Berg Der Mann mit dem Feuerlöscher

Schriftsteller, Hörspielmacher und Fernsehproduzent Andreas Ammer aus Berg sorgt in der coolsten Literatursendung des deutschen Fernsehens, "Druckfrisch" mit Denis Scheck, für die ungewöhnlichen Bilder und die Musik

Von Blanche Mamer, Berg

"Wenn die Krawatte nicht richtig sitzt, kann er ganz schön grantig werden. Da ich kein Krawattenträger bin, erkenne ich nicht, wenn der Knoten schief sitzt. Dann gibt es Ärger", sagt Andreas Ammer über Denis Scheck, den Frontmann und Literaturkritiker von "Druckfrisch". Seit 2003 ist Ammer verantwortlich für Realisation und Gestaltung von "Druckfrisch", das coolste und interessanteste Literaturmagazin im deutschen Fernsehen. Scheck und Ammer sind das Paar, das man am Ende der Sendung schnellen Schrittes davon eilen sieht.

Ist es eine gewollte Reminiszenz an die Schlussszene am Flughafen von "Casablanca" und dem Abgang von Humphrey Bogart und Claude Rains? Ganz so hoch will Ammer die Szene nicht hängen, auch wenn er immer wieder danach gefragt wird. Seine Erinnerung geht eher zur uralten englischen Serie "Mit Schirm, Charme und Melone". Jede Folge endete damit, dass die beiden erfolgreichen Agenten im Auto davonfuhren, sagt er. Er habe immer darauf gewartet, mit welchem Auto sie wegfahren würden, sagt Ammer und lacht über seine frühen Fernsehgewohnheiten.

Wir treffen Ammer im Oskar-Maria-Graf-Stüberl in Berg am Starnberger See, dem kleinen Ort, wo er seit mehr als 20 Jahren lebt und der ihm zur Heimat wurde. Er sieht leicht verstrubbelt aus, trägt ein großkariertes Hemd über einem roten T-Shirt und einer ausgebeulten Hose. Er kommt zu spät, entschuldigt sich, dass er mit Gema-Abrechnungen beschäftigt war und die Zeit vergessen hat. "Na, einen Herrn Ammer kenn i net", hatte der Ober vorher gesagt. Abends wäre das anders, da würden ihn nicht nur die Bedienung kennen, sondern auch viele der Gäste. Denn Ammer ist nicht nur einer, der im Kulturfernsehen Akzente setzt, er ist auch ein gewiefter Lokalpolitiker, der mit seiner Gruppierung QUH (Quer, unabhängig, heimatverbunden) frischen Wind in den Gemeinderat von Berg und ins politische Geschehen am Ostufer des Starnberger Sees bringt. Geboren 1960 in München, studierte er Germanistik, Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und promovierte über Goethe. Nach Berg kam die Familie, weil der älteste Sohn hier Fußball spielte, so erzählt er.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Literaturkritiker Denis Scheck bei der Arbeit.

(Foto: dpa)

Obwohl Ammer so viel auf Achse ist - er steckt mitten in den Dreharbeiten für einen Film über Oskar Maria Graf und organisiert die Festtage zum 50. Todestag des berühmtesten bayerischen Schriftstellers, er war bei den Filmfestspielen in Cannes, macht Hörspiele, Radio und Theaterproduktionen - ist es ihm wichtig, täglich wenigstens eines der Themen, die sich im Dorf ergeben, aufzugreifen und auf dem Blog der Gruppierung zu veröffentlichen. "Ein Artikel täglich, das hatten wir im Wahlkampf versprochen, und das haben wir jetzt zwölf Jahre durchgehalten. Ich mache das nicht allein. Nicht dass das falsch rüberkommt, es gibt eine Reihe von Autoren bei der Quh", betont er. Wie seine Frau Elke Link, die ebenfalls im Gemeinderat sitzt.

Auch "Druckfrisch" sei nicht allein sein Werk, sagt er, selbst wenn er entscheide, wo ein Autor aufgenommen werde, wie das Ambiente auszusehen habe, wo die rot-weißen Flatterbänder den Set markieren. Wobei er oft selbst mit anpackt, man kann sehen, wie er über den Set huscht, die Bänder fixiert oder die Stühle aufstellt. Oder auch den roten Feuerlöscher zurechtrückt. "Feuerlöscher gibt es überall, sie gehören zum Inventar aller Gebäude. Selbst auf dem Dach des Kölner Doms, wo wir Umberto Eco trafen, gab es so ein rotes Ungetüm." (Sendung vom 21. Februar 2016). Hitchcock zu erwähnen, ist müßig. Klar, er liebe solche Cameo-Auftritte (wenn Produzent oder Regisseur plötzlich im Film auftauchen). Die halbe Million Fernsehzuschauer, die am Sonntag zu später Stunde das Literaturmagazin schauen, verstehen das. Zudem müsse er mithelfen. "Wir sind ein kleines Team, wir reisen immer nur zu viert, Denis Scheck, zwei Kameraleute und ich." Wenn nötig, bediene er auch schon mal die Handkamera. Das Gesicht der Sendung ist aber der kleine Mann in Anzug und Schlips, der lobt und lästert, bei Gesprächen hinterfragt und sagt, welche Bücher es sich zu lesen lohnt und welche reine Zeitverschwendung oder einfach Schrott sind und die Leute verdummen.

Die Herausforderung bei "Druckfrisch" sei, Bilder für Literatur zu finden. Dabei sollten diese ja erst im Kopf des Lesers entstehen. "Als wir 'Druckfrisch' anfingen, hatte ich die Idee, zu zeigen, dass es diese seltsamen Wesen gibt, die sich über die Welt Gedanken machen. Klar war: Ich will kein Studio und keinen Schriftsteller am Schreibtisch vor seinen eigenen Büchern. Ich möchte die Autoren ins Freie stellen, mitten in die Stadt, auf die Straße, ans Meer, in die Wüste. Dort müssen sich ihre Geschichten bewähren. Wir markieren den Set mit den Druckfrisch-Bändern und brauchen nur zwei Stühle." Der Autor kommt, Scheck begrüßt, das Gespräch beginnt. "Wir machen eine große Reise im Halbjahr, treffen uns mit mehreren Autoren, führen mehrere Interviews und verteilen die Gespräche auf verschiedene Sendungen", erzählt Ammer. Solange es redaktionell begründet sei, fliege man für ein Treffen mit Salman Rushdie nach New York oder für Amos Os nach Israel oder nach Barcelona. Der Schriftsteller solle der Gast sein. Doch es gibt Ausnahmen. "Als uns der Krimiautor James Lee Burke auf seine Pferderanch in Montana eingeladen hat, fanden wir das wunderbar (Sendung vom 29. August 2016), doch die Reise dahin war die schlimmste, die ich jemals gemacht habe. Wir hatten unseren Flug in LA verpasst und mussten erst eine Nacht auf dem Flughafen verbringen, weil kein weiterer Flieger ging. Die Verkehrsverbindungen nach Missoula sind nicht die besten, wir mussten noch stundenlang mit dem Auto durch die Weite Montanas fahren."

Schecks Produzent, der Berger Autor Andreas Ammer, bei der Rast an der Graf-Linde in Aufkirchen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Das Schöne an so einer Literatursendung sei, dass sich Beruf und Hobby ergänzen. Ein Glück für den, der Literatur und Musik leidenschaftlich liebt. Die Musikauswahl für "Druckfrisch" stammt ebenfalls von Ammer. "Wo sonst ein Moderator die Überleitungen spricht, haben wir 40 Sekunden Musik. Das macht, dass die Sendung atmet." Er liebe die Mischung aus alten und aktuellen Songs. Oft stoße er zufällig auf eine alte Platte, die bei ihm selbst und beim Zuschauer skurrile Erinnerungen auslöst, wie beispielsweise "Der Hund von Baskerville" in der Coverversion von Cindy und Bert oder "Meine Stadt" von Hildegard Knef.

"Ich arbeite viel mit Musikern zusammen, auch bei meinen Hörspielen." Musik sei der schnellste Weg zum Kopf. Besonders schätze er die Arbeit mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und Ulrike Haage von den Rainbirds. Mit Stolz erzählt er von seinen beiden letzten Hörspielen: "Sie sprechen mit der Stasi", in dem er zusammen mit FM Einheit Mitschnitte von sämtlichen Stasi-Verhören, die 28 Jahre lang unentdeckt in der Birthler-Behörde lagerten, verarbeitet hat, und "The King is Gone/Des Bayernkönigs Revolutionstage" über König Ludwig III, mit den Jazzmusikern Markus Acher und Micha Archer.

Selbst liest er gerade "den obskuren Science-Fiction-Roman von Oskar-Maria Graf "Die Erben des Untergangs" - in Vorbereitung der Festtage zum 50. Todestag am 28. Juni hat er das Gesamtwerk Grafs wieder gelesen. Und fragt sich, ob die Berger langsam beginnen, ihren großen Schriftsteller jetzt mehr zu schätzen? Eine Oskar-Maria-Graf-Straße gibt es bis heute nicht, 1984 hat der Gemeinderat immerhin für einen Oskar-Maria-Graf-Platz gestimmt oder besser eine Straßenkreuzung mit diesem Namen, allerdings ohne postalische Adresse.

Doch wobei entspannt sich so ein viel beschäftigter, vielseitiger Macher? Mit großer Begeisterung erzählt Ammer davon, wie ein Traum zur Realität wurde, wohlwissend, dass ihn Millionen Bayern jetzt beneiden. Zusammen mit ein paar Freunden braut er sein eigenes Bier: In einer alten Gaststätte in Sibichhausen haben sie die "Brauerei Schloss Berg" eingerichtet. "Bierbrauen haben wir uns selbst beigebracht und dann ausprobiert. Der Kessel fasst rund 100 Liter und jedes Bier hat je nach Hopfen-Anteil seinen ganz eigenen Geschmack. Wir wissen vorher nie, wie es schmeckt." Verkauft wird es nicht, nur an Freunde ausgeschenkt und zu besonderen Anlässen. Derzeit reift das Bier für die Oskar-Maria-Graf-Tage.