Brahmstage Tutzing:Sinfonisches Doppel

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Brahmstage Tutzing: Stemmen die 25. Auflage der Tutzinger Brahmstage: Elisabeth Carr von den "Kunsträumen am See" zusammen mit (v.li.) Stephan Beck, Thomas Zagel und Andreas Dessauer vom Freundeskreises des Festivals.

Stemmen die 25. Auflage der Tutzinger Brahmstage: Elisabeth Carr von den "Kunsträumen am See" zusammen mit (v.li.) Stephan Beck, Thomas Zagel und Andreas Dessauer vom Freundeskreises des Festivals.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Klassikfestival nimmt sich zum 25. Jubiläum ein besonders reizvolles Programm vor: Die Münchner Symphoniker spielen an vier Abenden Sinfonien von Brahms und Dvořák.

Von Gerhard Summer

Andere Meister kreuzen schon mal die Klingen oder duellieren sich am Klavier. Johannes Brahms und Antonin Dvořák käme so etwas nicht in den Sinn. Sie reden nur in den höchsten Tönen voneinander.

"Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle! Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben", urteilt Brahms über den böhmischen Komponisten. Dvořák wiederum preist seinen "unschätzbaren Gönner", dem er so viel verdanke. Einer seiner späten Briefe an den Hamburger endet mit einer bodentiefen Verbeugung: "So verbleibe ich in unbegrenztester Verehrung Ihres Genius". Denn Brahms setzt sich für Dvořák so ein, wie sich sein eigener Mentor Robert Schumann einst für ihn verwandt hatte, und ebnet ihm den Weg zum Ruhm.

Brahmstage Tutzing: Johannes Brahms (1833-1897).

Johannes Brahms (1833-1897).

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)
Brahmstage Tutzing: Antonin Dvořák (1841-1904) in einem zeitgenössischen Gemälde von Max Svabinsky.

Antonin Dvořák (1841-1904) in einem zeitgenössischen Gemälde von Max Svabinsky.

(Foto: dpa)

Die 25. Tutzinger Brahmstage, die mit dem 125. Todestag ihres Namensgebers zusammenfallen, stehen ganz im Zeichen dieser ungewöhnlichen lebenslangen Freundschaft. Zum doppelten Jubiläum gibt es vier Doppel: die Sinfonien von Brahms, kombiniert mit den populärsten und schönsten Pendants von Dvořák, und das alles an vier Sonntagen hintereinander. Zum Auftakt am kommenden Montag lesen Alexander Netschajew und Peter Weiß außerdem aus dem Briefwechsel zwischen den beiden Komponisten; das Wiener Klavierduo Johanna Gröbner und Veronika Trisko spielt dazu ungarische und slawische Tänze der beiden Romantiker und elf der 16 kurzen Walzer von Brahms.

Dieser "richtig feine" Spielplan sei eine "einmalige Chance, das so kompakt zu genießen", sagen Thomas Zagel, Stephan Beck und Andreas Dessauer vom Freundeskreis des Festivals, der die Brahmstage stemmt. Und die Starnberger Kulturmanagerin Elisabeth Carr, die wie Jazz-Impresario Manfred Frei aus Gauting mit zu den Organisatoren des Klassikreigens gehört, gerät ins Schwärmen: Es sei schon einmalig, dass im einstigen Fischerdorf Tutzing nun Sinfonien "auf sehr hohem Niveau mit großartigen Musikern erklingen". Womöglich sei so ein Programm bisher noch nirgendwo sonst aufgeführt worden, mutmaßen die Musikexperten Zagel und Beck. Für den Verein, der zuletzt Corona trotzte, ist es auf alle Fälle ein Novum: Die ehrenamtlich arbeitenden Veranstalter haben zwar schon alle möglichen Musikgattungen durch, ob Streichquartett, Kammermusik mit Bläsern, Liedgesang oder Crossover mit Jazz. Aber an die Sinfonien von Brahms wagten sie sich bis dato noch nicht, ist es doch mit hohen Kosten und viel Aufwand verbunden, ein erstklassiges großes Orchester zu verpflichten.

Brahmstage Tutzing: Alondra de la Parra dirigiert die Münchner Symphoniker.

Alondra de la Parra dirigiert die Münchner Symphoniker.

(Foto: Aondra de la Parra)

Zum 25. Festival vom 3. bis zum 30. Oktober geht der Freundeskreis das Risiko ein, er erweist damit seinem im Juni dieses Jahres gestorbenen künstlerischen Leiter Christian Lange Reverenz. Das verwegene Programm sei nämlich das Vermächtnis des Dirigenten, der auch die Richard-Strauss-Tage in Garmisch mitbegründet und zusammen mit Hermann Prey die Herbstlichen Musiktage in Bad Urach gemanagt hatte. Denn Dessauer zufolge plädierte Lange schon Jahre vor dem Gründungsjubiläum immer wieder dafür, "etwas ganz Besonderes" auf die Beine zu stellen und sich Brahms' Sinfonien und den Briefwechsel mit Dvořák vorzunehmen. "Das war seine Vision, und er war so überzeugend und beharrlich", sagt Carr. Der Freundeskreis setzt bei den Konzerten auf die Münchner Symphoniker, eines der drei berühmten Orchester der Landeshauptstadt, das nebenbei an die 650 Filmmusiken eingespielt hat, darunter "Das Boot", "Die unendliche Geschichte" oder "Das Schweigen der Lämmer". Die Leitung übernimmt Alondra de la Parra, eine der wenigen international renommierten Dirigentinnen. Als Konzertsaal dient die Kirche St. Joseph. Etwa 400 Besucher finden in dem Gotteshaus Platz.

"Wenn Sie etwas brauchen, mein Vermögen steht zu Ihrer Verfügung"

Jede Sinfonie der Komponisten Brahms und Dvořák sei natürlich "eine Welt für sich", sagt Beck. Aber bei allen Kontrasten gebe es auch Gemeinsamkeiten, zumal die aufgeführten Werke im Abstand von nur 20 Jahren entstanden seien: die Komprimierung von Themen, die motivische Strenge, der extrem weit gespannte emotionale Bogen. Brahms habe aus wenig viel gemacht, Dvořák aus dem Vollen geschöpft. Gelegentlich zitierte Brahms' Schützling in seinen Werken auch Themen seines Förderers. Brahms wiederum hatte sich dafür eingesetzt, dass der vormals finanziell klamme Dvořák vier Mal das Stipendium "Österreichischer Staatspreis für Musik" erhielt. Er half dem tschechischen Komponisten beim Schreiben eines Streichquartetts und vermittelte ihm seinen Verleger Fritz Simrock. Das 19. Jahrhundert sei nachgerade süchtig nach kurzen Walzern und Tänzen gewesen, sagen Beck und Zagel. Dvořák gab dem Publikum ebenso wie Brahms, wonach es verlangte: Die Edition seiner slawischen Tänze sei ein Riesenerfolg gewesen. Und so knorrig und spröde sich der Hanseat auch gegeben habe - "er hatte ein großes Herz", sagt Carr. Brahms habe sich nämlich gewünscht, dass Dvořák wie er nach Wien ziehen sollte, und dem Komponisten geschrieben: "Wenn Sie etwas brauchen, mein Vermögen steht zu Ihrer Verfügung". Sein Freund entschied sich allerdings für die USA: 1892 trat er eine mit 15 000 Dollar jährlich dotierte Stelle in New York an.

Dass die Tutzinger Brahms schon so lange in Ehren halten, geht auf eine Stippvisite zurück: Der Komponist hatte den Sommer 1873 in dem Ort verbracht. Er mietete sich ein klappriges Klavier, schrieb unter anderem zwei Streichquartette und unternahm weite Spaziergänge am Ufer des Starnberger Sees ("man sieht sich nicht satt"). 1997, zum 100. Todestag des Komponisten, rief Christian Lange das Festival ins Leben. In Tutzing gastierten seither junge Talente und Berühmtheiten wie Julia Fischer, Hermann Prey, Jonas Kaufmann, Franz Hawlata, Christian Gerhaher und das Henschel Quartett.

Auftakt zu dem Tutzinger Brahmstagen ist am Montag, 3. Oktober (19 Uhr), mit Kammermusik und Lesung in der Evangelischen Akademie. Alle weiteren Termine und Karten gibt es unter www.tutzinger-brahmstage.de.

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