Süddeutsche Zeitung

Luftbestattungen:Die Asche im Himmel über den Alpen verstreut

Peter Kramer bietet in seinem Institut "Paradies" besondere Zeremonien an: Der Gilchinger verstreut aus einer Cessna heraus die Asche über den Alpen. Doch nicht jedem legt er eine Flugbestattung nahe.

Von Patrizia Steipe

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", heißt es in einem Lied von Reinhard Mey. Dem kann Peter Kramer aus ganzem Herzen zustimmen. "Es ist wohl der Traum eines jeden Menschen, dass er fliegen kann", erklärt der Bestatter aus Gilching. Es ist diese Leichtigkeit und Freiheit in den Lüften, die ihn am Fliegen begeistern. 2005 hat er seinen Pilotenschein gemacht. Seitdem hat er regelmäßig eine ganz besondere Fracht mit an Bord. Es sind die Urnen mit der Asche Verstorbener, die oder deren Angehörige sich für eine Flugbestattung statt einer konventionellen Erdbestattung entschieden haben.

"Es handelt sich dabei meistens um sehr freiheitsliebende Menschen, denen zu Lebzeiten die Vorstellung, in einem Sarg oder in einer Urne in der Erde begraben zu werden, zutiefst zuwider ist", berichtet der Gilchinger. Oft sind es Menschen, die selber geflogen sind wie der Verstorbene, der bei der Luftwaffe war, oder Menschen, die Berge oder Meer geliebt haben. Viele hätten bereits vor ihrem Tod die Art, wie sie bestattet werden möchten, für die Hinterbliebenen festgelegt.

In Deutschland sind Flugbestattungen allerdings nicht erlaubt. Hier gilt die Friedhofspflicht. Es sei außerdem untersagt, Gegenstände während des Fluges aus dem Flugzeug zu werfen, das gelte auch für Asche, erklärt Kramer. Deswegen fliegt er unter der Bezeichnung "Paradies Flugbestattung" in den Himmel über den Schweizer Bergen oder über das offene Meer der Ost- oder Nordsee. "Hoch am Himmel zur letzten Ruhe" steht als Motto auf seinem Flyer.

Peter Kramer ist erst seit 2002 geprüfter Bestatter. Nach seiner Ausbildung bei der Polizei war er unter anderem als Diensthundeführer im Einsatz, später wechselte er den Beruf, wurde Immobilienverkäufer und eröffnete dann sein Bestattungsunternehmen. "Bestatter bin ich mit Leib und Seele", erklärt er. Kramer schätzt den vielseitigen Beruf, in dem er Menschen helfen kann, so dass sie ein wenig froher sein Büro verlassen. Dabei ist ihm zu viel Pathos zuwider. "Sterben ist eine ganz normale Sache", sagt Kramer - und: "Ein erfülltes Leben hängt nicht vom Alter ab."

Alle paar Monate, wenn das Wetter passt, mietet sich der 58-Jährige eine Cessna 172 und hebt mit fünf bis zehn Urnen an Bord am Flugplatz in Jesenwang ab. Die Urnen hatte er bis dahin in seinem Bestattungsunternehmen "Abschied" aufbewahrt. Manchmal nimmt er einen Mitarbeiter mit. Oft fliegt er aber auch alleine. Wenn Angehörige mitfliegen möchten, ist das auch möglich.

Für einen Alpenflug braucht Kramer rund drei Stunden, die er mit circa 380 Euro pro Urne berechnet. An die Ostsee sind es sieben Stunden. Trotzdem sei diese alternative Bestattungsart günstiger als ein Erdgrab mit Grabstein und der jahrelangen Grabpflege, rechnet Kramer vor. Die Flugbestattung sei für viele Angehörige auch wegen der Kostenersparnis sehr willkommen und sie liegt im Trend. "Es werden immer weniger Erdgräber gekauft", weiß der Bestatter. Einerseits seien die Grabkosten hoch, andererseits lebten die Familien heute viel verstreuter, so dass sich keiner mehr um ein Familiengrab kümmern könne. "Da ist die Flugbestattung eine gute Alternative."

Kramer macht rund 30 Flugbestattungen im Jahr. Der Großteil der Aschen wird über unbewohnten Gebiet über den Schweizer Alpen verstreut, mit ein paar Urnen fliegt er an die Ostsee. Kramer kann sich noch gut an die Luftbestattung eines Mannes erinnern, der so gerne Urlaub am Timmendorfer Strand gemacht hatte. In der Nähe des Hotels auf dem Meer, außerhalb der Dreimeilenzone, in der die Hoheitsgewässer Deutschlands aufhören, hat er dessen Asche verstreut.

Dafür wird sie in ein schmales Edelstahlrohr gefüllt und während des Fluges aus dem offenen Fenster geschüttet. Ungefähr eine Minute lang dauert das Ganze, dabei legt das Flugzeug bei einer Geschwindigkeit von etwa 200 Kilometern pro Stunde drei bis vier Kilometer zurück. Je nach Wunsch bekommen die Angehörigen danach Fotos von der Zeremonie und ein Zertifikat.

Nicht bei jedem Trauerfall legt Peter Kramer eine Flugbestattung nahe. Vor allem wenn ein Lebens- oder Ehepartner verstorben sei, rate er Angehörigen davon ab. "Die Hinterbliebenen brauchen einen Ort, an den sie mit ihrer Trauer hingehen können." Eventuell könnte die Asche zuerst in ein Urnengrab kommen und später, wenn auch der andere Partner verstorben ist, gemeinsam aus dem Flugzeug verstreut werden.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2019/mmo
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