Bernried Angst, Lust und Liebe

Erfolg ist nur ein Abfallprodukt dessen, was ein Mensch aus Leidenschaft vermag: Darüber sind sich Bernd Zimmer und Reinhold Messner einig.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zum Spitzengespräch im Buchheim-Museum treffen sich der Bergsteiger Reinhold Messner und der Maler Bernd Zimmer. Mehr als 450 Besucher erleben eine spannende Unterhaltung

Von Astrid Becker, Bernried

Der Andrang ist groß. Schließlich sitzen an diesem Sonntagvormittag im Buchheim-Museum zwei Männer auf der Bühne, die auf den ersten Blick recht gegensätzlich erscheinen könnten. Der eine ist Künstler, der andere Extrembergsteiger. Doch wenn es sich dabei um Bernd Zimmer und um Reinhold Messner handelt, wundert man sich nicht, dass sich mehr als 450 Menschen dieses Aufeinandertreffen nicht entgehen lassen wollen.

Gleich von Beginn an wird eines spürbar: Die sprichwörtliche Chemie zwischen diesen beiden Männern passt. Und vielleicht ist dieser Aspekt auch derjenige, der sich in dem ohnehin kurzweiligen und klugen Gespräch als der spannendste erweisen sollte. Denn egal, welches Thema Museumsdirektor Daniel J. Schreiber als Moderator anschneidet, die Beiden ergänzen sich nahezu perfekt. Das mag daran liegen, dass sie Menschen sind, die offen und freimütig über Ängste und Niederlagen sprechen können, aber es auch als Gabe, wie Messner es formuliert, empfinden, den Mut zu haben, etwas zu wagen und Grenzen zu überschreiten.

Messners Leben ist voll von Extremerfahrungen: Er bezwang 14 Achttausender ohne Sauerstoffflasche, er durchschritt Stein- und Eiswüsten, verlor seinen Bruder am Nanga Parbat und scheiterte an der Südwand des Lhotse, dessen Gipfel er zu dieser Zeit aber längst erklommen hatte. Zwei Versuche, diese Wand im Alpinstil zu besteigen, hatte er dort unternommen, beide Male, weder 1975 noch 1989, klappte es. "Ich habe dann eingesehen, dass das zu schwierig für mich ist", sagt ein Mann, der zu den bekanntesten und besten Bergsteigern der Welt gehört. Überhaupt, so sagt er, sei er oft gescheitert - vielleicht nicht in den Alpen, wohl aber in den Anden und im Himalaja: "Auf einem Drittel meiner Touren dort." Diese Scheitern jedoch habe in ihm einen weitaus größeren Lernprozess in Gang gesetzt als jede der vielen anderen erfolgreichen Expeditionen: "Wenn man erfolgreich ist, hat man oft das Gefühl, das sei einem geschenkt worden. Es ist ja auch viel Zufall dabei."

Bernd Zimmer hat eine ähnliche Erfahrung hinter sich, was deutlich wird, als er über seinen frühen Erfolg redet. Das Scheitern, so sagt er, sei dann besonders schlimm: "Die Fallhöhe ist größer." Zimmer weiß, wovon er da spricht. Er hatte Mitte der 1970er-Jahre zusammen mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und anderen die Galerie am Moritzplatz in Berlin, die bis 1981 bestand. Diese künstlerische Gemeinschaft hatten sie gebildet, um die Malerei voranzutreiben. Das ging einige Jahre gut. Bis sie 1980 als sogenannte Junge Wilde ihre Werke erstmals unter dem Titel "Heftige Malerei" einer breiten Öffentlichkeit vorstellten. Am Ende dieser Ausstellung, so erzählt Zimmer im Buchheim-Museum, hätten sich ein paar Schweizer Vertreter des Kunstmarktes die besten Bilder herausgesucht und den Künstlern, auch ihm, ein Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt. Das Geld, so sagt er, habe letztlich die Gemeinschaft auseinandergebracht. Mitte der 1980er-Jahre war der Ansturm auf diese Art der Bilder dann vorbei. Auch etwas, mit dem Zimmer zurecht kommen musste. Heute ist er allerdings wieder gefragter denn je. "Ich bin besessen von der Malerei und von dem Ehrgeiz, immer noch ein besseres Bild zu machen", beschreibt er seine Antriebsfeder. Das klingt schon nach einem relativ ähnlichen Erfahrungsschatz wie bei Messner. Doch beide eint noch anderes: Niemals angstfrei zu sein, eine enorme Abenteuer- und Reiselust zu besitzen, die Liebe zur Natur und zu den Bergen zu leben. Bei Messner führte dies zu seiner Museumskette: "Das macht mir genauso viel Spaß wie das Bergsteigen." Denn dort widmet er sich der Geschichte des Alpinismus, der Fels- und Bergwelt und den Bergvölkern, für die er eine Stiftung ins Leben gerufen hat. "Dafür brauche ich Künstler." Weil er dafür alles sammelt, was damit zu tun hat. Wahrscheinlich bald auch Zimmers Werke. Denn auch dessen Spezialität ist die Natur.