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Bürgerentscheid:Mit Gift gegen die Mückenplage vom Ammersee

Mückenplage am Ammersee: Gemeinde Eching will Gift BTI einsetzen

Sollen sich die anderen Ammersee-Anrainer den Echingern anschließen? Der Verein "Mückenplage? Nein, danke!" ruft dazu auf.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Die Bürger von Eching am Ammersee haben sich deutlich dafür ausgesprochen, die Mücken mit dem Gift BTI zu bekämpfen.
  • Die Gemeinde kann sich bei der Oberen Naturschutzbehörde um eine Genehmigung zu bemühen, BTI auf den als Brutstätten festgestellten Überschwemmungsflächen einzusetzen.
  • Doch das Mittel ist umstritten, andere Gemeinden am See wollen es nicht einsetzen.

Der Inninger Bürgermeister Walter Bleimaier hat für sich selbst längst ein probates Mittel gegen Mücken gefunden: Wenn sich deren Larven wieder in den Regentonnen seines Gartens tummeln, fängt er sie mit einem Netz ein und verfüttert sie an die Fische in seinem Aquarium. Von einer großflächigeren Bekämpfung der lästigen Zweiflügler mit dem biologischen Mittel BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) hält er persönlich aber gar nichts. Und recht ähnlich äußern sich auch andere Rathauschefs am Ammersee, nachdem sich am Sonntag die Bürger in Eching eindeutig für die Bekämpfung von Mücken mit BTI ausgesprochen haben. Die Devise lautet nun bei den meisten von ihnen: abwarten, ob der Echinger Entscheid überhaupt irgendeine Konsequenz hat.

Mückensprays in einer Drogerie in Dießen, 2019

Das Sortiment an Schutzsprays gegen Mücken ist in den Apotheken am Ammersee im Sommer groß.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Thema Mückenbekämpfung wird seit vielen Jahren am Ammersee recht kontrovers diskutiert. Zwar hatten sich immer wieder Bürgerinitiativen für einen Antimückenkrieg nach Chiemsee-Vorbild gebildet und auch Unterschriften dafür gesammelt, zu einem Ergebnis führten aber all diese Aktionen bisher nie - bis zu diesem Jahr. Denn erstmals hatten nun Bürger der Gemeinde Eching durch ein Ratsbegehren die Möglichkeit, ein Votum für oder gegen Mückenbekämpfung abzugeben. Am Sonntag fiel die Entscheidung: 79,5 Prozent sprachen sich bei einer Wahlbeteiligung von 66,2 Prozent dafür aus, den Zweiflüglern den Kampf anzusagen.

Sie ermächtigten damit die Gemeinde, sich bei der Oberen Naturschutzbehörde um eine Genehmigung zu bemühen, BTI auf den als Mückenbrutstätten festgestellten Überschwemmungsflächen durch Drohnen und Handspritzgeräte einsetzen zu dürfen. 738 Bürger sind dafür - eine klare Mehrheit, mit der selbst der Echinger Bürgermeister Siegfried Luge eigenen Aussagen zufolge nicht gerechnet hat: "Überwältigend" nennt er daher das eindeutige Votum.

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Bereits 2010, erzählt er, habe er sich mit den Nachbargemeinden ins Benehmen gesetzt, ob diese bereit seien, gemeinsam gegen die Mücken vorzugehen, entsprechende Kartierungen in Auftrag zu geben und Gutachten erstellen zu lassen. Doch zu der von Experten in dieser Sache immer wieder geforderten Einigkeit der Seegemeinden war es nie gekommen. Deshalb ist Luge auch so "dankbar", wie er sagt, nun aktiv werden zu können - wenngleich er den Einsatz von BTI im "Gießkannenprinzip" entschieden ablehnt: "Da müssen schon genaue Kartierungen und Untersuchungen her - und wenn dann der Gesetzgeber dagegen ist, dann ist es eben so."

Unterstützung von seinen Amtskollegen aus den Nachbargemeinden wird er in dieser Sache aber wohl kaum erhalten - auch wenn Rainer Jünger, der Vorsitzende des Vereins "Mückenplage? Nein, danke!" und Schondorfer Gemeinderat sie dazu auffordert, das Thema nun auch "selbst aktiv anzugehen". Dem Herrschinger Bürgermeister Christian Schiller sind nach eigenen Worten mehr oder weniger die Hände gebunden: Er hatte sich vor ein paar Jahren für eine Kartierung ausgesprochen, war aber mit diesem Vorstoß an einer Mehrheit im Gemeinderat gescheitert. Auch bei den Bürgern seien solche Untersuchungen zwiespältig aufgenommen worden, sagt er. Deshalb sieht er auch jetzt keinerlei Handlungsbedarf. Um das Thema noch einmal auf die Tagesordnung im Gemeinderat zu setzen, fehle die sachliche Grundlage: "Ich bin aber gespannt, wie das in Eching weitergeht."

Bacillus thuringiensis israelensis

Grundsätzlich bedarf der Einsatz von BTI-Präparaten gar keiner Genehmigung. Wenn es allerdings um Gewässer geht, sieht die Sache laut Regierung von Oberbayern anders aus. Denn dort leben "genügend Fressfeinde der Stechmückenlarven", sagt Regierungssprecherin Verena Gros. Eine zusätzliche Bekämpfung sei daher nicht erforderlich. Bei nur zeitweise überschwemmten Flächen ist BTI wasserrechtlich zulässig, kann Gros zufolge aber einer naturschutzrechtlichen Befreiung bedürfen - wenn es sich um geschützte Gebiete oder empfindliche Bereiche wie Wiesenbrütergebiete handelt. Ein Antrag hat in einem solchen Fall nur Aussicht auf Erfolg, wenn ein Gebiet zeitweise besonders stark betroffen ist und genaue Kenntnisse darüber vorliegen, welche Mückenarten dort leben und wo sich deren Brutstätten befinden. In Eching, so Gros, seien viele Schutzgebiete miteinander verzahnt, deren Eigenarten genau zu prüfen seien. Dabei geht es auch um die Frage, ob die dort lebenden Arten durch BTI beeinträchtigt werden könnten.

Kritiker sind sich dessen sicher. Sie hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass Mückenlarven einen Großteil der Nahrung von Vögeln und Amphibien ausmachten. Bestätigt wurden sie durch eine Studie der Universität Koblenz-Landau, die zu dem Schluss kommt, dass BTI auch Organismen trifft, die nicht Ziel der Bekämpfung sind, wie nicht-stechende Zuckmücken. Amphibien vergiftet demnach der Wirkstoff zwar nicht direkt, kann sich aber negativ auf Fortpflanzungsfähigkeit und Lebensdauer auswirken. Am Chiemsee wurde BTI bereits erprobt. Dort hat sich nun die erste Gemeinde, Seeon-Seebruck, darauf verständigt, das Präparat künftig nicht mehr einzusetzen. Abec

Auch von Schondorf kann sich Luge wohl nichts erwarten. Bürgermeister Alexander Herrmann steht BTI äußerst skeptisch gegenüber, auch wenn er Verständnis für die Echinger zeigt: "Sie sind sicher stärker betroffen als wir mit ihren Überschwemmungsflächen. Für mich ist BTI aber keine Option", sagt er, "denn welche Folgen der Einsatz des Mittels auf andere Larven und Insekten und damit auf die gesamte Nahrungskette hat, ist unklar."

So sieht es auch Innings Bürgermeister Walter Bleimaier: "Im Frühjahr haben sich Millionen Menschen gegen das Insektensterben ausgesprochen, im Herbst wird dann der Einsatz von BTI überlegt - für mich beißt sich das."

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