Süddeutsche Zeitung

Ammersee:Wo das Christkind mit Salutschüssen begrüßt wird

Die Dießener Kanoniere beleben das "Christkindloschiaß'n" über den Ammersee. Die Andechser Kameraden wollen das nicht auf sich sitzen lassen - und feuern vom anderen Ufer zurück.

Von Ute Pröttel

Sie weisen dem Christkind den Weg zur Erde. "Wo wir schießen, da sind die bravsten Kinder", sagt augenzwinkernd Dominik Werner, Schützenmeister der Dießener Kanoniere. Die Kinder freilich sollten sich bei den kapitalen Kanonschlägen, die Werner und seine Schützen am Abend des 23. Dezember über den Ammersee jagen, besser gut die Ohren zu halten. Die Dießener Kanoniere haben es sich zur Aufgabe gemacht, einen uralten Brauch wieder aufleben zu lassen: Das "Christkindloschiaß'n" - bei dem die Andechser Schützen vom anderen Ufer zurückfeuern.

Dafür haben die Dießener 2012 eigens einen Verein gegründet. Gut ein Jahr hat es gedauert, bis sie alle Schulungen zum strengen Sprengstoffgesetz absolviert hatten, damit die Schützen ausreichend Schwarzpulver für ihre Kanonen kaufen durften. Die Kanonen haben sie in der Zeit selber gebaut. Drei Vorderlader und ein großer Standböller gehören dem Verein. Besonders stolz sind die Dießener auf ihre größte Kanone, der sie den klingenden Namen "Gloria" gegeben haben.

Das Kanonenrohr stammt von Hermann Schillinger aus Vachendorf. Der rollende Untersatz, Lafette genannt, wurde nach den Originalbauplänen des französischen Artilleriegenerals Vicomte de Gribeauval gefertigt. 200 Kilogramm schwer ist das Gerät. "Unsere Kanonen sind Lärmgeräte, keine Waffen", stellt Werner klar. Und bedienen darf ein solches Lärmgerät nur, wer eine absolut weiße Weste hat. Der Aufwand für die nötige Unbedenklichkeitsbescheinigung nach dem Sprengstoffgesetz ist viel größer als ein polizeiliches Führungszeugnis.

Am 23. Dezember 2013 war es dann endlich so weit, die Dießener Kanoniere veranstalteten ihr erstes Christkindloschiaß'n. "Es war ein bitterkalter Abend, aber sternenklar." Fünf Schussfolgen sollten geschossen werden, und während die Schützen ihre Kanonen nachluden, spielten die Dießener Alphornbläser.

Rund hundert Zuschauer waren in die Seeanlagen gekommen. Sie wurden Zeugen eines eindrucksvollen Echos, mit dem niemand gerechnet hatte. Von der Erlinger Höhe im Osten prallte der Schall nach wenigen Sekunden zurück und wurde von der Anhöhe hinter Dießen wiederum zurückgeworfen. "Das Echo des Knalls hüllt einen förmlich ein", beschreibt es Tamás Hetényi, zweiter Schützenmeister.

Aus dem Böllern wurde ein Dialogschießen

Das Geböller der Dießener blieb nicht unbemerkt. Schon im Jahr darauf bezogen die Erlinger Böllerschützen auf dem gegenüberliegenden Höhenzug Position und feuerten in der Nachladepause zurück. Im Sommer hatten sich die beiden Vereine bei einer Fahnenweihe kennengelernt und dieses Dialogschießen vereinbart. Nicht in jedem Jahr ist das Echo der Salutschüsse allerdings ganz klar und rein zu vernehmen. Es hängt stark von der Wetterlage ab.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war das Christkindloschiaß'n ein weit verbreiteter Brauch. "Meine Oma hat mir immer davon erzählt", berichtet der 36-jährige Dominik Werner. Die Familie mütterlicherseits stammt aus dem Dachauer Raum. Und am Vorabend des 24. gingen die Großväter und Väter mit ihren Jagdgewehren raus, um dem Christkind Salut zu schießen.

In seinen Augen hat der Brauch zwei Bewandtnisse: Zum einen sollen die bösen Geister und Dämonen vertrieben werden, zum anderen meint Werner: "Hochgestellte Persönlichkeiten oder Thronfolger werden ja heute auch noch mit Salutschüssen willkommen geheißen. Wem wenn nicht dem Christkind gebühren dann Salutschüsse."

Die Hundebesitzer sind nicht so begeistert

Auch heuer werden die Schützen wieder am 23. abends am Südende des Ammersees Stellung beziehen. "Und jedes Jahr kommen hundert Zuschauer mehr", berichtet Tamás Hetényi. Nur Hundebesitzer in der Umgebung sind nicht begeistert. Sonst herrscht in Dießen besinnliche Stimmung. Die Zuschauer bringen sich ihren Glühwein oder "Jagatee" selber mit. Die Veranstaltung ist nicht kommerziell.

In Erling hat sich in diesem Jahr der Trachtenverein erstmals mit den Böllerschützen zusammen getan und entzündet eine Stunde vor dem Christkindloschiaß'n ein großes Wintersonnwendfeuer. Bei kalten und warmen Getränken sowie Gegrilltem laden die Kienthaler ein, dem Christkindloschiaß'n zu lauschen. Und wenn die Nacht klar ist, kann man sogar das Mündungsfeuer der Kanonenrohre in Dießen sehen.

Sonnwendfeuer, 17.30 Uhr, Parkplatz Erlinger Höhe Richtung Fischen. Christkindlo'schiaßn, 19 Uhr Dießen, Seeanlagen beim Dampfersteg

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SZ vom 22.12.2017/vewo
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