Pastell trifft auf knallig, zart auf heftig. Nicola Winzinger nennt das „Clash“. Diesen englischen Ausdruck bemüht sie immer wieder im Gespräch – und besser könnte sie das, was sie umtreibt und was sie geprägt hat, nicht beschreiben. Die Kollision zweier Kulturen, die aufeinanderprallen und so Neues entstehen lassen, scheint die Künstlerin Nicola Winzinger anzutreiben.
Aber der Reihe nach. Denn um das zu verstehen, muss man mehr über die 46 Jahre alte Malerin aus Weßling wissen, die derzeit ihre Bilder im Einrichtungsgeschäft „Hofart“ in Wörthsee ausstellt und die es tatsächlich schafft, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Kunst zu bestreiten. Und zwar als Auftragsmalerin.
Das klingt erstmal ziemlich unfrei. Also nach jemandem, der sich ganz nach anderen Menschen und ihren Vorstellungen richtet. Der sich selbst und das, was er zu leisten imstande ist, ganz ins hintere Gehirnstübchen verbannt und das höchstens privat nach vorne holt. Bei Nicola Winzinger ist das aber nicht so. Das würde sie sich auch selbst vermutlich niemals antun.
Treffpunkt ist Winzingers Atelier in Herrsching. Ein heller Keller im Souterrain mit eigenem Eingang, weißen Holzwänden, liebevoller Vintage-Einrichtung. Es duftet nach Gewürzen, nach Kardamom, Zimt. Winzinger bietet Chai an, den sie auf einer kleinen Kochplatte zubereitet. Auf dem Boden liegt eine Palette, die von ein paar Acrylfarben umringt wird. Sie liebt diese Farben, weil sie perfekt zu dem Untergrund passen, auf dem sie sie einsetzt: Leinwand, Holz, Textilien. Gerade letzteres ist, wenn man so will, ein Schlüssel zu ihrer Vita.

Winzinger hat in München Illustrative Malerei studiert. Ihre Diplomarbeit schuf sie auf Stoffen – und war dabei offenbar so gut, dass ein bekanntes Modelabel auf sie aufmerksam wurde und sie dabei unterstützte. Schon damals hatte sie sich ganz auf abstrakte Malerei verlegt: „Das mit der Mode war damals natürlich großartig für mich“, sagt sie heute. Und in gewisser Weise war das erst einmal wegweisend für sie. Nach dem Studium ging sie ein Jahr lang auf Weltreise, vor allem Asien schlug sie in Bann. Danach gründete sie ihr eigenes Modelabel, fertigte auf der indonesischen Insel Bali, verkaufte ihre Kleidung online und betrieb drei Läden in München. 15 Jahre lang. Eine wichtige Zeit, in der sie unternehmerisches Denken gelernt habe, sagt sie heute darüber.
Drei Jahre davon lebte sie ganz auf Bali, bis sie schwanger wurde und nach Deutschland zurückkehrte. Ihr Label, ihre Geschäfte, alles sei eigentlich gut gelaufen, sagt sie. Nur die Kunst, der Wunsch, nur mehr zu malen, schwelte wie eine Glut in ihr. Bis zu diesem einen Morgen 2023: „Ich bin aufgewacht, habe nur mehr geweint und gewusst, ich will einfach nichts anderes mehr machen, als nur noch zu malen.“ Wie eine Explosion habe sich das angefühlt, erzählt sie. „Ich wollte am liebsten kurzen Prozess machen und einfach alles hinschmeißen.“
So weit kam es dann doch nicht. Winzinger ließ Vernunft walten und verkaufte ihre Firma, mietete sich ein Atelier in Herrsching und lernte Felix Schuck vom benachbarten Restaurant und Gästehaus Seespitz kennen. Als „Herzensmenschen“ bezeichnet sie ihn mittlerweile. „Wir haben uns einfach sofort verstanden.“ Er war es, der die ersten Schritte von Winzinger als freischaffende Auftragsmalerin förderte. Er kaufte ihr Bilder ab und stellte ihr die Wände in seinem Gästehaus für ihre Werke zur Verfügung. Die Idee dahinter ist einfach: Gefällt einem Gast ein Bild, kann er es dort käuflich erwerben. „Das war sofort auf Augenhöhe“, erzählt Winzinger.
Denn Hoteliers oder Wirte suchten oft nur Deko für ihre leeren Wände, aber das, so sagt die alleinerziehende Mutter mit den braunen Haaren und den klaren blauen Augen, bringe dem Künstler oft nur wenig. Dennoch gehören Innenarchitekten, Hoteliers, Firmeninhaber und auch Privatleute mittlerweile zu ihrer Klientel. „Es ist so, dass viel über Interieur und Design nachgedacht wird. Was aber mit den Wänden geschieht, wird noch immer zu wenig beachtet“, sagt sie. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel Wert früher genau darauf gelegt worden ist: in der Antike oder im Mittelalter zum Beispiel.

Mittlerweile scheint das Thema aber eine Renaissance zu erleben – mit den aufwendig gestalteten Tapeten, die Trend bei der Gestaltung von Wohnräumen geworden sind. Auch Winzinger hat sich darauf verlegt: Sie hat als einzige deutsche Malerin eine Kooperation mit dem italienischen Hersteller Affreschi & Affreschi, der ihre abstrakte Kunst auf seine Freskentapeten bannt. Aber was ist sie eigentlich genau, die Kunst von Winzinger?
Es sind Geschichten. Geschichten, die für ihre Auftraggeber eine besondere Rolle spielen. Besondere Momente, besondere Orte, besondere Erlebnisse. Winzinger lässt sie sich erzählen und bringt sie auf Leinwand oder Holz, farblich abgestimmt auf das Interieur ihrer Kunden, aber ohne sich dabei selbst zu verraten. Denn in ihren Bildern steckt immer auch ein Stück weit sie selbst – so zumindest könnte man sie interpretieren. Und sie selbst ist nun mal eine Reisende zwischen den Welten. Genauer gesagt ist sie ein Mensch, der irgendwo zwischen Bali und Fünfseenland zu Hause ist.

Ein Mensch, der etwa in einem Bild, das jetzt gerade in Wörthsee zu sehen ist, die Begegnung zweier Welten einfängt. Die muss nicht immer harmonisch sein, wie sie selbst sagt. „Manchmal ist es das Chaos, das die wahre Magie entfacht“, hat sie unter „Fest der Leichtigkeit“, wie sie es getauft hat, geschrieben. Ein rundes Bild auf Holz ist das, auf dem die fünf Seen der Region in goldener Farbe zu sehen sind. Und wieder einmal auch eine große weiße Fläche, ohne die sie selten auskommt in ihren Werken, fast so, als bräuchte sie diese Flächen als eine Art neutraler Raum, in dem alles Mögliche geschehen kann. Oder vielleicht auch Ruhe einkehren kann.
Um dies zu erschaffen, nutzt sie nicht nur klassische Malwerkzeuge wie Pinsel oder Spachtel. Sondern sehr gern natürliche Dinge, Federn oder Zweiglein, mit denen sie dann ihre Verbindung zwischen den Welten kreiert. Bunt, so sagt sie noch, das sei für sie die tropische Komponente, also Bali. Das Pastellige, Zarte, Nebelige – das stehe fürs Fünfseenland. Beide seien zwar getrennt voneinander, aber doch unsichtbar miteinander verbunden. Und deshalb liebt sie den Clash, das Aufeinandertreffen beider Seiten – was in jedem Fall Spannung erzeugt.
Die Ausstellung von Nicola Winzinger ist noch bis zum 24. Mai in der „Hofart Einrichtungen“, Etterschlager Straße 61, in Steinebach in der Gemeinde Wörthsee zu sehen: jeweils zu den Öffnungszeiten mittwochs bis samstags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Information über die Künstlerin gibt es unter www.abstract-artist.de.

