Kunstwerk des Monats Gute Nacht

Schlafmasken an der Wand, daneben ein Schlafkarussell: Elena Carr vor ihrer Installation im Berger Gemeindehaus.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Kunststudentin Elena Carr stellt in der Berger Reihe "Kunstwerk des Monats" eine Installation zum Thema Schlaf vor. Sie zielt damit auch auf die Behandlung von Flüchtlingen ab

Von Ute Pröttel, Berg

Frisch und unkonventionell konfrontiert die Kunststudentin Elena Carr das Publikum mit ihrer Arbeit. Sie wirft einen Schlafsack auf die Wand, daneben drei Silhouetten von schlafenden Personen. Es sieht aus, als würde die Körperspannung von einer zur anderen steigen. Dazu Textfragmente auf geprägten Schriftbändern und Schlafmasken. "Ich bin trotzdem da" oder "Schläfrige Bewegungsarmut" steht darauf zu lesen. Zwei Klemmbretter enthalten die Skizze eines schlafenden Menschen sowie den Fragebogen eines Schlafforschers.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters zieht ein Artefakt auf sich, das die junge Starnbergerin als Schlafkarussell bezeichnet. Es könnte allerdings auch eine Nachttischlampe in speziellem Design sein. Daneben eine Rollkartei mit Aphorismen zum Thema Schlaf. "Wirklichkeitsagenturen unserer Schlafplatzierungen" ist der Titel des großflächigen Werkes. Die 25-jährige Künstlerin selbst nennt es eine künstlerische Recherche.

Der Betrachter hat erst einmal viel zu gucken. Und genau hier hat die Künstlerin bereits die Auseinandersetzung des Publikums mit der Kunst erreicht. Wie weit oder wie tief der Betrachter nun eindringen mag, bleibt ihm selbst überlassen. Tauscht er sich mit anderen Besuchern aus, oder nutzt er die Anwesenheit der Gestalterin zum Gespräch? Denn genau das ist die Intention der Reihe: Im sechsten Jahr ist das "Kunstwerk des Monats" im Berger Katharina-von Bora-Haus mittlerweile angelangt. Sehr oft hörten Kuratorin Katja Sebald und Gastgeber Johannes Habdank, der evangelische Pfarrer in Berg, die Frage: "Ist das überhaupt noch Kunst?"

Ganz im Sinne der Geschichte von der Putzfrau, die den Fettfleck einer Joseph-Beuys-Installation wegwischt, kann auch Kuratorin Sebald einige skurrile Berichte beisteuern zum Thema "Ist das Kunst, oder kann das weg?" Da ist zum Beispiel der Kommentar eines Besuchers, als sie gerade zusammen mit der Malerin Susanne Mansen das Bild für die Vernissage am kommenden Tag aufhängt: "Ach wie schön, Sie dekorieren schon für den Kinderfasching." Oder die Anekdote, als im Herbst 2015 der Bildhauer Mathias Rodach seine Skulptur eines Flößers mit Altkleidern umgab und die in Berg gestrandeten Flüchtlinge erstmals zum Sprachunterricht in das Katharina-von Bora-Haus kamen: Sie dachten, sie könnten sich ein paar Kleidungsstücke mitnehmen. Die Kuratorin freut sich gerade an solche Situationen: "Es kommt zu spannenden Begegnungen, wenn wir im Alltag von Kunst überrumpelt werden."

Auch bei diesem "Kunstwerk des Monats" will sie nicht erklären, was der Zuschauer sehen soll, sondern gibt, wie immer bestens vorbereitet, Anregungen zum Gespräch. Wer nämlich weiß, dass Elena Carr den Weg einer klassischen Kunstausbildung an der Münchner Kunstakademie und der Akademie der Bildenden Künste in Wien durchläuft, während des Studiums nun aber von der Bildhauerklasse in das Fach interdisziplinäre Projekte gewechselt ist, wirft wohl schon wieder einen anderen Blick auf ihre Installation.

Zum Konzept gehört immer auch ein Text, der an diesem Abend eng mit dem Kunstwerk verbunden ist. Daniel Door, freischaffender Künstler und ehemaliger Studienkollege von Elena Carr, liest aus Hans-Christian Danys Flugschrift "Schneller als die Sonne". Einige Zitate finden sich auf den Schriftbändern auf der Wand wieder. "Ich setzte mich sehr assoziativ mit einem Thema auseinander", erklärt Elena Carr ihre Herangehensweise. Seit längerem ist es das Thema Schlaf, dass sie in seinen vielen Facetten beschäftigt. "Meist haben wir leider zu wenig Zeit für genügend Schlaf," formuliert die 25-jährige nahe am Aphorismus. Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die momentan zu uns kommen. Seit drei Jahren begleitet sie eine junge Frau im Asylverfahren und beobachtet, zu welcher Trägheit sie durch die zähe Bürokratie verurteilt ist. Insofern ist ihre Arbeit auch ein Verweis auf die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung, ausreichend Schlafplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Wer zweifelt daran, dass es sich hier um bildende Kunst handelt?

Elena Carr ist die Tochter der Starnberger Kulturmanagerin Elisabeth Carr, die mit ihren "Kunsträumen am See" seit vielen Jahren das kulturelle Leben bereichert. Am Mittwochabend war sie nicht Veranstalterin, sondern Gast. Und eine Mutter, die mit Begeisterung sieht, wie die Tochter seit ihrem fünften Lebensjahr sehr entschlossen den Weg geht, Künstlerin zu werden. Als nächstes wird sie das Fach erneut wechseln und als Performerin mit der dänischen Theatergruppe Signa bei den Wiener Festwochen auftreten.