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Ausstellung:Vom Bahnhof zum Beinhaus

In der Starnberger Reihe "Nah - fern" zeigt Heike Schäfer ihre Installationen "Funny Bones" und "Knochenfeld". Vincent Kern präsentiert großformatige Gemälde zwischen Pathos und Trivialität

Von Katja Sebald, Starnberg

So kühn hat wohl noch nie jemand den "Wartesaal für allerhöchste Herrschaften" im historischen Bahnhof am See bespielt. Die Künstlerin Heike Schäfer zeigt dort in der Reihe "Nah - fern" eine Installation mit dem Titel "Knochenfeld". Es handelt sich um eine ältere Arbeit, die bereits in anderen Zusammenhängen zu sehen war. Und doch tritt sie in einen so spannenden Dialog mit dem Raum, als wäre sie eigens dafür geschaffen worden. Der Maler Vincent Kern ist der zweite Künstler, den die drei Kuratorinnen Katharina Kreye, Ulrike Prusseit und Ursula Steglich-Schaupp für die aktuelle Ausstellung unter dem Motto "Steckbrief" eingeladen haben.

Heike Schäfer zusammen mit Vincent Kern vor "Funny Bones" und einem der expressiven Gemälde des Münchners.

(Foto: Sophie Linckersdorff)

Heike Schäfer, Jahrgang 1957, wuchs in Starnberg auf und ist vor kurzem wieder hierher zurückgekehrt. Sie studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München und hat heute ihr Atelier im Gewerbehof Westend. Nachbildungen von Knochen und überhaupt biomorphe Formen sind ein wiederkehrendes Thema in ihrer künstlerischen Arbeit. Das "Knochenfeld" besteht aus einer Vielzahl von Knochen in unterschiedlichen Größen, die aus Fliegengitter gebogen und dann bis etwa zur Hälfte in Gips getaucht wurden. In einer ebenso schlichten wie eindringlichen Anordnung werden sie stehend präsentiert. In dem der englischen Gotik nachempfundenen, dunkel getäfelten Saal korrespondieren sie nun auf höchst eigenwillige Weise mit den rippenartigen Ornamenten der Holzdecke und den Verzierungen an Türen und Wänden. Es ergibt sich eine irritierend feierliche, fast sakrale Raumatmosphäre.

Vincent Kerns Malerei ist von einem expressiven Gestus bei gleichzeitig eher zurückhaltender, erdiger Farbigkeit geprägt.

(Foto: Sophie Linckersdorff)

Im eigentlichen Ausstellungsraum, der ehemaligen Schalterhalle, dominiert ebenfalls eine Arbeit von Heike Schäfer. Für die Installation "Funny Bones" hat sie die Knochenformen aus Leinwand genäht, mit Stahlwolle gefüllt, dann in Kreidegrund getaucht und lange gewässert, damit sich Rostspuren auf der weißlichen Oberfläche abzeichnen.

Präsentiert werden diese Knochen nach Größen sortiert und als Paare wie Würste an kleinen Haken befestigt. Unwillkürlich fühlt man sich an ein Beinhaus oder auch an eine archäologische Sammlung erinnert, Heike Schäfer denkt jedoch eher an eine Art "Ersatzteillager".

Aus Gips und Fliegengitter: Heike Schäfer in ihrem "Knochenfeld" im Wartesaal des See-Bahnhofs.

(Foto: Sophie Linckersdorff)

Flankiert wird die bleiche Knochenwand von den großformatigen Bildern des Malers Vincent Kern. Der Münchner ist Jahrgang 1989. Er studierte von 2010 bis 2017 an der Akademie der Bildenden Künste in München, zunächst bei Anke Doberauer und später bei Gregor Hildebrandt. Seine Malerei ist von einem expressiven Gestus bei gleichzeitig eher zurückhaltender, erdiger Farbigkeit geprägt. Figuren sind bildbestimmend, jedoch meist nur als Fragmente oder stark verfremdet auszumachen. Bezeichnungen wie "Prudefemme" in Anlehnung an den mittelalterlichen "Prud'homme" oder auch "Tektonisches Gelage" evozieren zunächst komplexe Bilderzählungen, Objekte wie ein banaler Aschenbecher verweisen dann aber eher auf die Welt der Dinge.

Das Bild "Homi Humi" - der Maler übersetzt den Bildtitel mit "Menschen der Erde" - könnte man nun als Antwort auf das hängende "Ossarium" von Heike Schäfer deuten: Dargestellt sind zwei in einer dunklen Vertiefung liegende Figuren, die eine hat neben sich ein Schwert und einen Armreif, die andere einen Schlüssel und eine Art Fibel. Man könnte an die Attribute von Heiligen denken oder aber an Grabbeigaben. Kern bewegt sich nach eigener Auskunft mit seiner Malerei gerne zwischen Pathos und Trivialität. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er weniger von einer Ausgrabungsstätte denn von einer Art "Probeliegen" sprechen will.

Die Ausstellung kann bis Ende Mai, jeweils samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, besichtigt werden. Am Osterwochenende ist sie geschlossen. Eine Person oder zwei Leute aus einem Hausstand können sich für Privatbesuche anmelden (0170/1456729). Am 27. und 28. März bieten die Künstler Einzelführungen nach Voranmeldung an.

© SZ vom 27.03.2021
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