Die Idee geht auf das Jahr 2024 zurück. Es ist August. Bergs Bürgermeister Rupert Steigenberger und seine Frau Gertrud machen Sommerurlaub. In Coburg wandern sie durch die Stadt und besuchen auch den Coburger Klößmarkt, der gerade stattfindet. Dabei haben auch einige Werkstätten in der Innenstadt geöffnet – darunter eine Weidenkorbflechterei und eine Keramikwerkstatt. Dort im Schaufenster sieht Steigenberger zum ersten Mal einen Keramik-Fisch des Künstlers Klaus Dorrmann.
Steigenberger kommt mit ihm ins Gespräch und erzählt ihm, dass seine Gemeinde im bayerischen Landkreis Starnberg neben einer Krone und einer Welle auch einen Fisch im Wappen hat. Während die beiden sich unterhalten, denkt Steigenberger an die Stützmauer, die die Gemeinde an der Grafstraße neu errichten muss, damit das höher gelegene Haus mit Garten nicht ins Rutschen gerät. Geplant ist eine schlichte Wand aus Beton. Künstler Dorrmann erzählt, dass er am Timmendorfer Strand schon einmal eine Ziegel-Mauer mit seinen Fischen bestückt hat. Und im Falle Berg zusätzlich eine Krone und eine Welle zu fertigen, sei kein Problem, meint er. Und schon ist in Steigenbergers Vorstellung die Berger Fischmauer geboren.
Nach dem Urlaub erkundigt sich der Rathauschef im Bauamt und bei den Handwerkern, ob sich seine Idee in die Tat umsetzen lässt. Und wirklich: Die Baufirma hält es für unproblematisch, Aussparungen beim Gießen der Mauer vorzusehen. Und zwei Mitarbeiterinnen im Rathaus sind bereit, sich darum zu kümmern, welche Fische – es gibt unterschiedliche Farben und Strukturen sowie große und kleine – man wo in der Mauer anbringt. Die richtige Stelle für Krönchen und Welle ist ebenfalls schnell gefunden. Im Rathaus entschließt man sich dazu, die meisten Fische nach Westen in Richtung Starnberger See schwimmen zu lassen und nur einige Wenige gegen den Strom. Wie im Leben eben.


Und weil das Kunstprojekt die Gemeindekasse und damit letztlich die Steuerzahler nicht zusätzlich belasten soll, hat die Gemeinde eine Fisch-Patenschaft ins Leben gerufen. Kaum wird das Vorhaben öffentlich, melden sich reihenweise Berger Bürger, die Fisch-Paten werden möchten. Im Nu sind alle 43 Keramik-Fische – 29 kleine und 14 große – adoptiert. Die Fische aus Künstlerhand kommen so gut an bei den Bergern, dass es schnell sogar eine stattliche Warteliste gibt, für den Fall, dass jemand abspringt. Kostspielig ist das Ganze für den einzelnen Kunstfreund übrigens nicht sonderlich. Denn die kleinen Fische sind schon für 39 Euro zu haben und die großen für 45 Euro plus Einbaukosten.


Anfang April ist die Betonmauer fertig. Vier Monate später, im August, treffen die Keramik-Fische im Berger Rathaus ein. Aber die Paten müssen sich dennoch eine Weile gedulden, bis die Kunstobjekte in der fertigen Stützmauer verbaut werden. Denn der wetterfeste Zweikomponentenkleber lässt auf sich warten. Anfang Oktober trifft auch er endlich ein und der Einbau kann beginnen. Während seiner Arbeit an der Mauer soll der Handwerker von den vorbeigehenden Passanten durchwegs positive Kommentare zu der Aktion gehört haben.
Rathauschef Steigenberger hat übrigens für die Bestandteile des Berger Wappens – Krone, Welle und Fisch – selbst die Patenschaft übernommen. Demnächst soll jeder Pate auch noch ein Zertifikat mit seinem persönlichen Fisch erhalten, heißt es aus der Gemeindeverwaltung. Zur Übergabe der Zertifikate will man auch Klaus Dorrmann einladen. Steigenberger hofft, dass der Künstler die gut 300 Kilometer lange Strecke auf sich nehmen wird, um seine Fische in der Berger Betonmauer schwimmen zu sehen.

