Der Blick im Torbogengebäude des Klosters Bernried wird von drei Holzsäulen in Königsblau angezogen. Der Schondorfer Bildhauer Marinus Wirtl hat in seine Skulpturen ein abstrahiertes Hinterteil als witziges Detail eingebaut. Sie werden eingerahmt von zwei hohen, schmalformatigen Bildern von Ingrid Klemm-Beyer, die die leuchtenden Farben der Holzsäulen aufgreifen. Unter dem Titel "Seeluft" hat die Bernrieder Architektin und Künstlerin, die sich in den vergangenen Jahren mit realistischen Ansichten ihres Heimatdorfes beschäftigt hat, einen völlig neuen, abstrakten Stil entwickelt. Am Sonntag wurde die 46. Bernrieder Kunstausstellung eröffnet, die jedes Jahr im August unter Federführung von Klemm-Beyer organisiert wird.

Die Ausstellung wurde zunächst für Bernrieder Kunstschaffende konzipiert. Qualität und Anspruch aber haben sich von Jahr zu Jahr erhöht, so dass das Künstlerdorf Bernried, in dem einst Wilhelm Leibl, Lovis Corinth oder Olaf Gulbransson gewirkt haben, seinen Namen alle Ehre macht. Auch die Anzahl der Gastkünstler, die im Sommerkeller oder Torbogengebäude ausstellen, wächst stetig. Seit sechs Jahren ist das Buchheim-Museum mit von der Partie, Museumsdirektor Daniel J. Schreiber ist Mitglied der so genannten Hängekommission. Die Arbeitsgruppe wählt die Werke aus und entwickelt das Konzept, um eine durchgängige Linie zu schaffen. Dies ist nicht nur wegen der unterschiedlichen Qualitäten der Kunstwerke eine Herausforderung, sondern wird auch von Äußerlichkeiten bestimmt. Da die Sanierung des Sommerkellers dieses Jahr abgeschlossen werden soll, laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Daher hatte die Hängekommission laut Klemm-Beyer nur eine Woche Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten, die Kunstwerke zu sortieren und sie aufzuhängen, während die Handwerker noch Kabel verlegten.

Im historischen Bierkeller mit seinen drei Tonnengewölben kommen die Kunstwerke besonders gut zur Geltung. Allerdings müssen sie unempfindlich gegen Feuchtigkeit sein. Die Aquarelle etwa werden im Torbogengebäude ausgestellt, ebenso wie die Acrylbilder mit Pastellkreide auf Papier der Bernrieder Künstlerin Monika Grashäuser: Ihre Landschaftsbilder mit Motiven aus der Region, die sie mit leuchtenden Farben verfremdet, wie sie in der Natur nicht vorkommen, malt sie grundsätzlich vor Ort. Das muss schnell gehen, damit sie die Stimmung einfangen kann. In maximal vier Stunden ist ein Bild fertig. Auch die Werke des Bernrieder Künstlers Bernhard Bach sind besonders, weil er in seine Aquarelle die Grundrisse bekannter Kathedralen hineinkopiert. Das fertige Werk überklebt er dann mit Farbfolienstreifen, um eine noch größere Räumlichkeit zu erzielen.
Erstmals werden auch Werke aus dem Nachlass der Bernrieder Künstlerin Christa Seeger gezeigt
Die Exponate der Bildhauer Ilse Bill, Ernst Grünwald oder Stefanie von Quast bilden ein großes Ganzes mit den Acryl- und Öl-Gemälden an den 230 Meter langen Wänden des Sommerkellers. Erstmals werden auch Werke aus dem Nachlass von Christa Seeger gezeigt: Die Bernrieder Künstlerin hat sich zu ihren Lebzeiten nie an der Ausstellung beteiligt, weil sie laut Klemm-Beyer sehr schüchtern gewesen sei und zurückgezogen gelebt habe. Jetzt haben sie einen Ehrenplatz im Sommerkeller bekommen. Wie eine überdimensionale Skulptur wirkt die indirekt beleuchtete, gesprungene Fensterscheibe aus dem Bernrieder Rathaus, die so groß ist, dass sie nur noch entfernt werden kann, wenn sie zerstört wird. Stolz ist die Ausstellungsleitung auch auf die Exponate der 85-jährigen Künstlerin Viktoria Müller, von der Afrika-Bilder im Sommerkeller sowie Insekten-Skulpturen im Buchheim-Museum zu sehen sind. Dort werden weitere bewegliche Kunstwerke von Marinus Wirtl gezeigt, wie etwa ein großer Ventilator zum Kurbeln neben den Exponaten zu Buchheims Filmklassiker "Das Boot". Die Bilder von Gloria und Manfred Hinkel hat Daniel J. Schreiber nebeneinander gehängt, obwohl sie höchst unterschiedlich sind. Er ist von den starken Farbkontrasten der Bernrieder Künstlerin beeindruckt, die ihn an Emil Nolde erinnern. Ihr Ehemann indes malt realistisch-filigran und bleibt seiner Lieblingsfarbe Blau treu.
Die Ausstellung ist bis 15. August jedes Wochenende und an Feiertagen von 10 bis 19 Uhr sowie von Montag bis Freitag (jeweils 14 bis 18 Uhr) geöffnet. Im Buchheim-Museum sind die Werke bis 20. November zu sehen.

