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Berg:Sorge um das grüne Monument

Höhenrain: Dorflinde

Gut 40 Meter ist die Höhenrainer Dorflinde hoch. Doch die Krone des mächtigen Baumes wird schütter. Die Dörfler sind besorgt.

(Foto: Nila Thiel)

Mit der 250 Jahre alten Dorflinde von Höhenrain verbinden sich historische Ereignisse wie die aus Protest in der Nazizeit gehisste Bayernfahne. Aber der Baum kränkelt. Trockenheit, Alter und Versiegelung machen ihm zu schaffen.

Von Sabine Bader

Sie ist faszinierend, ein grünes Monument: die Dorflinde von Höhenrain. Bald 250 Jahre dürfte der stattliche Baum nahe der Kirche alt sein. Wann er genau gepflanzt wurde, weiß niemand im Ort. Doch eines ist sicher: Es sind vier Erwachsene nötig, um den mächtigen Stamm zu umspannen. Die Linde misst heute gut 40 Meter, früher sollen es sogar mal 50 gewesen sein. Auf einer Höhe von drei Metern wird der Stamm dreistrahlig, sodass die Krone besonders üppig aussieht. Noch jetzt, Ende im September, ist sie sattgrün. Und doch bereitet der Baum so manchem Höhenrainer Sorge. Einer von ihnen ist Stefan Monn. Dem EUW-Gemeinderat ist aufgefallen, dass in diesem Jahr besonders viel Totholz in der Krone zu sehen ist. Bisher hatten Bauhofarbeiter einmal jährlich mit einer Hebebühne das abgestorbene Holz entfernt. Ob das noch ausreicht, ist fraglich.

Doch der Baum ist nicht nur dem jungen Gemeinderat Monn, sondern vielen Höhenrainern sehr wichtig. Denn mit ihm verbinden sie viele historische Ereignisse. Hier hat sich einst das dörfliche Leben abgespielt. Nach dem sonntäglichen Kirchgang standen die Leute um die Linde versammelt - vor allem die Männer trafen sich dort auf einen Ratsch. Ratsch? Nein, Männer ratschen nicht. Sie tauschen sich aus, über die wichtigen Fragen der Zeit.

Damals zierte den Lindenstamm eine runde Bank. Die gibt es heute nicht mehr. Stattdessen stehen neben dem Baum zwei Bänke. Wer darauf Platz nimmt, blickt auf das stattliche Holzkreuz des Trachtenvereins "d'Lüßbachtaler Höhenrain", und bei gutem Wetter auf das Alpenpanorama.

Die schöne Rundbank hat man bereits in der Nazizeit verheizt. Damals, als manch einer gottloser wurde und etliche Männer auch nicht mehr dem sonntäglichen Ruf der Kirchenglocken folgten. Meist nahmen sie stattdessen gleich auf der Lindenbank Platz. Doch es gab noch fromme Leute im Ort. Glaube war für sie eine Art des Widerstands. Und so hat man die schöne Bank zersägt. "Wenn sie schon nicht ins Gotteshaus wollen, dann sollten sie wenigstens unter der Linde stehen müssen." So hat es vor fast 30 Jahren Jakob Monn im Gespräch mit der SZ ausgedrückt. Er ist 2001 gestorben und war der Großvater von Stefan Monn und der Vater von Altbürgermeister Rupert Monn. Und er war ein gottesfürchtiger Mensch.

Noch eine Geschichte erzählte er: Sie trug sich während der Fronleichnamsprozession 1936 zu. Da marschierte ein SA-Trupp mitten durch die Gläubigen. Die maulten und empfanden dies als das, was es auch war: eine Machtdemonstration.

Doch nur ein paar Tage später erblickten die Dörfler dann hoch über dem Wipfel der Linde die verbotene bayerische Fahne. Sie war an einer fünf Meter langen Stange befestigt und damit auch in den umliegenden Ortschaften zu sehen. Natürlich habe das Gemeindeamt einen Aushang gemacht und die beiden wagemutigen Kletterer eindringlich aufgefordert, die Fahne zu entfernen. Doch genutzt hat es nichts und sie flatterte weiter fröhlich im Wind. Die Folge: Erneut rückte die SA an. Doch von ihr schaffte es niemand, die Linde zu erklimmen und das Corpus Delicti herunterzuholen. Die SA schickte schließlich ein paar Hitlerbuben in den Ort. Ihnen gelang es, das Beweisstück des Ungehorsams zu entfernen. Obwohl die meisten Dörfler wussten, dass der Merkl Georg und der Monn Josef, der Bruder von Jakob Monn, die Fahne gehisst hatten, hielten alle dicht. Nichts kam auf.

Im Berger Rathaus vermutet man, dass dem Baum heute sein stattliches Alter ebenso zu schaffen macht, wie die Versiegelung des Bodens und der Trockenstress durch den Klimawandel. "Sollte Ausschneiden nicht reichen, werden wir einen Sachverständigen zuziehen", sagte Rathauschef Rupert Steigenberger.

© SZ vom 29.09.2020

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