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Arzt für Raubtiere:"Wir sind eine ganz normale Tierarztpraxis"

Berg Tierarzt Dr. Stelzer

Das Praxisteam (v.l.): Dr. Peter Stelzer, Eva Kopp, Sandra Kraus, Max Schmidbauer und Dr. Christine Lendl.

(Foto: Arlet Ulfers)

Sind Raubkatzen die gefährlichsten Tiere? Nein, sagt Lendl. Am schwierigsten seien Bären während einer OP einzuschätzen. "Ein Tiger blinzelt, wenn er wach wird. Ein Bär hat kleine, tief liegende Augen, fast keine Gesichtsmimik und ist daher sehr schwer einzuschätzen", erklärt die Narkoseärztin.

Und "tausend Tode" sterbe sie selbst, wenn Giraffen operiert werden müssen. "Wenn die umfallen, können sie sich den Hals oder die Beine brechen." "Wenn ich zwischen den Hinterbeinen eines Giraffenbullen knie, den ich kastrieren soll, darf der nicht einmal mit einem Bein zucken", sagt Stelzer. "Sonst bin ich hin." Bei einer OP in einem deutschen Zoo wurden an jedem Giraffenbein Seile befestigt, die jeweils zwei Männer sicherten.

Weniger gefährlich, dafür spektakulär, war Stelzers letzter Auslandseinsatz. "Da bin ich zu einem teuren Dressurpferd nach Kairo gerufen worden", erzählt er. Dort war eine Operation im Maul fällig. Er stieg am Samstag ins Flugzeug, und kam am Sonntag mit gemischten Gefühlen zurück. "Das Einzige, was dort gut funktioniert hat, war die Klimaanlage. Ich wäre so froh gewesen, wenn Dr. Lendl die Narkose gemacht hätte, denn mit dem ägyptischen Tierarzt hat das überhaupt nicht geklappt", sagt Stelzer.

Manchmal muss man sich auf das Tier setzen

Zum Schluss hätten sich Helfer auf das liegende Pferd gesetzt, um es ruhig zu halten. "Das mach' ich so nicht mehr", seufzt Stelzer. Lässt er sich seine Einsätze eigentlich teuer bezahlen? Stelzer lacht und holt ein etwas abgegriffenes Heftchen hervor, die Gebührenordnung für Tierärzte. "Danach rechnen wir ab", sagt er, "aber Reisekosten gehen extra".

Zu Einsätzen im Norden Deutschlands fahren die drei Tierärzte oft lieber mit dem Auto als zu fliegen. Grund ist Menge, Gewicht und Art der Ausrüstung. Das Auto ist dann pickepackevoll mit Narkose- und Röntgengerät, Kompressor und sonstigem Equipment.

Zum Beispiel einer Sauerstoffflasche. "Die brauche ich unbedingt für die Narkose, kann sie aber nicht mit in den Flieger nehmen", sagt Lendl. Und auch mit dem Blasrohr gibt es immer wieder Schwierigkeiten. "Deswegen bin ich schon mal einen halben Tag auf dem Flughafen Charles de Gaulle in Paris hängengeblieben", sagt Lendl und lacht.

Aber natürlich ist nicht jeder Einsatz so spektakulär. "Ja, Hunde, Katzen und Pferde machen wir auch, wir sind eine ganz normale Tierarztpraxis", sagt Stelzer. Allerdings mit einer Reihe von außergewöhnlichen Patienten. "Ich würde nie etwas anderes machen wollen als Tierarzt. Es ist großartig, was die Natur an Vielfalt hervorgebracht hat", sagt Lendl.

© SZ vom 04.11.2015/libo
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