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Barbara Weinzierl:Schöner Lenz in der Seniorenresidenz

Barbara Weinzierl im Klinikum

Wandlungsfähig: Barbara Weinzierl gibt in "Sex, Geld und Erleuchtung" die Frau, die mit ihrem Alter hadert.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Kabarettistin erweist sich bei ihrem Auftritt in der Klinik Starnberg als exzellente Schauspielerin

Da steht sie, zieht ausrangierte Kleidungsstücke, die sich in ihrem Leben angesammelt haben, aus diversen Einkaufstüten hervor und verwandelt sich in eine Disco-Queen der Achtzigerjahre, in Lili Wonderbra oder in die Oma aus der Seniorenresidenz "Sex, Drugs und Rollator". Nebenbei plappert sie munter darüber, wie unsäglich doof das Alter sei. "Entweder man akzeptiert es oder man verzweifelt", sagt Barbara Weinzierl. In ihrem Programm "Sex, Geld und Erleuchtung" geht die österreichische Kabarettistin mit Wohnsitz in München der Frage nach, ob Anti-Aging noch zeitgemäß ist oder ob man lieber Eizellen einfrieren lassen soll. Dann könne man wenigstens ein Baby austragen und vom Kindergeld leben, wenn die Rente nicht mehr reicht. Bei den Besuchern im Starnberger Krankenhaus-Casino traf Weinzierl mit ihrer Mischung aus Kabarett und Comedy ins Schwarze.

Ja, als Frau muss man hart sein im Nehmen. Klar, man fühlt sich noch wie 27. In der Praxis aber muss man schon mit Senioren durch den Schwarzwald wandern, damit man sich unter all den 95-Jährigen jung fühlen kann. Wenn eine Frau mit Mitte 50 stirbt, heißt es: "Mein Gott, war die noch jung." Sollte sie jedoch in diesem Alter noch leben, ist sie praktisch nicht mehr vorhanden und sogar für die Anti-Aging-Schnupperbehandlung zu alt. Stattdessen bleibt ihr nur "Happy-Aging".

Während sie über ihren Alltag plaudert und mühelos das Thema wechselt von Männerobst über Bio-Ernährung bis zu Hanfsamen und Lichtnahrung, verwandelt sich Weinzierl in den Montagsmann Hinterhalter Toni, der mit den Zuschauern Gstanzln singt. Dann ist sie die verlogene Schwabinger Schicki-Frau, die mit ihrem SUV ("sehr unpraktisches Vehikel") im Bio-Laden vorfährt, um ökologisch korrekt einzukaufen. Sie ist der Wissenschaftler auf der Suche nach der ultimativen Krankheit, bei der jeder Patient Lust haben soll, sie zu bekommen, oder die Alkoholikerin, die herumtorkelt und über die Vorteile des Trinkens schwadroniert. Sie ist die Esoterikerin, die über YouTube Hausfrauen-Yoga anbietet und Figuren, wie "hadernder Lump" oder "staubwedelnder Hund" vorführt. Und sie fragt mit unschuldiger Miene: "Haben Sie noch Zeit übrig?" Denn sie will ein Unternehmen für Zeitverleih gründen.

Weinzierl springt von einer Rolle in die nächste, verändert ihr Äußeres, indem sie Perücke oder Mütze aufsetzt oder sich mit unglaublicher Geschwindigkeit in eine gebeugte Alte verwandelt. Die Oma mit dicker Brille und vorgeschobenem Kinn, die mit krächzender Stimme von ihren Seniorenresidenz-Kursen "Survival-Training mit der Trauerhilfe Denk", "Turne in der Urne" oder "Stark in den Sarg" schwärmt, steht Weinzierl am besten. Wenn sie in der Apotheken-Rundschau blättert, der "Bravo für die Frau ab 80", und über präsenile Bettflucht liest, erntet sie begeisterten Applaus. Dabei bezieht sie gerne ihr Publikum mit ein. Die Besucher dürfen mitsingen, "Nudeln wuzeln" mit Sarah Debreziner oder assistieren, wenn sie einen Vortrag auf Deutsch und Chinesisch parodiert und auf Kommando blitzschnell die Sprache wechselt. Dann wieder trägt sie ein überraschend tiefsinniges Gedicht vor oder erfindet eine Geschichte. Selbst wenn ihr das Publikum ungewöhnliche Stichwörter zuruft wie Hirschbrunft, Mops, Katzenklo oder Trambahnschienenritzenreiniger, verliert sie nicht den Faden. Sie springt ohne Übergang zwischen Themen hin und her, redet ohne Punkt und Komma, fast ohne Luft zu holen. Keine Frage, Weinzierl, die auch Dialogautorin für Drehbücher ist und Hörbücher schreibt, punktet nicht nur mit österreichischem Charme, sie ist auch eine begnadete Schauspielerin.