400 000 neue Wohnungen will die Bundesregierung jährlich bauen - bezahlbar und klimaneutral. "Good luck!" wünscht Leopold Göring da. "Das schaffen sie nicht", sagt der Zimmerermeister aus Starnberg. Es ist noch früh, die Luft noch kühl. Ein gelber Transportwagen fährt durch Oberbayern. Einmal vom Starnberger See nach Seefeld. Göring fährt ins Sägewerk, neues Holz holen. "Ja, wer soll die denn bauen, die 400 000 neuen Wohnungen?", fragt er. Aber ganz schlecht sei es auch nicht, hohe Ziele zu haben, so Göring, dann sei wenigstens der Ehrgeiz da, diese einzuhalten.
Leopold Göring hat seine Ausbildung zum Zimmerer mit 15 Jahren angefangen, das war im Jahr 1996. Bei neuen, komplizierten Aufträgen beruhigt er seiner Kundschaft gerne: "Ich hab' schon alles gesehen, keine Sorge." Sein Büro hat er in einem Bauwagen gleich neben seinem Wohnhaus, in dem er, seine Frau und seine zwei Kinder leben. Doch in die Wände des Bauwagens ist Wasser hineingelaufen. Zwei Lehrlinge und ein Geselle arbeiten die ganze Woche daran, die Wände auszutauschen und den Bauwagen wieder in Stand zu setzen. Deswegen arbeitet Göring an diesem Tag nicht im Büro. "Viel zu laut hier", sagt er. Der Zimmerermeister fährt zur Werkstatt und dann ins Sägewerk nach Seefeld.

Auf dem Gelände des Sägewerks Peter Schlecht stehen mehrere Lagerhallen. Bevor das bestellte Holz abgeholt werden kann, muss die Bestellung abgeklärt werden. Das passiert bei einer Tasse Cappuccino im Ausstellungsraum. An den Wänden hängen Holzmuster. Mit der Tasse Cappuccino in der Hand sagt Göring: "Meine Kaffeemaschine ist heute früh kaputt gegangen." Diesen Satz wird er an dem Vormittag noch zweimal sagen. Es scheint sein Gesprächsaufhänger zu sein, mit Kaffee können alle etwas anfangen. Mit dem Krieg in der Ukraine momentan leider auch. Göring deutet auf das Holzbeispiel an der Wand: "Sibirische Lärche." Es gäbe Lieferschwierigkeiten, denn: "Überraschung, Sibirien ist in Russland."
Auch Holzdämmstoffe aus Polen kommen gerade nicht - weil die Fahrer zumeist Ukrainer sind
Die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind überall spürbar. Auch Holzdämmstoffe aus Polen kämen nicht mehr an, denn die würden von ukrainischen Fahrern normalerweise nach Deutschland gefahren. Die Fahrer müssen aber derzeit in der Ukraine bleiben. In dem Land gilt die Generalmobilmachung.
Göring trinkt seinen Cappuccino. Der Krieg in der Ukraine ist dabei nicht das einzige ernste Thema, das er anschneidet. Der Starnberger Zimmermann denkt oft über soziale Ungerechtigkeit nach. Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum, sagt er. Grade südlich von München ist Wohnraum sehr teuer. Ein Reihenhaus aus den Fünfzigerjahren koste in Starnberg 1,2 Millionen Euro, so Göring. Das könne sich ein Zimmerer selbst mit anständigem Einkommen nicht mehr leisten. Trotzdem wirbt er für den Zimmereiberuf, denn den hält er für äußerst "sexy": "Wir sind die ersten, die braun gebrannt sind", sagt Göring. "Wir müssen uns kein Fitnessstudio leisten, weil wir einfach in der Arbeit trainiert sind. Wir riechen immer angenehm nach Holz und strotzen vor Kraft." Trotz der vielen ernsten Themen lacht Göring häufig und gerne auch über sich selbst. Dann hüpft seine linke Augenbraue hoch und die dunkle Mütze darüber gleich mit.

Ein weiterer Grund, warum er ins Sägewerk fährt: Er nutzt das Gelände als Lagerort. Vergangenes Jahr haben Panikkäufe dazu geführt, dass der Holzpreis in die Höhe schnellte. Deutsches Holz wurde in die USA exportiert. Vor allem das zum Bauen genutzte Konstruktionsvollholz (KVH) wurde knapp. In Deutschland kam es plötzlich zu verlängerten Wartezeiten.
Görings Tipp: "Ich rate jedem Handwerker einfach mal, vier Wochen Urlaub zu machen. Dann steigen wir mal aus diesem Hamsterrad aus" - und dann entspanne sich der Preis auch wieder, da kurz weniger gebaut werden würde.
2021 hatte sich der Holzpreis vorübergehend verdoppelt
Im Jahr 2022 liege der Holzpreis nur noch bei ungefähr 20 Prozent über dem Vorjahresniveau, erklärt Stefan Krötsch, Professor für Architektur an der Hochschule Konstanz. Doch 2021 hatte sich der Holzpreis vorübergehend verdoppelt. Aber nicht nur der: "Die steigenden Preise sind kein exklusives Problem des Holzes, sondern es steigen die Preise aller Baumaterialien", erklärt Krötsch. "Deutschland baut gerade extrem viel", sagt er - und mit den jährlich 400 000 Wohnungen, dem neuen Ziel der Bundesregierung, wird das nicht weniger werden. Und wenn diese neuen Wohnungen nachhaltig gebaut werden sollen, dann eigentlich vorzugsweise aus Holz. Denn Bäume wandeln eine Tonne Kohlendioxid in einen Kubikmeter Holz um. Dieses CO₂ wird erst wieder freigesetzt, wenn das Holz verbrannt wird oder verrottet. "Das ist eigentlich das Hauptargument für Holzbau", erklärt Fachmann Krötsch. "Wenn Häuser aus Holz gebaut werden, speichert nicht nur der Wald, dann speichert auch die gebaute Umwelt, also Städte und Dörfer CO₂ ein." Holzbau ist also nicht nur klimaneutral, sondern subtrahiert sogar CO₂ aus der Atmosphäre und ersetzt Stahl und Beton, die in der Produktion jede Menge Kohlendioxid verursachen.
Auch Göring argumentiert so für nachhaltigen Bau mit Holz. "Was machst du denn, wenn es regnet? Du stellst dich mal unter 'nen Baum, wenn nix anderes da ist", sagt Göring, "wir sind dem Holz viel näher als wir immer denken." Ein simples Beispiel, was er noch verdeutlicht: "Die ersten Bauten waren ein Gabelast, dann hat man da 'nen Ast drüber gelegt und dann war das Haus fertig." Der Wald ist überall. Laut Göring ist das Tolle am Holzbau: "Ich kann einfach sagen: Mein Haus kommt von um die Ecke."

Die Wertschätzung für das Material Holz fehle oft leider, sagt Göring. Er wiederholt immer wieder, Holz sei nachhaltig: "Bäume sind die Filter unserer Luft, sie machen unsere Luft immer wieder sauber. Und vor dem Preisanstieg wurde Holz jahrelang zu Dumpingpreisen verkauft."
Göring selbst machte sich vergangenes Jahr erstmal nicht viel aus den gestiegenen Preisen, die Kundschaft musste es dann nur zahlen. Und dann kam es noch zu den Verspätungen bei der Lieferung und dadurch zu Verspätungen auf dem Bau. Franz Hochmann, der seit seiner Ausbildung bei Göring arbeitet, erinnert sich: "Ich hab' das über die Kundschaft mitbekommen, dass das für die teurer geworden ist - und dass sie sehr lange gewartet haben. Wir hatten teilweise zwölf Wochen Lieferzeiten für Holzdämmung."

