Die Stadt, der See und die Autos: Es gibt nur wenige Themen, die den Starnberger so sehr aufregen wie die Verkehrsbelastung. Bis zu 40 000 Fahrzeuge rauschen täglich über die Hauptverkehrsachse mitten durch die Stadt, die Bundesstraße 2 ist das Nadelöhr auf dem schnellsten Weg zwischen München und Weilheim. Am schlimmsten ist es an Werktagen zu den Hauptverkehrszeiten, doch auch an sonnigen Sonn- oder Feiertagen schwappt eine Blechlawine durch die nur 23 500 Einwohner zählende Kreisstadt.
Erbittert wurde jahrzehntelang um die bestmögliche Verkehrsentlastung gerungen, bis der Stadtrat im Februar 2017 eine historische Entscheidung traf: den B2-Tunnel zu bauen. Das Genehmigungsverfahren zog sich aufgrund zahlloser Nachbesserungen allerdings in die Länge. Jetzt ist man einen Schritt weiter: Die Regierung von Oberbayern hat die Planänderungen zum geplanten Bau des knapp 3,2 Kilometer langen Tunnels in Starnberg genehmigt.
Ein Jahr lang lag das Planänderungsverfahren der Regierung von Oberbayern zur Entscheidung vor, sorgsam mussten Stellungnahmen und Einwendungen nach öffentlicher Auslegung im Frühjahr 2024 gegeneinander abgewogen werden. Das Verfahren zog sich hin, doch nun fiel endlich eine Entscheidung: Am 30. Mai veröffentlichte die Behörde auf ihrer Homepage ihre Begründung zugunsten des Tunnels und der beantragten Änderungen.
340 Seiten stark ist das Papier, das penibel Einwendungen von rund 80 Privatpersonen und die Stellungnahmen 23 Träger öffentlicher Belange würdigt. Der zentrale Satz lautet im Ergebnis: „Bei Abwägung aller Belange, insbesondere gerade im Hinblick auf das öffentliche Interesse am Neubau dieser wichtigen Straßenverbindung, erweist sich die geänderte Planlösung als vernünftig.“ Die Unterlagen sind noch bis Mitte Juni einsehbar.
Die vom Staatlichen Bauamt Weilheim fertiggestellten Unterlagen zum Änderungsverfahren lagen der Regierung von Oberbayern schon seit 2020 vor. Um das Jahrhundertbauwerk so sicher wie nur möglich zu machen, waren diverse Verbesserungen in die ursprüngliche Planung eingeflossen.
Die Änderungen betrafen unter anderem die Installation einer Brandbekämpfungsanlage, Ausstattung, Dimensionierung und Positionierung der Notausstiege, Rettungstüren, den Einbau von Feuerwehraufzügen, Pannenbuchten, Aufstellflächen für Rettungskräfte und die Umleitung der Grundwasserströme durch Düker (bei einem Düker handelt es sich um eine Druckleitung, die unter einer Straße oder Bahngleisen verläuft; Anmerkung der Redaktion). Vor allem auf Drängen des Wasserwirtschaftsamtes hatte das staatliche Bauamt weitere Erkundungsbohrungen und Pumpversuche unternehmen müssen, was das Verfahren erneut in die Länge zog.
Im Starnberger Rathaus wurde die Entscheidung der Regierung von Oberbayern freudig begrüßt. Bürgermeister Patrick Janik (CSU, UWG, SPD, BLS) würdigte den Abschluss des Verfahrens und befand: „Wir sind dem Tunnelbau näher als je zuvor in den vergangenen 30 Jahren.“ Gleichwohl könnte das Verfahren noch am Verwaltungsgerichtshof (VGH) beklagt werden, die Einspruchfrist endet Mitte Juli.
Seitens der Tunnelgegner, die weiterhin die Sinnhaftigkeit des Projekts ebenso infrage stellen wie seine Finanzierbarkeit, will man die Entscheidung der Regierung von Oberbayern sorgfältig prüfen, sagte WPS-Stadtrat Michael Landwehr. Ob und von wem geklagt werden könne, ist derzeit ungewiss. Der Verein „Umweltgerechte Verkehrsentlastung“, der sich seit seiner Gründung vehement für den Tunnelbau einsetzt, geht derweil davon aus, dass ein Gerichtsverfahren nicht allzu lange dauern werde, „da nur die Änderungen der Tunnelplanung angegriffen werden können“, teilte Vereinsvorsitzender Jürgen Busse mit.
Die letzte Kostenschätzung für den Tunnelbau über 320,5 Millionen Euro datiert aus dem Jahr 2022. Mittlerweile gilt unter Berücksichtigung der Kostenfortschreibung jedoch die doppelte Summe als weitaus realistischer. Und die endgültige Entscheidung über den Starnberger B2-Tunnel obliegt dem Bundesverkehrsministerium in Berlin auf Basis einer Kosten-Nutzen-Berechnung, die bislang noch aussteht. Immerhin sollen 12,5 Prozent des 100-Milliarden-Infrastruktur-Pakets des Bundes an den Freistaat gehen. Angesichts einer weltpolitisch grundsätzlich geänderten Lage könnte das Ergebnis in Berlin aber auch anders ausfallen als von vielen verkehrsgeplagten Starnbergern erhofft.
Ein aktueller Bericht zur Gesamtsituation des Tunnelprojekts wird am Montag, 28. Juli, im Starnberger Stadtrat erwartet – nach Ablauf der Einspruchsfrist. Dann wollen die Verantwortlichen aus dem staatlichen Bauamt über den weiteren Ablauf informieren. Sollte jedoch eine Klage gegen das Planänderungsverfahren zum B2-Tunnel zugelassen werden, hätte dies wohl eine weitere Verzögerung zur Folge. Mit einer Fertigstellung des Tunnels wäre dann kaum vor 2037 zu rechnen.

