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Ausstellungen:Treibholzschiffe und verrückte Vögel

Zum 33. Mal finden an diesem und dem folgenden Wochenende die Ateliertage Berg/Icking statt - diesmal unter dem Motto "kreuz und quer". Künstlerinnen und Künstler empfangen die Besucher in ihren Werkstätten

Berg Aufkirchen, Ateliertage 2019, Künstler

Gruppenbild mit Damen (v.li.): Andreas Huber, Lucie Plaschka, Hans Panschar, Roman Woerndl, Dazze Kammerl und Juschi Bannaski mit den Flyern ihrer Ateliertage.

(Foto: Georgine Treybal)

Es ist Herbst, es sind Ateliertage am Ostufer des Starnberger Sees, es ist alles wie immer. Und doch ist es diesmal anders: Die Künstlergruppe, die seit mehr als dreißig Jahren im Herbst ihre Ateliers und Werkstätten für die Besucher öffnet, hat in kürzester Zeit drei ihrer langjährigen Mitglieder verloren. Schon 2018 fehlte mit Hannelore Jüterbock die legendäre Erfinderin der Kunsttour, in diesem Sommer nun sind Sophia Hößle und Gerd Jäger gestorben.

Das Thema aller ausstellenden Künstler lautet diesmal "Kreuz und quer": Man kann es geografisch verstehen, denn die Fahrten zwischen den verschiedenen Stationen sind inzwischen länger geworden. Und man kann es als eine Art Anleitung für die gezeigten Arbeiten interpretieren. Man könnte es aber auch als Beschreibung einer Gefühlslage deuten.

Berg Icking Ateliertage

Gerd Jägers "Fichtenwurzel".

(Foto: Georgine Treybal)

Gerd Jäger

Der Holzbildhauer Gerd Jäger war im Juli noch bei der Aufnahme des Gruppenfotos dabei, das nun auf dem Flyer abgebildet ist. Sein Atelier in Farchach sieht immer noch so aus, als könnte der Künstler jeden Moment hereinkommen und weiter arbeiten. Seine beiden Söhne werden es nun noch einmal für Besucher öffnen und in einer Gedächtnisausstellung Arbeiten aus allen Schaffensperioden, darunter auch zahlreiche Bilder und die Eisenassemblagen aus den frühen Jahren, zeigen.

Dazze Kammerl

Berg Aufkirchen, Ateliertage 2019, Künstler

Dazze Kammerls "Kreuz und quer".

(Foto: Georgine Treybal)

Ebenfalls in Farchach, genauer gesagt "auf der Lüften", befindet sich das bezaubernde hölzerne Dachatelier von Dazze Kammerl. Auch er gehört zum Urgestein der Ateliertage und zeigt einige kunstvolle Fotografien, für die ihm Gerd Jäger in den Achtzigerjahren Modell stand. Daneben aber gibt es eine ganze Reihe neuer Papierarbeiten. Sie entstehen in einem höchst interessanten Verfahren, bei dem Abklatsch-, Druck- und Zeichentechniken "kreuz und quer" gemischt werden. Aus zunächst abstrakten farbigen Strukturen arbeitet der Künstler nach und nach Motive heraus, die an Unterwasserwelten, an Landschaften und zuweilen auch an Figürliches erinnern.

Bannaski und Woerndl

Berg Aufkirchen, Ateliertage 2019, Künstler

Juschi Bannskis "Gelbe Welt".

(Foto: Georgine Treybal)

In Aufkirchen befindet sich das Doppelatelier des Künstlerpaars Juschi Bannaski und Roman Woerndl. Bannaski hat derzeit eine große Ausstellung in Issing, deshalb zeigt sie in ihren Arbeitsräumen auch ältere Arbeiten und eine Vielzahl von kleinen Zeichnungen. Sehr erfreulich ist das Wiedersehen mit ihren Bildern aus früheren Jahren, die im Gegensatz zu den aktuellen Hinterglasbildern im meist großen Format und auf Leinwand entstanden: Sie haben nichts von ihrem farbsatten Zauber verloren. Mit der Leuchtkraft der "Gelben Welt" hinter Glas freilich können sie nicht mithalten, ebenso wenig mit den höchst subtilen und oftmals winzigen Zeichnungen, die Bannaksi bei der Hinterglasmalerei inmitten von dichten Farbschichten aufscheinen lässt. Schönes und Schmerzvolles verbindet sich in diesen Bildwelten auf anrührende Weise. So ist es kein Wunder, dass Roman Woerndl seine Guckkästen zum Um-die-Ecke-Schauen so platziert hat, dass sie überraschende Blicke auf die Werke seiner Frau ermöglichen. Außerdem zeigt er zwei interaktive Objekte im Freien sowie eine neue Videoarbeit, für die er Fotos von früheren Arbeiten "kreuz und quer" montiert hat.

Lucie Plaschka

Lucie Plaschka öffnet ihre Ateliertüre wie immer am Klosterweg in Aufkirchen. Auch sie zeigt ältere und neuere Arbeiten, wie immer verarbeitet sie ihre Materialien auf ungewöhnliche Weise. So legte sie etwa eine Ameisenstraße "kreuz und quer" über ein morbide anmutendes Papier; um größtmögliche Plastizität für die einzeln gezeichneten Ameisen zu erzielen, verwendete sie dafür eine transparente Folie. Eine ganze Reihe von Objekten entstand aus den alten Patiencekarten ihrer Großmutter und ihrer Mutter, die sie übermalt und gefaltet hat. Und wie auf einer Arche Noah, jedoch nicht wohlgeordnet, sondern zu einem großen Knäuel "kreuz und quer" verwoben, finden sich Menschen und Tiere, Nacktes und Pelziges, Merkwürdiges und Heiteres in der Tuschezeichnung mit dem Titel "Menschheit".

Hans Panschar

Berg Aufkirchen, Ateliertage 2019, Künstler

Hans Panschars "Kreuz und quer".

(Foto: Georgine Treybal)

Das originellste Künstleratelier aber befindet sich in Allmannshausen, wo der Holzbildhauer Hans Panschar in einem alten Stall arbeitet. Zwischen Werkzeugen und Arbeitstischen fügen sich die wundersam erzählerischen Objekte zu einem "Suchspiel". Es gibt staksige Stuhlstelen und Treibholzschiffe, außerdem Hausskulpturen und ganze Häuserblocks, schlank aufragende Hochhäuser und ein kleines "Milchhäusl".

Das Thema "kreuz und quer" aber hat Panschar nicht mit der Anordnung seiner Objekte, sondern mit einer Reihe von minimalistischen Zeichnungen von Scheunen und Häusern auf den morbiden Brettern eines abgerissenen Stadels umgesetzt. Sie sind eine respektvolle Hommage an das ursprüngliche Gebäude, das neben seiner Werkstatt stand.

Huber und Opdahl

Nur am zweiten Ausstellungswochenende wird der Fotograf Andreas Huber sein Atelier in Aufhausen öffnen. Bis dahin ist er "kreuz und quer" in den anderen Ateliers unterwegs und macht Aufnahmen für sein Fotoprojekt "#kreuzundquer". Als Gäste stellen dann bei ihm Susanne Polewsky und Karin Schmitz aus. Als Gastausstellerin öffnet nur am ersten Wochenende Simone Opdahl ihr Atelier auf der Maxhöhe.

Christiane Leimklef

Wie schön die Vergänglichkeit aussehen kann, wenn Christiane Leimklef sie in die Finger bekommt. Die Künstlerin sammelt alles, vom Schwemmholz über alltäglichen Wohlstandsmüll bis hin zu alten Schuhen. Und dann verwandelt sie diese Gegenstände mit Witz und Poesie. Da schweben Knochen und Federkiele wie zarte Vögel an feinen Stangen. Da wachsen zwei Porzellanbruchstücke zu einem Hund mit Gartenzwergkopf zusammen. Und ein löchriger Dosendeckel schimmert von ihr inszeniert wie eine antike Goldbrosche. Leimklef ist seit vielen Jahren bei den Ateliertagen dabei. "Die Gruppe ist eine Bereicherung", sagt sie. Wenn sie dann ihr Atelier in Ebenhausen für die Besucher vorbereitet, kann sie Rückschau aufs eigene Tun halten. Diesmal habe sie mit Erstaunen entdeckt, wie sehr sich "mein Schwarz", wie sie es nennt, durch ihre Arbeiten ziehe. Tuschearbeiten sind das, Leimklef ist darin mindestens so eine Meisterin wie im Verwandeln der Vergänglichkeit. Mit großer Geste wirft sie Tuscheflächen und aufgebrochene Gitter auf dünnes Packpapier - eines ihrer Lieblingsbilder. "Es gibt so viel Eingeengtes", sagt sie und denkt an Flüchtlinge ebenso wie an eingesperrte Tiere: "Ganz furchtbar!" Das Thema der Ateliertage hat Leimklef auf ihre Weise interpretiert: "Kreuz und quer durch mein Schaffen", so bietet sie ihre Werkstattschau dar. Vom weiter zurückliegenden Ver-Tuschen teuerster Produkte in einem Ferragamo-Katalog ("Ich habe den Konsum übermalt") bis zur neuesten Arbeit, einer beschwingt-illustrativen Serie über alte Songs.

Gerdi Herz

Solch Pfiffigkeit ist auch der Keramikerin Gerdi Herz zueigen, der Mitbegründerin der Ateliertage. Über die rotbraun-schwarz changierende tönerne Plastik einer Sitzenden mit dem Titel "Penelope wartet" sagt sie lakonisch: "Die wartet so lange, die ist schon ganz versteinert." Versteinert wirkt indessen nichts bei Gerdi Herz. Statuarisch - wo's nötig ist - vielleicht. Aber ansonsten sind ihre Figuren von einer Lebendigkeit, dass es eine Freude ist, sie zu betrachten. Die "verrückten Vögel", die sie auf einer Bank aufgereiht hat: drei freche langschnäbelige Tiere auf Rollen wie Kinderspielzeug. Oder die vier aufgeweckten Gänse, von denen zwar nur die Köpfe aus einem schmalen Tonblock herausragen, deren Schnattern man aber schier hören kann. Und dann dieser Stier! Er hat den bulligen Schädel leicht nach unten gebeugt, scheint zum Angriff bereit zu sein. "Ein Kampfstier", sagt die Künstlerin, das sei eigentlich gar nicht ihrs, denn sie lehne den Stierkampf wegen Tierquälerei ab. Aber hier - sie offenbart es mit gewinnender Ehrlichkeit - sei ihr einfach der Ton immer wieder eingeknickt, so habe sie sich denn gefügt.

Ateliertage Nr. 33  Icking / Berg 2019

Die beiden in Irschenhausen ausstellenden Künstlerinnen Gerdi Herz (li.) und Sissi Edler.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Sissi Edler

Gerdi Herz stellt in ihrem Haus in Irschenhausen gemeinsam mit der Malerin Sissi Edler aus. Die beiden harmonieren miteinander - als Freundinnen, die sie seit langem sind, und als Künstlerinnen. Edlers Mischtechnik-Arbeiten geben an einigen Stellen dieser über zwei Etagen reichenden Schau den Hintergrund zu Herz' Keramiken ab, Ton in Ton. "Ich bin inspiriert von der Natur", sagt die Malerin, "von Wasser, vom Meer, auch von Wänden." Viele Schichten füge sie übereinander, Acryl, Pigment, Öl. Das Motto der Ateliertage passe zu ihrer Arbeitsweise, sagt sie: "kreuz und quer." Sie steht vor einem ihrer völlig abstrakt wirkenden Bilder und sagt augenzwinkernd: "Da sind drei stilisierte Vögel." Man ahnt sie mehr in den schwarzen Strichen, als dass man sie sieht. Ein schönes Versteck jedenfalls.