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Brexit in Gauting:Goodbye, Mr. Sinclair

Planegg Steinhausen, Engländer Michael Sinclair

Michael Sinclair gilt nicht mehr als EU-Bürger. Deswegen darf der Gautinger nach dem Brexit nicht mehr an Kommunalwahlen teilnehmen.

(Foto: Georgine Treybal)

Wegen des Austritts Großbritanniens aus der EU darf Michael Sinclair nicht mehr auf der Liste der Gautinger Piraten antreten. Auf den Brexit folgt sein Pirexit.

Noch vor acht Wochen war er EU-Bürger, genau genommen ist er es sogar bis diesen Freitag. Und als solcher hat er sich damals für die Gemeinderatsliste der Piraten und "Menschen für Gauting" aufstellen lassen. Doch von Mitternacht an wird Michael Sinclair als Brite nicht mehr dem vereinten Europa angehören - und er verliert sein aktives und passives Kommunalwahlrecht. Aus der Liste der Gautinger Piraten muss er sich wegen des Austritts verabschieden, von dem er gar nichts hält. Auf den Brexit folgt sein Pirexit.

Vor einigen Tagen informierte der Wahlleiter den Piraten-Gemeinderat Tobias McFadden, dass die im Bund mit den "Menschen für Gauting" erstellte Wahlliste mangelhaft sei. Die Piraten mussten Sinclair von Platz elf abziehen, nun rücken alle dahinter platzierten Bewerber einen Rang nach vorn, auf Platz 30 springt Ersatzkandidat Stephan Limmer ein. "Wir bedauern sehr, dass Sinclair nicht antreten kann", sagt McFadden. Beide sind auch stellvertretende Kreisvorsitzende der Piratenpartei. Bei der Kommunalwahl 2014 erhielt Sinclair auf der Gautinger Liste die drittmeisten Stimmen.

"Ich hab' jetzt überhaupt kein Wahlrecht mehr - in keinem Land der Welt," sagt der 52-Jährige, der genau die zweite Hälfte seines Lebens in Gauting verbracht hat. An politischen Entscheidungen im Königreich darf er schon länger nicht mehr teilnehmen: Nach 15 Jahren im Ausland verlieren Briten ihr Wahlrecht. Auch bei der Abstimmung über den Brexit 2016 konnte er kein Votum über die europäische Zukunft des Landes abgeben. Natürlich hätte er gegen den EU-Austritt gestimmt.

Sinclairs politischem Engagement wird der Verlust des Wahlrechts aber keinen Abbruch tun. Seit Anfang 2019 ist er für die Piraten auf Bundesebene Themenbeauftragter für Migration, Asyl und Inklusion: "Ich lass da nicht locker", sagt Sinclair. Zu den kommenden Parteiaufgaben gehörten die Vorbereitung von Veranstaltungen zur 75. Wiederkehr der Befreiung am 8. Mai 1945.

In gewisser Weise ist er selbst ein Kind der Neuordnung Europas nach dem Krieg: Er kam 1967 in Nordrhein-Westfalen zur Welt, weil sein Vater dort im britischen Militär diente - wie seit Generationen fast alle Männer in der Familie. "Das waren goldene Zeiten, als das Pfund noch neun Mark wert war, dann ging es leider den Bach runter", erinnert sich Sinclair lachend. Das Alter von sieben bis 17 Jahren verbrachte er in Südengland, dort absolvierte er Schulen und Militärakademie. Dann ließ auch er sich als Soldat nach Deutschland versetzen und war erst in Dortmund bei den königlichen Streitkräften stationiert.

Dem Militär hat er längst den Rücken gekehrt, Sinclair arbeitet als Logistiker bei einem Pharma-Großhandel in Planegg. Den Ausländerbeirat des Landkreises Starnberg verließ er 2016 aus Protest gegen die CSU und deren Integrationsgesetz. Sein Ziel sei, Diskriminierung und Rassismus durch Aufklärung zu bekämpfen. Als er zuletzt vor zwei Jahren in England auf Besuch war, "musste ich sogar in der eigenen Familie Aufklärungsarbeit leisten", sagt Sinclair. Sein ältester Bruder und die jüngere Schwester hätten für den Brexit votiert und rechte Positionen vertreten.

Die deutsche Staatsbürgerschaft will er nicht erwerben. Sinclair fühle sich weder als Deutscher noch als Brite und schon gar nicht als Engländer: "Gefühlt bin ich immer Schotte gewesen, obwohl ich in meinem ganzen Leben bloß vielleicht 28 Tage in Schottland war." Aber seine Eltern sind Schotten: "Meine Mutter hat noch gälisch geflucht - da hieß es für uns: in Deckung gehen", sagt Sinclair und lacht. Für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten hat er Verständnis: "Die Engländer treten aus der EU aus, lassen die Schotten aber nicht gehen - das ist komplett ungerecht."

© SZ vom 31.01.2020
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