Tutzing – Seit nunmehr sechs Jahren ist die Tutzinger Hauptstraße eine Baustelle. Das bedeutet, sechs Jahre Verkehrsbehinderungen, Staub und Dreck. Die Hauptleidtragenden sind die Gewerbetreibenden. Sie verzeichnen massive Umsatzeinbußen – und ein Ende der Bauarbeiten ist noch lange nicht in Sicht. Das Versprechen, dass alles schöner werden wird, mit viel Grün und einem Platz mit Brunnen und Sitzmöbeln, ist für sie derzeit kein Trost. Vor dem Hintergrund, dass sich die Bauarbeiten noch mindestens zwei Jahre hinziehen werden, geht es für die Geschäftsleute ums nackte Überleben.
Lange gab es halbseitige Sperrungen mit Ampelschaltung und viel Verkehrsstau im Bereich der politischen Akademie. Für die Sanierungsarbeiten in der Ortsmitte ist die Straße zwischen Bahnhofstraße und Oskar-Schüler-Straße komplett gesperrt. Doch hier sind die meisten Geschäfte angesiedelt. Die Kunden müssen irgendwo außerhalb des gesperrten Bereichs parken und lange Fußwege in Kauf nehmen. „Viele Kunden bleiben weg, wenn sie dreckige Schuhe bekommen. Für uns Geschäftsleute ist das eine Katastrophe“, brachte es der Buchhändler Martin Held bei der Baustellenbegehung am Montag auf den Punkt. Zunächst seien die Pöckinger Kunden weggeblieben, jetzt auch noch die Bernrieder.
Die etwa 40 Bürger, die zu dem Termin erschienen sind, zeigten sich zwar besorgt, blieben aber erstaunlich ruhig und sachlich. Bürgermeister Ludwig Horn äußerte Verständnis für die Nöte der Geschäftsleute, ihre Probleme indes kann er nur bedingt lösen. Er sprach immer wieder von „Herausforderungen“ und zeigte sich offen für Verbesserungsvorschläge. Die Gemeinde habe Flyer erstellen lassen, die an alle Haushalte verteilt werden, erklärte er. Es könnten aber lediglich „ungefähre Informationen“ gegeben werden, räumte er ein. Denn die Gemeinde habe nicht viel Einfluss auf die konkreten Termine der Baufirmen. Wie der Rathauschef berichtete, komme es zudem immer wieder zu unvorhergesehenen Problemen, die die Arbeiten verzögern können. So wird beispielsweise im Gehwegbereich an der Hauptstraße ein alter Öltank vermutet.


In solchen Fällen versucht die Verwaltung ihre Bürger so aktuell wie möglich auf ihrer Homepage über den Stand der Arbeiten zu informieren. Zudem sind die Baufirmen laut Horn angehalten Handzettel zu verteilen, falls etwa Einfahrten gesperrt oder das Wasser abgestellt werden müsse. Das klappt aber nach Angaben der Geschäftsleute nicht immer. Häufig werden sie überrascht, wie Veronika Bove vom „Boutique Hotel Reschen“ berichtete. Wenn plötzlich am Morgen kein Wasser mehr fließe, könne das nicht hingenommen werden. Die Zimmer könnten nicht gereinigt werden, müssten aber am Mittag für neue Gäste bereitstehen. Man könne den Gästen doch nicht sagen: „Geht zur Gemeinde und beschwert Euch“, monierte sie.
Und man könne sie auch nicht zum Duschen ins Rathaus schicken, stimmte Horn mit einer gewissen Portion Galgenhumor zu. Alle waren sich einig: Wenn man schon mit Einschränkungen leben müsse, sollten die Arbeiten wenigstens frühzeitig angekündigt werden. „Der Vorlauf ist wichtig“, forderte Bove, insbesondere wenn Gas- und Wasseranschlüsse erneuert werden. Wie der Rathauschef ausführte, werden die Anwohner so lange über die alte Leitung versorgt, bis die neue fertiggestellt sei. Der Anschluss an die neue Leitung erfolge „exakt nach Vorankündigung“, versprach Horn.
Klagen über unzureichende Beschilderung
Die Beschilderung ist nach Angaben der Bürger ebenfalls unzureichend. Das Schild an der Bushaltestelle am Gymnasium sei nicht abgedeckt. „Man wartet auf den Bus und er kommt nicht“, bemängelte eine Frau. Auch die Schilder „bis zur Baustelle frei“, die an den Absperrungen stehen, sind nach den Erfahrungen der Geschäftsleute irreführend. Es müsse konkret angezeigt werden, bis zu welcher Straßeneinmündung gefahren werden kann, etwa bis zur Hallbergerallee. Sonst irrten die Kunden umher. Auch das große Bauvorhaben gegenüber der Marienstraße bereitet den Bürgern Sorgen. Wer trägt die Kosten, wenn Baustellenfahrzeuge die neu sanierte Straße wieder kaputt fahren? Nach Angaben des Rathauschefs ist eine zweijährige Bauzeit veranschlagt. So lange werden die Gehwege in diesem Bereich nicht fertiggestellt. Die örtliche Apothekerin wünschte sich einen Behindertenparkplatz vor ihrem Eingang, ein anderer Teilnehmer, dass der neue Platz an der Marienstraße bis zum Sommer fertig wird.
Bis Ostern werden die Bauarbeiten in der Ortsmitte auf Hochtouren laufen. Dann soll dieser Abschnitt weitgehend fertig sein und die Arbeiten gehen ab der Kreuzung Hauptstraße/Oskar Schüler-Straße weiter. Weil in diesem Bereich keine Umleitung möglich ist, wird die Straße erneut halbseitig gesperrt und der Verkehr per Ampelschaltung geregelt. Das führt laut Horn zu Verzögerungen, weil die Maschinenführer auf den Verkehr Rücksicht nehmen müssten. Um die Bauarbeiten voranzutreiben wurde vorgeschlagen, Nachtschichten einzulegen. Doch das ist laut Horn aus Kostengründen nicht vorgesehen.
Auf jeden Fall will der Rathauschef mit den Bürgern im Gespräch bleiben. Die nächste Baustellenbegehung soll in sechs bis in acht Wochen stattfinden.

