Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Tafelmaiers Tiefgang

100. Vernissage der Reihe "Kunstwerk des Monats"

Nervös mache ihn, wenn er spüre, dass ein Kunstwerk inhaltlich belanglos sei, und es freue ihn, wenn er sehe, dass Menschen beim Betrachten von Kunst das Herz aufgehe. Der evangelische Pfarrer Johannes Habdank holt mit der von ihm initiierten Ausstellungsreihe "Kunstwerk des Monats" gelegentlich mehr Menschen in sein Gemeindehaus in Berg als Sonntags zur Messe. Zur 100. Vernissage am Mittwochabend war das Foyer des Katharina-von Bora-Haus wieder bestens besucht.

Dass die Kunstwerke, die dort seit 2011 jeden Monat gezeigt werden, nicht belanglos sind, ist Aufgabe der Kuratorin Katja Sebald. Der Hausherr muss nur selten wegen der Kunst im evangelischen Gemeindehaus nervös sein. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm ein beleuchtetes Hinterglasporträt eines alten Mannes von einer afghanischen Künstlerin, das viele Besucher ergriffen betrachtet und ganz oft als Moses identifiziert hätten. Einmal jedoch habe es ein Werk gegeben, dass wirklich viel Anstoß erregte, erinnert sich Habdank und über wichtige christliche Feiertage im Foyer des evangelischen Gemeindehauses hing. Da war er froh, als dieses wieder abgehangen wurde. Ein kirchlicher Bezug ist nicht Voraussetzung um Kunstwerk des Monats sein zu können.

Grundsätzlich gilt der Satz von Christoph Schlingensief: "Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können." Er steht im Jahr 2019 über der Veranstaltungsreihe und "erklärt eigentlich alles, was wir uns beim Kunstwerk des Monats denken", so Kuratorin Katja Sebald. Ihr Anliegen ist es, Künstler, Kulturschaffende und Kunstinteressierte miteinander ins Gespräch zu bringen. Zur 100. Vernissage hat Sebald den Münchner Zeichner und Grafiker Walter Tafelmaier eingeladen. In seinen Bildern setze er sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit den existentiellen Fragen unserer Zeit auseinander. Den Fragen nach Leben und Tod, Himmel und Hölle, geboren werden und sterben müssen. Eben jenen gesellschaftlich relevanten Dingen, mit denen sich Kirche und Kunst beschäftigen müssten. So die tiefe Überzeugung der Kuratorin. Tafelmaier zeigt eine fünfteilige Bilderserie und bespielt damit die Hauptwand des Raumes. Seine eher düster und still anmutenden Bilder hängen für den Betrachter in der perfekten Höhe, denn Tafelmaiers Werke fordern ein genaues Hinsehen. Seine bevorzugte Farbe ist Asphaltlack. Eine bräunlich dunkle oder aber staubig matte "Nichtfarbe", wie Sebald es nennt, mit der er seinen Malgrund oder auch fremde Bilder überzieht, bevor er ihnen dann seine Zeichnungen hinzufügt. Lässt sich der Betrachter auf seine Bilder ein, offenbaren sie eine tiefe Sensibilität.

Tafelmaier, 1935 in München geboren und unter anderem für die Plakatgestaltung zahlreicher kultureller Institutionen in München verantwortlich, war Sebalds Wunsch für die 100. Veranstaltung. Doch bewusst hatten sich Kuratorin und Hausherr gegen eine Feier entschieden. Es gab wie immer Brot und Wein zu Kunst . Dabei hätte die feine kunstsinnige Reihe allen Grund zu feiern. Denn während sich in den Anfangsjahren Pfarrer und Kuratorin beim Kirchenvorstand immer wieder für ihre Veranstaltung rechtfertigen mussten, kann die Reihe heute getrost als etabliert bezeichnet werden.

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Quelle:
SZ vom 15.04.2019
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