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Auszeichnung I:"Weil wir keine Monster sind"

Tina Meffert und Maximilian Laufer haben eine Webseite begründet, auf der Menschen mit psychischen Krankheiten ihre Geschichte erzählen

Birgit hat sich am vergangenen Montag öffentlich bekannt. Auf der Seite www.mutmachleute.de erzählt die 35-Jährige aus ihrem Leben mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wie sie von ihrer Erkrankung erfahren hat, welche Therapien sie macht, was ihr in Krisensituationen hilft. Sie will sich nicht länger verstecken und hat sogar ein Bild von sich mit ihrem Hund Sam hochgeladen.

"Es existieren einfach zu viele Vorurteile, unschöne Bilder beziehungsweise Denkweisen über psychische Erkrankungen und vor allem Berührungsängste", schreibt sie. Birgit ist einer von inzwischen 200 Mutmachleuten, sie sich auf der Plattform bekennen, um anderen Betroffenen zu signalisieren: Traut ihr euch auch!

Tina Meffert und Maximilian Laufer aus Starnberg haben die Webseite 2018 zusammen mit der Münchnerin Anna Starks-Sture ins Leben gerufen - und werden dafür an diesem Sonntag in der Schlossberghalle mit dem Kulturpreis "Grüner Wanninger" der Grünen-Bezirkstagsfraktion ausgezeichnet werden. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Onlineforen und -ratgebern beleuchten die Mutmachleute nicht die Schattenseite der Erkrankungen, sondern richten ihren Blick auf positive Aspekte: Was hilft, was können Angehörige tun, welche besonderen Fähigkeiten haben die Betroffenen?

Starnberg, Verein  Mutmachleute

Beleuchten nicht die Schattenseiten der Krankheit, sondern richten den Blick auf positive Aspekte: Tina Meffert, Max Laufer und Katharina Hoffmann (v.li.) vom Verein Mutmachleute.

(Foto: Georgine Treybal)

Meffert und Starks-Sture sind selbst psychisch krank, Maximilian Laufer wiederum kennt diverse Krankheitsbilder aus seinem Familien- und Bekanntenkreis. "Fast jeder Mensch hat in seinem Umfeld einen Berührungspunkt", sagt Meffert, die Depression gilt als Volkskrankheit. Dennoch sei die Scham der Betroffenen in der Regel groß. Während etwa Diabetes oder Asthma gesellschaftlich akzeptiert seien, hafte an psychischen Erkrankungen noch immer ein Stigma. Nicht selten bekämen erkrankte Kollegen oder Partner gesagt, dass sie sich eben zusammenreißen müssten. "Das ist so schade", sagt Laufer. Niemand müsse sich verstecken, ganz gleich ob mit Heuschnupfen oder Borderline-Syndrom. In der Regel könne den Patienten in beiden Fällen mit Therapien und Medikamenten geholfen werden.

Aus der Anfangsidee ist inzwischen ein kleiner Verein gewachsen, der mit seinem Angebot große Beachtung erhält. Immer mehr Betroffene und Angehörige aus dem deutschsprachigen Raum erzählen anhand eines vorgegebenen Fragebogens ihre Geschichte auf der Webseite von Mutmachleute. Bei den meisten Betroffenen wurden mehrere psychische Erkrankungen diagnostiziert, darunter am häufigsten eine Depression. Frauen outen sich öfter als Männer, die meisten sind zwischen 18 und 40 Jahre alt. Auch sogenannte Experten kommen auf der Seite zu Wort, etwa Psychotherapeuten, Heilpraktiker und ehemalige Betroffene. Tina Meffert hat sich selbst auf der Plattform geoutet. Ein Schritt, für den sie 20 Jahre gebraucht habe, wie sie sagt. "Ich möchte zeigen, dass wir keine Monster sind", schrieb sie damals. Es war der erste Beitrag auf der Seite.

Der Preis

Den Kulturpreis der Grünen-Bezirkstagsfraktion gibt es seit 1988. Er soll Menschen und Institutionen ermutigen, nicht aufzugeben. "Ebenso wie der Buchbinder Wanninger, der eigentlich nur eine einfache telefonische Auskunft bei einer Behörde einholen wollte und dabei durch die gesamte Behörde gelotst wurde, ohne die gewünschte Auskunft zu erhalten, ergeht es vielen Menschen, die sich im sozialen und kulturellen Bereich engagieren", heißt es auf der Internetseite der Grünen-Bezirkstagsfraktion.

Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem die Klinik-Clowns, die Fraunhofer Saitenmusik sowie die Vereine "Freiraum" und "Subkultur". Dass der Preis heuer mit den Mutmachleuten e.V. zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten beitragen will, passt besonders: Am Sonntag, dem Tag der Preisverleihung, will der Fußballsport mit einer Schweigeminute in allen Ligen an den Nationaltorwart Robert Enke erinnern, der an Depressionen litt und sich vor zehn Jahren das Leben nahm. frie

Für die 44-Jährige und ihren Geschäftspartner Maximilian Laufer - beide betreiben zusammen eine Medienagentur - sind die Mutmachleute ein Herzensprojekt. Die 44-Jährige prüft alle Beiträge, bevor sie online gehen, gestaltet als Grafikerin die Website, übernimmt die öffentliche Kommunikation und besucht Veranstaltungen. Laufer, 38, der aus der Filmbranche kommt, ist für die Technik und Social Media zuständig. Alle Beiträge werden auf Facebook veröffentlicht und erreichen dort durchschnittlich zwischen 5000 und 6000 Leser - in den Kommentarspalten werden die Autoren in der Regel für ihren Mut und ihre Offenheit gefeiert.

Nach Einschätzung von Meffert und Laufer gibt es im Internet eine große Community, die sich austauschen will. Um hierfür einen geschützten Raum zu bieten, hat der Verein vor wenigen Wochen ein zusätzliches Onlineforum zur Selbsthilfe gestartet. Mehr als 100 User haben hier bereits in einer 1:1-Situation kommuniziert. Der Verein gibt lediglich die Richtlinien für die Nutzung vor, deren Einhaltung stichprobenartig geprüft wird. "Wir bieten auch hier lediglich eine Möglichkeit", so Laufer. Nutzen müssen sie die Betroffenen selbst. Diese scheinen insbesondere den motivierenden Ansatz der Plattform zu schätzen, welcher auch die Jury des Wanninger-Preises überzeugt hat. "Die Mutmachleute beweisen, dass man Gesicht zeigen und Farbe bekennen kann und dabei die eigene Würde behält", heißt es in ihrer Begründung.

Doch nicht nur akut Betroffenen macht die Seite Mut. Sie nimmt auch jenen Angst und Hemmung, die sich bislang kaum Gedanken gemacht haben, wie sie mit Erkrankten umgehen sollen. "Zuhören" liest man immer wieder unter den Wünschen an das Umfeld, wenn man sich durch die Fragebögen klickt. Birgit schreibt: "Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass ich nicht nur auf meine Leistung und meinen Nutzen reduziert werde."