Buchheim-Museum Bernried Bilder des Grauens

"Nie wieder Krieg" lautet die Botschaft der Ausstellung mit Werken von Otto Dix und Max Pechstein, die eindringlich an die Gräuel des Ersten Weltkriegs erinnert.

Von Katja Sebald, Bernried

Zu den Symptomen eines Traumas gehören vor allem unkontrollierbar wieder und wieder aufscheinende Bilder, die den Betroffenen lähmen und aus seinem Leben zu werfen drohen. 1914 zogen junge Männer, darunter auch viele Künstler, mit großer Begeisterung in den Krieg. Nicht wenige kehrten schwer traumatisiert zurück. Auch Otto Dix wurde von Bildern des Grauens verfolgt. 1924, im von der pazifistischen "Nie-wieder-Krieg"-Bewegung ausgerufenen internationalen Antikriegsjahr, erschien sein 50 Blätter umfassender Radierzyklus "Der Krieg", der jetzt im Bernrieder Buchheim Museum gezeigt wird. Durch die Gegenüberstellung mit der Aquarellserie "Somme-Schlacht" von Max Pechstein gewinnen die Kriegsschilderungen noch an Eindringlichkeit.

Ab Herbst 1915 nahm Otto Dix am Stellungskrieg in Frankreich teil, 1916 kämpfte er in der Somme-Schlacht, eine der größten Schlachten an der Westfront des Ersten Weltkriegs. Danach wurde er an die Ostfront geschickt, kehrte an die Westfront zurück und erlebte schließlich das Kriegsende in Posen. Was er fünf Jahre später auf die Radierplatte bannt, hat er mit eigenen Augen gesehen: Männer mit Gasmasken und Handgranaten, ein von Leuchtkugeln erhelltes Trichterfeld. Verschüttete und Verwundete, mit Leichen übersäte Kampfplätze und Pferdekadaver. Vermodernde Leiber und zerfressene, unerbittlich starrende Gesichter von Toten. Schließlich eine schreiende, eine verzweifelte, eine irrsinnig gewordene Mutter, die versucht, ihr totes Kind zu stillen. Es sind die Bilder, die Otto Dix verfolgten, die sich ihm unerbittlich eingebrannt hatten.

"Sturmgruppe geht unter Gas vor" heißt das Bild von Otto Dix, der selbst Kriegsteilnehmer an West- und Ostfront war.

(Foto: Georgine Treybal)

Es lohnt sich, nah an diese vor einer dunklen Wand auf Augenhöhe in einer Linie gehängten Blätter heranzugehen. n ihrer drastischen Darstellung, aber auch in ihrer technischen Virtuosität sind sie allenfalls vergleichbar mit den "Desastres de la Guerra", dem weltberühmten Radierzyklus von Francisco de Goya. Dix beherrscht die verschiedenen Techniken der Radierung meisterhaft und setzt sie oftmals nebeneinander auf einem Blatt ein. So entstehen etwa durch Aquatinta schemenhafte Schattenwelten und durch die Kaltnadeltechnik schmerzhaft nervös zuckende Striche. Die beim Ätzverfahren eingesetzte Säure hat sich ins Metall der Platte gefressen, wie die Verwesung sich Leichen frisst und wie sich diese Bilder ins Gedächtnis fressen. Jedes einzelne Blatt stellt einen Moment der Erstarrung dar, des lähmenden Grauens: Nichts bewegt sich mehr, es scheint keine Zukunft mehr zu geben.

Die zweite, oberhalb in lockerer Folge gehängte Bildreihe verstärkt diesen Eindruck noch, denn bei Pechstein ist alles in Bewegung: Auch bei ihm gibt es Soldaten mit Gasmasken und Granaten, aber sie marschieren mit großen Schritten voran. Auch er zeigt Kampfszenen und Granateneinschläge, die Soldaten fliegen förmlich durch die Luft. Ein Verwundeter wird eilig in ein hell erleuchtetes Lazarett getragen, im Hintergrund scheinen Explosionen wie Sterne auf. Schwarze Konturen und Tuschelinien, die Bewegungsrichtungen verdeutlichen, betonen die Dynamik der Zeichnung zusätzlich, bei den Aquarellfarben gibt es nur ein Grasgrün für alles Lebendige und ein Blutrot für den Kampf.

Kampf um Leben und Tod aus Perspektive von Max Pechstein.

(Foto: Georgine Treybal)

Pechstein, für den das Kriegsjahr 1917 zu einer seiner produktivsten Schaffensperioden werden sollte, kämpfte mit dem Pinsel, nicht mit dem Gewehr: Er war weit hinter der Frontlinie stationiert, malte Kommandanten, zeichnete Karten und entwarf Propagandaplakate. Und so feiern auch seine 25 Blätter mit den fast im Stil eines Comics flott gezeichneten Darstellungen von der Somme-Schlacht das Soldatendasein.

"Nie wieder Krieg" - das ist die Botschaft, die Museumsdirektor Daniel J. Schreiber zum 100. Jahrestag des Kriegsendes mit der Kabinettausstellung "Der Erste Weltkrieg in Bildern" vermitteln will. Er nehm den 20. Jahrestag der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung über die Restitution von NS-Raubkunst zum Anlass, erste Ergebnisse der Provenienzforschung im Buchheim-Museum zu präsentieren: Für die jetzt gezeigten Werkgruppen wurde gezielte zu Herkunft und Vorbesitzern recherchiert - allerdings ohne dass sich Verdachtsmomente erhärteten.