Christine Borst über ihren Rücktritt "Die schwierigste Entscheidung meines Lebens"

Vor zwei Monaten ist Kraillings Bürgermeisterin völlig überraschend zurückgetreten. Die Ärzte stellten eine Herzerkrankung fest. Nach Klinik und Reha spricht die 64-Jährige über die Warnschüsse ihres Körpers und wie sie ihren Alltag verändern will.

Von Carolin Fries

Christine Borst ist nach Krankenhaus und Reha zurück in Krailling. Nach 30 Jahren „durchpowern“, wie sie sagt, hat sie nun Zeit für Hobbys, etwa das Malen.

(Foto: Nila Thiel)

Plötzlich war sie verschwunden - und niemand wusste, was passiert war. Mitte Januar verließ Christine Borst vorzeitig den Neujahrsempfang der CSU. Es sollte ihr letzter Auftritt als Kraillinger Bürgermeisterin sein: Noch in der Nacht wurde die 64-Jährige vom Rettungsdienst mit Verdacht auf Herzinfarkt in eine Klinik gebracht. Eine Woche später gab sie schriftlich ihren Rücktritt bekannt. Die Ärzte hatten eine Herzerkrankung diagnostiziert. Nach sieben Wochen Krankenhaus und Reha ist Christine Borst, die elf Jahre lang an der Spitze der Rathausverwaltung stand, wieder zurück zu Hause. Im Interview spricht sie über ihre Erkrankung und die Schwierigkeit des Loslassens.

SZ: Seit vergangenem Wochenende sind Sie wieder zu Hause in Krailling. Wie geht es Ihnen?

Christine Borst: Ganz gut. In den vergangenen Wochen in Klinik und Reha ist viel gemacht worden, man hat mich regelrecht "aufgepäppelt", wofür ich sehr dankbar bin. Denn der Zustand, in dem ich dort angekommen bin, war nicht so schön.

Wie war Ihr Zustand?

Ich will nicht meine Krankheitsgeschichte ausbreiten, doch es ist ja bekannt, dass ich in den vergangenen Jahren drei Warnschüsse hatte, wo der Körper einfach nicht mehr konnte und mir signalisiert hat, dass ich das Leben, dass ich bis dato gelebt und geliebt habe - und das ist ja das Schwierige - so nicht mehr weiterleben kann. Ich wurde gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, und Sie können mir glauben, es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Denn ich bin ein Mensch, der die Dinge, die er anfängt, gewöhnlich auch zu Ende bringt.

Wie wird sich Ihr Alltag verändern? Reicht es aus, nicht mehr zu arbeiten oder müssen Sie weitere Einschränkungen treffen?

In der Reha habe ich gelernt, wie mein künftiges Leben aussehen muss. Dazu gehört vor allem viel Bewegung und Sport und gesunde Ernährung. Das weiß man ja grundsätzlich, bloß für mich ist es lebensnotwendig. Ich habe die vergangenen 30 Jahre lang durchgepowert, erst mit der eigenen Firma und dann im Bürgermeisteramt und die Signale überhört - jetzt muss ich an mich denken. Es ist für mich und die Politik zwar ein bisschen zu früh, der Plan war, dass ich 2020 aufhöre, aber weit bin ich mit fast 65 ja nicht vom normalen Ruhestandsalter entfernt.

Wie waren beziehungsweise sind die Reaktionen auf Ihren Rücktritt?

Mein Mann hat mir die Post mit in die Klinik gebracht. Ich habe ganz viel Zuspruch von meinen Mitarbeitern, den Bürgermeisterkollegen, den Verbands- und Vereinsvorsitzenden und den Kraillinger Bürgerinnen und Bürgern erfahren, das tut gut, gerade wenn man sich schlecht fühlt. Am Dienstag war ich erstmals wieder im Wald beim Walken, als mir ein Bürger mit Willkommensgrüßen begegnet ist. Er sagte, kein Beruf der Welt sei es wert, die eigene Gesundheit zu opfern.

Waren Sie schon im Rathaus?

Noch nicht. Aber ich war natürlich während meiner Krankenhauszeit mit den Mitarbeitern in Verbindung. Ich weiß, was läuft, und bin wahnsinnig stolz, wie gut die Mitarbeiter und meine Stellvertreterin im Rathaus das machen. Das heißt, Ihren Schreibtisch werden Sie erst noch räumen müssen... Das mache ich peu a peu. Ich werde demnächst einmal mit den Mitarbeitern einen Termin vereinbaren, ich will mich nach so vielen Jahren natürlich gebührend verabschieden. Aber erst darf ich noch ein bisschen Luft holen. Nun ist ja doch einiges passiert in Ihrer Abwesenheit. Die Finanzen sind so knapp, dass diese Woche eine Haushaltssperre erlassen wurde, und die langjährige Planung der Ortsmitte muss wegen einer Kostenexplosion neu überdacht werden. Das wäre mit mir im Amt genauso passiert. In beiden Fällen wurde die richtige Entscheidung getroffen.

Juckt es Sie nicht, gerade in solchen Momenten wieder am Ruder zu sitzen, um mitentscheiden zu können - etwa wo jetzt bei der Ortsmitte gespart wird?

Nein. Ich habe mich letztlich - nach vielen Nächten, in denen ich mit mir gerungen habe - ganz bewusst entschieden. Man muss loslassen können. Wissen Sie, man hat es mir nicht angesehen, aber ich bin des öfteren vor Sitzungen daheim gesessen und habe mir gedacht, ich schaffe es nicht. Mein Herz hat eine verringerte Leistung, das merke ich einfach. Mir fehlt die Kraft, weshalb es an der Zeit für jemand Neuen ist. Drei Kandidaten stehen für Ihre Nachfolge zur Wahl. Für Sie eine Überraschung? Herr Jörgens natürlich nicht, aber die anderen beiden schon. Es freut mich, dass sich trotz der erschwerten Bedingungen drei Kandidaten gefunden haben, die sich dieses Amt zutrauen. Jetzt hat der Bürger das Wort.

Wie sieht es eigentlich mit Ihrem Kreistagsmandat aus? Werden Sie dieses einzige Amt, das nicht an den Bürgermeisterposten gebunden ist, behalten? Ich habe schon gedacht, dass ich das für diese Amtszeit noch zu Ende bringe, wenn ich auch erst nach Ostern wieder einsteigen will. Doch zunächst muss ich einmal abwarten, wie mir der Alltag bekommt. Die letzten Wochen musste ich mich ja nur an den gedeckten Tisch setzen. . .