Wie geht es weiter mit dem B2-Tunnel in Starnberg? Seit Jahrzehnten streiten die Starnberger um die bestmögliche Entlastung der verkehrsgeplagten Kreisstadt, ein Tunnel unter der Stadt gilt als einzig machbare Lösung. Doch das ambitionierte und extrem komplexe Vorhaben ist in zeitlichen Verzug geraten: Von der ursprünglich angepeilten Fertigstellung im Jahr 2026 spricht längst niemand mehr. Zwar sind die meisten bürokratischen Hürden seitens der Behörden aus dem Weg geräumt, auch die erwarteten Klagen gegen den Genehmigungsbescheid gelten nicht als entscheidendes Hindernis. Problem ist die Kostenentwicklung: Die 2018 genannte Summe in Höhe von 200 Millionen Euro (2022: 320, 5 Millionen) für den Bau des 3,2 Kilometer langen Bauwerks ist längst überholt. Mittlerweile rechnen die Fachleute vom Staatlichen Bauamt Weilheim für das Straßenbauprojekt der Bundesrepublik mit 660 Millionen Euro.
Der Stadtrat hat sich am Montag erneut mit dem Thema befasst, die beiden Tunnel-Experten des Staatlichen Bauamts, Marco Pulci und Dominik Spitzenberger, berichteten nach Einleitung durch Stadtbaumeister Stephan Weinl über den aktuellen Stand des Verfahrens. Stadtrat und 70 Zuhörer erlebten eine detailreiche, knapp zweieinhalbstündige Sitzung, die zum Abschluss in emotional aufgeheizter Stimmung gar an turbulente Zeiten aus der Ära vor 2020 erinnerte: Die „Wählergemeinschaft pro Starnberg“ (WPS) beantragte, den positiven Grundsatzbeschluss des Stadtrats zum Tunnelprojekt aus dem Jahr 2017 mit sofortiger Wirkung aufzuheben, weil keine Klarheit über die Folgekosten besteht. Der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt.
Zum Auftakt hatte Weinl zunächst die wesentlichen Belange des erst kürzlich von der Regierung von Oberbayern abgeschlossenen Planänderungsverfahrens geschildert. Vorgesehen ist unter anderem eine Abstufung der Gautinger Straße zur Ortsstraße und eine Aufstufung der Petersbrunner Straße zur Staatsstraße. Die angedachte Sperrung der Inneren Leutstettener Straße ist hinfällig. Neben diversen Änderungen der Verkehrsführung während der Bauzeit berichtete er von Rad- und Fußwegen, Sperrungen, Parkplätzen, Gewässerschutz und Belangen der Feuerwehr.
Pulci und Spitzenberger berichteten von abgeschlossenen Arbeiten und den weiteren Vorhaben. Demnächst stehen Umbauarbeiten zur Ersatzwasserversorgung am Institut für Fischerei und die Verlegung einer Mittelspannungsleitung mittels Spülbohrung im Bereich von der Leutstettener Straße bis zum Tutzinger-Hof-Platz auf der Agenda. Gegen die genehmigte Planänderung lägen bislang drei Klagen vor, ein Verfahren sei bereits beigelegt, sagte Pulci. Über die weiteren Klagen könne er nichts sagen: Man müsse bis voraussichtlich Mitte September die Begründungen abwarten. In jedem Fall aber strebe das Bauamt außergerichtliche Einigungen an. Größeren Raum nahm die schematische Darstellung der Funktionsweise eines Dükers ein, der im Bereich des Almeidawegs entstehen soll: Abgesehen vom Tunnel selbst ist der Düker 3 das größte und aufwendigste Bauwerk, das gemäß Planung allein drei Jahre Bauzeit in Anspruch nimmt. Das Staatliche Bauamt will die Präsentation auf seiner Homepage veröffentlichen.

„An der Planung hat sich seit fünf Jahren grundsätzlich nichts geändert“, sagte Spitzenberger. In Abhängigkeit vom Ausgang der Klagen zum Planänderungsverfahren sollen bis September alle relevanten Unterlagen zum Tunnelbau fertiggestellt sein, „die Ausschreibungen liegen bereits in den Schubladen“, so Spitzenberger. Letztlich entscheidend für den Tunnelbau aber sei ein Beschluss der Bundesregierung: Dazu wird vorab erneut das Kosten-Nutzen-Verhältnis des B2-Tunnels geprüft, das Verkehrsministerium muss der Kostenfortschreibung zustimmen – und die ist enorm.

35 Millionen Euro sind nach Angaben des Bauamts bereits für vorbereitende Bauten und Grunderwerb ausgegeben worden, die aktuelle Kostenfortschreibung aber beträgt mittlerweile 660 Millionen Euro. Wie hoch die Planungs- und Personalkosten der Behörde in Weilheim im Lauf der Jahre waren, wurde nicht genannt. Die Stadt Starnberg ist durch Kreuzungsvereinbarungen mit rund drei Millionen Euro beteiligt. Den Bau des B2-Tunnels zahlt der Bund, die Planung hat der Freistaat übernommen. Gründe für die drastische Preissteigerung sind stetig steigende Baupreise, höhere Grunderwerbskosten, Lohnkosten und Inflation. Stadtrat Josef Pfister (BMS) argwöhnte, der Tunnel könne bis zu seiner Fertigstellung 2034/35 gar 1,2 Milliarden Euro kosten.

SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Mehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.
Doch wer soll das bezahlen in politisch ungewissen Zeiten? Das Projekt wird man schon bald beim Bundesverkehrsministerium hinterfragen. Der Bund häuft derzeit Schulden in Milliardenhöhe an, die gesamtdeutsche Infrastruktur steht auf dem Prüfstand. Ist der B2-Tunnel, der nicht mehr im „vordringlichen Bedarf“ zu finden ist, wirklich notwendig? Wie hoch ist die aktuelle Verkehrsbelastung? Wie hoch sind die Folgekosten für Starnberg? Was kostet die Feuerwehr? Einige Fragen blieben offen.
Zum Abschluss der Veranstaltung ergab sich wieder einmal ein munterer Schlagabtausch im Sinn einer Grundsatzdiskussion im Vorwahlkampf. Bis Jahresende hoffen alle Beteiligten auf entscheidende Informationen aus Berlin. Und mit Blick auf die Experten aus Weilheim sagte Bürgermeister Janik: „Die Herren vom Staatlichen Bauamt sind nicht das letzte Mal bei uns.“

