Biografische Ausstellung:Annäherung an den Kunstdemonstrator

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Biografische Ausstellung: Museumsdirektor Daniel J. Schreiber und Claudia Lamas Cornejo mit einem Bild, das Lothar-Günther Buchheim dem Original "Norwegische Landschaft (Skrygedal)" von Karl Schmidt-Rottluff nachempfunden hat.

Museumsdirektor Daniel J. Schreiber und Claudia Lamas Cornejo mit einem Bild, das Lothar-Günther Buchheim dem Original "Norwegische Landschaft (Skrygedal)" von Karl Schmidt-Rottluff nachempfunden hat.

(Foto: Georgine Treybal)

Das "Museum der Phantasie" in Bernried versucht sich mit einer Sonderausstellung an das Lebenswerk seines Gründers Lothar-Günther Buchheim heranzutasten - mit all den darin vorhandenen Brüchen.

Von Katja Sebald

Es sind keine neuen Bilder, die das Bernrieder Buchheim-Museum jetzt im großen Expressionistensaal präsentiert. Aber sie werden aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet und in neuen Zusammenhängen gezeigt: Unter dem Titel "Buchheim. Künstler, Sammler, Alleskönner?" geht es diesmal um den Museumsgründer selbst: Um sein eigenes künstlerisches Schaffen und seine Verstrickung in den NS-Propaganda-Apparat, um die Entstehungsgeschichte seiner Sammlung - und nicht zuletzt um seine Texte, mit denen er die Kunst, die er selbst sammelte, in Büchern, die er selbst verlegte, ins rechte Licht rückte. Die Ausstellung soll erstmals aufzeigen, wie sich all dies zu einem von Brüchen und Kontinuitäten geprägten Lebenswerk fügt.

Natürlich kommt der wortgewaltige Lothar-Günther Buchheim, der die Legende seines Lebens selbst schrieb, auch in dieser Bilderschau zu Wort. Einer der Wandtexte lautet: "Ich höre mich nicht gern ,Sammler' nennen, bin ich doch eher ein Zusammenträger und Wiederausbreiter, recht eigentlich ein Kunstdemonstrator mit missionarischem Tick: Ich will Ideen und Vorstellungen verdeutlichen." Ein "Alleskönner" könnte man noch hinzufügen, wie Carla Schulz-Hoffmann, die langjährige stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Buchheim einmal ironisch nannte.

In der NS-Zeit gehörte Buchheim zu den bestvertretenen Künstlern auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München

Lothar-Günther Buchheim, 1918 in Weimar geboren und 2007 in Starnberg gestorben, war - neben einigem anderen - als Künstler, Sammler und Autor höchst erfolgreich. Als 14-jähriger malender "Wunderknabe" machte er mit Stadtveduten und Illustrationen von sich reden. Als Kunststudent begann er eine Karriere in der Propagandakompanie der Marine, wo er sich als Wort- und Bildberichterstatter einen Namen machte. In der NS-Zeit gehörte er zu den bestvertretenen Künstlern auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München. Nach dem Krieg trat er als Maler kaum mehr in Erscheinung, reüssierte aber zunächst als Kunsthändler und Verleger, bis er dann auch als Autor Erfolge feierte. Er widmete sich nun der in der NS-Zeit als "entartet" gebrandmarkten klassischen Moderne, insbesondere den deutschen Expressionisten. Seine Bücher zu "Brücke" und "Blauer Reiter" entwickelten sich zu Standardwerken. Seine eigene Sammlung expressionistischer Kunst erlangte Weltgeltung, als er sie in den 1980er Jahren auf eine Ausstellungstournee durch Westeuropa, Russland, Israel, Japan und Amerika schickte. 1998 feierte sie im Münchner Haus der Kunst einen spektakulären Erfolg, bevor sie im 2001 eröffneten "Museum der Phantasie" ihr endgültiges Zuhause fand.

Biografische Ausstellung: Lothar-Günther Buchheim und seine Frau Dietlind schauen 1999 dem Richtkranz nach, der über der Baustelle zu Buchheims "Museum der Phantasie" in die Höhe gezogen wird. Das Museum, dessen Standort zuerst umstritten war, wurde im Jahr 2001 eröffnet und beherbergt die Kunstsammlung Buchheims.

Lothar-Günther Buchheim und seine Frau Dietlind schauen 1999 dem Richtkranz nach, der über der Baustelle zu Buchheims "Museum der Phantasie" in die Höhe gezogen wird. Das Museum, dessen Standort zuerst umstritten war, wurde im Jahr 2001 eröffnet und beherbergt die Kunstsammlung Buchheims.

(Foto: Frank Mächler/dpa)

Nach dem Tod von Buchheims Witwe Dietlind im Jahr 2014 kamen weitere Bestände der Sammlung nach Bernried. Rechnungen, Quittungen und private Dokumente ermöglichten eine Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte. In einer Besenkammer im Feldafinger Wohnhaus fanden sich aber auch von Buchheim selbst angefertigte Kopien von Gemälden aus seiner Sammlung. In der Ausstellung ist nun beispielsweise Karl Schmidt-Rottluffs "Norwegische Landschaft (Skyredal)" von 1911 zu sehen, über die Buchheim einst schrieb: "Die hochgespannte Erregung des Malers vor dem Motiv greift auf den Beschauer über. Fast ungebrochene Farbflächen sind nebeneinander gesetzt... Die Mittel sind aufs Äußerste reduziert. Die Komposition ist einfach, klar, einleuchtend: Alles strebt auf die Mitte des Bildes hin. Es bekommt damit die überzeugende Logik einer vom Zentrum ausgehenden Strahlung." Dazu wird nun ein Gemälde von Buchheims eigener Hand gezeigt, in dem er ebenfalls diese Bildwirkung zu erzielen versucht. Die Begleitpublikation zur Ausstellung liefert außerdem die Ergebnisse der Provenienzforschung zum Original, dessen Geschichte zwischen 1930 und 1948 bislang weitgehend im Dunklen bleibt.

Biografische Ausstellung: Zur Ausstellung gehören Buchheims Bild selbst, wie hier "Bildnis Elle, o.J.".

Zur Ausstellung gehören Buchheims Bild selbst, wie hier "Bildnis Elle, o.J.".

(Foto: Georgine Treybal)
Biografische Ausstellung: Und Werke aus seiner Sammlung, etwa Max Kaus' "Menschen an der Straße" (links) und Emil Noldes "Araber".

Und Werke aus seiner Sammlung, etwa Max Kaus' "Menschen an der Straße" (links) und Emil Noldes "Araber".

(Foto: Georgine Treybal)

Weitere zentrale Werke aus Buchheims Sammlung wie etwa der "Tanzende Derwisch" von Lovis Corinth oder "Der schlafende Pechstein" von Erich Heckel, aber auch die Bedeutung des Malers Leo von König für Buchheims eigenes künstlerisches Schaffen lassen sich nun auf ganz neue Weise entdecken. Die Ausstellung, die am vergangenen Wochenende eröffnet wurde und bis Mai 2023 zu sehen ist, versteht sich auch als "Work in Progress"-Projekt: Wie in einem Adventskalender tritt zunächst Buchheims malerisches Werk in einen Dialog mit seiner Sammlung, nach und nach sollen seine Texte und zuletzt seine grafischen Arbeiten hinzukommen.

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