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Berg am Starnberger See:"Er musste er ja jedem etwas andichten"

Mit dem um ein Jahr älteren "Müllersteffl" war Graf zur Schule gegangen, an den Nachmittagen waren sie in wilden Raufereien und Indianerspielen aufeinander getroffen, wie der Schriftsteller in seinem Erzählband "Dorfbanditen" eindrücklich schildert. "Diejenigen, die mit ihm aufgewachsen sind, haben ihm das schon übel genommen", sagt auch Stephan März: "Aber er war eben Schriftsteller, und da musste er ja jedem etwas andichten, sonst wäre kein Buch daraus geworden." Einiges aber, so meint er, habe bestimmt der Wahrheit entsprochen. Dass allerdings Grafs Mutter die Hühner der Nachbarn, die sich in ihren Garten verirrten, kurzerhand in den eigenen Kochtopf beförderte, das habe von den alten Bergern schon damals niemand glauben wollen, sie sei doch so eine "guade Haut" gewesen.

Auch beim Bauern Schmid an der Straße nach Aufkirchen war Oskar Maria Graf einmal zu Besuch, es war vermutlich 1958. Der 1932 geborene Martin Schmid erinnert sich an den fremd ausschauenden Spaziergänger, der stehen blieb und sich lange mit dem Vater hinter der Tenne unterhielt. "Ich habe nicht weiter darauf geachtet", sagt er. Später aber sei der Vater in die Küche gekommen und habe zur Mutter gesagt: "Jetzt war der Oskar da." Erst später habe er verstanden, wer gemeint war: "Wir Jungen wussten ja damals gar nicht, wer das war." Er könne sich aber durchaus vorstellen, dass die beiden über Politik geredet hätten, denn der Vater sei ebenfalls "bestimmt kein Schwarzer" gewesen.

Annemarie Koch-Graf (Tochter von Oskar Maria Graf)

Sah ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich: Annemarie Koch, die 2008 gestorbene Tochter von Graf.

(Foto: Ortwin Scheider)

"Zu dem Kommunisten gehen wir nicht", hieß es hingegen noch 1964 bei der Familie Andrä, die seit Jahrhunderten auf dem alten Fischeranwesen "Kramerfeicht" in Berg lebt. Am Vorabend des 70. Geburtstags von Oskar Maria Graf fand im "Weißen Rössl", ehemals "Schloss-Café", zu seinen Ehren ein Abendessen statt. Willi Gastl, seinerzeit Bürgermeister von Berg, hatte ehemalige Schulfreunde des Schriftstellers persönlich eingeladen. "Mein Onkel Sepp war auch eingeladen, aber er ist nicht hingegangen", das weiß der 1940 geborene Siegfried Andrä noch ganz genau. Er sagt: "Die alten Berger haben ihn vor allem wegen seiner politischen Ansichten abgelehnt."

An die Veranstaltung erinnert er sich aber trotzdem noch: "Ich bin vom See heraufgekommen, da stand die ganze Delegation vor dem Wirtshaus, Oskar Maria Graf mittendrin. Das war das erste und einzige Mal, dass ich ihn bewusst gesehen habe." Auch er berichtet davon, dass die Berger Graf bis zuletzt nicht verziehen haben, was er über sie geschrieben hat. Vor allem in der "Chronik von Flechting" hätten sich die Familien wiedererkannt, auch wenn die Namen verändert waren.

"Mein bester Spezi in der Werktagsschule ist der Kramerfeichtmartl gewesen", schrieb Oskar Maria Graf. Ihn aber hat er bei seinen Besuchen nicht mehr angetroffen: Martin Andrä, ein Jahr jünger als Graf, war im Ersten Weltkrieg im Schützengraben von einem der ersten amerikanischen Panzer verschüttet worden. Vom Krieg schwer traumatisiert, starb er 1928 in Haar. Auch Graf hatte 1916 mehrere Monate in Irrenanstalten verbracht. Seine Kriegsneurose habe er jedoch nur vorgetäuscht, um nicht an die Front zurückkehren zu müssen, berichtete er selbst. In Berg hatte man dafür wenig Verständnis, weiß Sigi Andrä, nicht zuletzt aus seiner eigenen Familie. Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren hatten, sollen gesagt damals haben: "Unseren Buben ham's die Schädel weggeschossen, und der simuliert und hockt sich nach Haar."

Noch in den 1980er Jahren ließ es sich in Berg nach Protesten von Anwohnern nicht durchsetzen, eine Straße nach Oskar Maria Graf zu benennen, man einigte sich schließlich auf "Grafstraße". Erst zu seinem 100. Geburtstag errichtete die Gemeinde ihrem berühmtesten Sohn ein Denkmal. Und noch heute, so scheint es, sind manche Wunden nicht verheilt. Viel lieber als an den Schriftsteller erinnert man sich in Berg an seinen älteren Bruder Maurus, dessen Café bis in die Sechzigerjahre ein legendärer Literatentreffpunkt war. "Keiner konnte solche Witze erzählen wie er", sagt auch Sigi Andrä.

Antifaschist und Pazifist

Am 22. Juli 1894 wurde Oskar Maria Graf als neuntes von elf Kindern des Berger Bäckermeisters Max Graf und dessen Frau Therese, einer Tochter des Heimrath-Bauern aus Aufhausen, geboren. Er besuchte von 1900 bis 1907 die heute nach ihm benannte Volksschule in Aufkirchen. Im September 1911 flüchtete er vor seinem gewalttätigen Bruder, der nach dem Tod des Vaters das Regiment im Bäckerhaus übernommen hatte, nach München. Dort schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch, knüpfte Kontakte zur Bohème, wurde wegen Teilnahme an der Revolution verhaftet und konnte schließlich als Schriftsteller Fuß fassen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging er für 34 Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, ins Exil.

Erst 1957 erhielt der Antifaschist und Pazifist die amerikanische Staatsbürgerschaft und konnte wieder nach Deutschland reisen. Eine dauerhafte Rückkehr nach Bayern schien ihm unmöglich, zugleich war sein New Yorker Schreibplatz ein Ort voller Sehnsucht, den er mit Bildern aus der Heimat ausstattete. Sein Verhältnis zu Berg war tief zerrissen, der Kontakt brach aber nie ganz ab. Sein Blick auf München und Bayern am Vorabend der NS-Zeit wurde aus der Ferne umso schärfer - im Exil entstand auch sein großer autobiografischer Roman "Das Leben meiner Mutter", dessen Schauplatz Berg ist. kas

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