Buchheim Museum in Bernried:Glückloses Nebeneinander

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Interimsdirektor Erich Schneider beim Presserundgang durch die neue Schau. (Foto: Arlet Ulfers)

Die aktuelle Ausstellung "Sammlung Buchheim - Inside Out? Gemälde, Zeichnungen und Drucke" lässt den Geist des Museumsgründers schmerzlich vermissen.

Von Katja Sebald, Bernried

Man möge ihm nachsehen, dass er neben das Gemälde "Fleischerladen" von Lovis Corinth eine "Fleischbeschau der anderen Art" gehängt habe, sagte Erich Schneider vor der Zeichnung "Drei Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner, auf der zwei der weiblichen Figuren unbekleidet dargestellt sind. Der völlig aus der Zeit gefallene Herrenwitz, mit dem der Interimsdirektor des Bernrieder Buchheim Museums die versammelten Pressevertreterinnen brüskierte, bleibt jedoch bei Weitem nicht das Einzige, was man Schneider in der aktuellen Präsentation "Sammlung Buchheim - Inside Out? Gemälde, Zeichnungen und Drucke" nachsehen muss. Mit der Ausstellung, die am Wochenende eröffnet wurde, wolle man Bilanz ziehen und noch einmal zusammenfassen, was in den vergangenen Jahren passiert sei, erläuterte er beim Presserundgang. Das Buchheim Museum wird Ende Januar 2025 für mehrere Monate schließen, weil in dieser Zeit ein Erweiterungsbau für die Sammlung Hierling entsteht. Vor diesem Hintergrund sei die aktuelle Ausstellung als "Standortbestimmung" zu verstehen, so Schneider. Man wolle aufzeigen, was Buchheim gesammelt habe, was der "Markenkern" des Museums sei, und wie seit seinem Tod die Bestände durch Schenkungen, Zustiftungen und Ankäufe angewachsen seien.

Im sogenannten Expressionistensaal sind also vor der Schließung noch einmal die Gemälde zu sehen, die das Herz der Buchheim'schen sind und denen der Ausstellungsraum seinen Namen verdankt: vor allem Arbeiten der 1905 in Dresden gegründeten Künstlergruppe "Die Brücke". Wie vom Museumsgründer ursprünglich intendiert, werden Leinwandarbeiten gemeinsam mit Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken präsentiert. Während Buchheim jedoch den Gemäldesaal nachträglich abdunkeln ließ, um die lichtempfindlichen Papierarbeiten zu schützen, hat man sich nun dafür entschieden, sie in drei Tranchen zu zeigen und so jedes Blatt nicht länger als drei Monate dem Licht auszusetzen.

Und um es vorwegzunehmen: Gleich im ersten Ausstellungstrimester sind endlich wieder einmal die "Mohnblumen" von Emil Nolde zu sehen, die zu den beliebtesten Exponaten des Museums gehören. Sie werden neben einem weiteren Aquarell von Nolde präsentiert, auf dem eine Amaryllis-Blüte dargestellt ist. Zusammen mit Karl Schmidt-Rottluffs "Roter Amaryllis im Topf" aus dem Jahr 1967, einer Neuerwerbung, ergibt sich an dieser Stellwand eine der schönsten Nachbarschaften in der ganzen Ausstellung.

Max Kaus' "Stillleben der alten Seezeichen" (Foto: Arlet Ulfers)

Diese Wand ist Teil der Themengruppe "Stillleben", in der Schneider außerdem eine "düstere, von Schwarz und Rot geprägte Amaryllis" auf einem Gemälde von Werner Scholz aus dem Jahr 1937 als "Fanal der künftigen Schrecknisse" interpretiert wissen will und das mit 1953 datierte "Stillleben der alten Seezeichen" von Max Kaus als Antwort auf die Arbeiten der 1957 gegründeten Künstlergruppe SPUR. Auf das Thema "Künstler(selbst)porträts", das den Auftakt der Ausstellung bildet, folgen reihum erst "Porträts", dann "Aktdarstellungen". In weiteren Themengruppen sind entlang der Ausstellungswände "Stadtbilder", "Landschaften" und "Interieurs" aufgereiht. Das Thema "Theater, Zirkus, Varieté" will Schneider "irgendwo zwischen Großstadtbildern und Interieurs" angesiedelt wissen. Und weil erstmals auch ein Triptychon mit einer Kreuzigungsszene von Max Kaus präsentiert wird, hat man noch eine Abteilung mit "Religiösen Themen" gebildet. Der großformatige Entwurf für ein Kirchenfenster ist erst kürzlich als Schenkung nach Bernried gekommen.

Lothar-Günter Buchheim wollte am liebsten Zusammenhänge und Zusammenklänge im direkten Nebeneinander anschaulich werden lassen - so ist es in einem Begleittext zur Ausstellung zu lesen. (Foto: Arlet Ulfers)

"Für den Maler und künstlerischen Tausendsassa Buchheim war die Betrachtung von Kunst stets ein Fest fürs Auge", heißt es im Begleittext zur Ausstellung. Und weiter: "Er wollte Zusammenhänge und Zusammenklänge am liebsten im direkten Nebeneinander anschaulich werden lassen." Beim Abschreiten der Bilderreihen wird man allerdings vergeblich auf spannende Zusammenklänge lauschen. Eher meint man, Buchheims berserkerhaftes Schimpfen aus dem Jenseits zu hören, denn eine derartig systematisierte Präsentation von Bildern ist genau das Gegenteil von dem, was er auf seinen "Wiesenpfaden der Kunst" erlebbar machen wollte. Geradezu schmerzhaft fühlt man sich angesichts dieses glücklosen Nebeneinanders an die spektakulär schöne Ausstellung "Gipfeltreffen" am selben Ort erinnert, als sich zwischen denselben Bildern, den farbexplodierenden Gemälden aus Bernd Zimmers Zyklus "Kirchner Reloaded" und den riesigen Berglandschaften von Ernst Ludwig Kirchner, förmlich der Himmel über dem Raum öffnete.

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