hat, da war dann auch eine Frau dabei, die als Pflegekraft arbeitet. Sie haben noch ganz lustig und ausgiebig gefeiert, dann wurde die Frau wegen ihres Jobs routinemäßig wegen Corona getestet und war plötzlich am Montag positiv. Das ist irgendwie total crazy. Und auch ich, die jeden umarmt, halte mich da zurück. Ich habe neulich bei einem Auftritt schon Bussi-Gutscheine verteilt, die die Leute dann einlösen können, wenn das wieder möglich ist.

Constanze Lindner, 2018

Kabarettistin Constanze Lindner will in dieser Zeit vor allem eine positive Grundstimmung verbreiten und Menschen ein Lachen schenken.

(Foto: Catherina Hess)

Das ist ja sehr charmant. Wann standen Sie denn zuletzt auf der Bühne?

Am vergangenen Donnerstag in Coburg. Das war auch schon sehr seltsam, denn die Stimmung war wesentlich verhaltener als sonst. Und ich bin ja so körperlich. Ich agiere ja viel mit Publikum, hole Menschen auf die Bühne und gehe auch zu ihnen in den Zuschauerraum. Das gehört für mich dazu. Klar, habe ich das nicht mehr gemacht, mein Programm entsprechend umgeschrieben. Aber nachdem die Stimmung so anders war als sonst, die Zuschauer auch weiter voneinander entfernt saßen, dachte ich mir schon: "Das kann nicht so weitergehen." Am Freitag sollte ich dann in Bamberg auftreten, als ich im Auto saß, wurde das abgesagt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich bin erst einmal in das etwa eineinhalb Stunden entfernte Selb gefahren und habe mir ein tolles Porzellan gekauft. Das musste sein. Und das freut mich jetzt.

Sie klingen aber noch immer ganz vergnügt, trotz des Ausfalls, mit dem ja auch Sie jetzt klar kommen müssen.

Ja, bis Mitte April ist bei mir jetzt erst mal alles auf Eis gelegt. Und klar: Das ist ein finanzielles Desaster für alle Künstler, für jeden Freiberufler. Wir bekommen ja nur theoretisch Arbeitslosengeld, auch wenn wir Sozialabgaben zahlen. Doch viele schaffen die Tage der Festanstellung, die sie dafür bräuchten, gar nicht. Und ja, natürlich gibt es auch viele Zusagen für Unterstützung seitens der Regierung. Aber mir wurde auch gerade die Einkommenssteuer-Vorauszahlung für 2020 abgebucht - Geld, das wohl jeder Künstler jetzt gebrauchen könnte. Aber es dauert ja auch ein wenig, bis Unterstützung oder Zusagen umgesetzt sind, vor allem, wenn sich laufend alles ändert, da kommt ja keiner mehr mit, so schnell geht das.

Sie jammern nicht?

Warum sollte ich? Ganz echt: Ich habe mich ja am Donnerstag in Coburg schon gefragt, wie das weitergehen soll. Manche haben ihre Karten zurückgegeben, manche sind gar nicht gekommen. Da wird einem klar, dass das alles nicht mehr so funktionieren kann. Und man fragt sich, wie man reagieren soll, ob man absagen soll, ob das nicht besser wäre. Die Entscheidung ist uns jetzt abgenommen worden. Aber es passiert auch viel Schönes. Mir gefällt zum Beispiel, dass jeder mit großem Verständnis reagiert, Veranstalter, Künstler, Agenturen. Keiner regt sich auf. Alles geht Hand in Hand. Und ich freue mich an Dingen, die jetzt einfach so wieder passieren: Meine Mama hat mir zum Beispiel einen Brief geschrieben mit einem Schokoladenherz drin "Pass auf Dich auf", das ist total süß. Und eine Freundin hat mal wieder einfach so angerufen. Wann bekommt man heutzutage noch ganz normale Anrufe?

Einzulösen sind diese Coupons, wenn Küssen wieder erlaubt ist.

(Foto: Constanze Lindner)

Und was machen Sie jetzt gegen die verordnete Untätigkeit?

Kreativität ist da schon gefragt. Und ich schreibe halt schon jetzt meine Moderationen für Mai, wenn das Vereinsheim wieder ansteht - bin gespannt, ob das dann mit Publikum sein wird, wenn wir da auftreten. Kollegen zeigen zum Beispiel Präsenz in den sozialen Medien, stellen Clips oder so ein, da passiert unglaublich viel und sehr viel Spannendes. Ein Live-Konzert im eigenen Garten zum Beispiel, das man dann aufnimmt und ins Netz stellt. Das ist doch cool. Damit ist zwar bislang kein Geld verdient, aber es ist Unterhaltung, Ablenkung. So etwas mache ich jetzt auch. Wenngleich ich mir Gedanken um diejenigen mache, also die meist älteren Zuschauer, die keinen Bezug zu Facebook und Co. haben.

Wie wollen Sie die beglücken?

Hier bei uns auf dem Land geht vieles leichter als in der Stadt. Ich werde jetzt einfach ein paar Bussi-Gutscheine mehr verteilen. Vielleicht auch Kuchen backen und damit durch die Straßen ziehen. Oder Zettel mit Witzen verschenken. Einfach Optimismus und Freude verbreiten. Lachen ist doch schön! Und wichtig - für uns alle.

Vielen Dank - und bleiben Sie gesund!

© SZ vom 19.03.2020
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