Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Riesig groß und winzig klein

Der Bildhauer Hans Panschar spielt in seiner Starnberger "Kunstapotheke" , der Zwischennutzung eines Ladengeschäfts, mit den Dimensionen. Er zeigt Hochstühle und Nägel für Titanen, dazu kleine Schiffe und Miniaturhäuser

Von Katja Sebald, Starnberg

Der Bildhauer Hans Panschar ist unter die Apotheker gegangen: In seiner Starnberger "Kunstapotheke" verabreicht er "Kunst in großen und kleinen Dosierungen, rezeptfrei und garantiert mit angenehmen Nebenwirkungen" - und natürlich "Nägel mit Köpfen". Die zwischen einer Bäckerei und einem Bio-Supermarkt in der Gautinger Straße eröffnete "Kunstapotheke" ist die Zwischennutzung eines gut 200 Quadratmeter großen Ladengeschäfts, für das noch ein Mieter gesucht wird. Laut Nutzungskonzept des Projektentwicklers Ehret & Klein soll dort eine, man ahnt es bereits, Apotheke einziehen.

Der Ausstellungstitel "Nägel mit Köpfen" legt nahe, dass Panschar kurzentschlossen zugegriffen hat, als ihm der Raum angeboten wurde. Im selben Gebäude ist er bereits mit einer Kunst-am-Bau-Arbeit vertreten. Die namensgebenden Nägel bilden nun zugleich die erste Abteilung seines wohlsortierten Ladengeschäfts: In monumentaler Größe, aus Eichenstämmen geschnitzt, mit Eisenoxid geschwärzt oder mit Kalkmilch behandelt, lehnen sie eindrucksvoll in einer Reihe an der rohen Betonwand. Panschar verweigert sich bislang konsequent figürlichen Darstellungen. Häuser, Boote, Stühle und Bücher aber sind wiederkehrende Themen in seinem bildhauerischen Werk: Die Dinge, die der Mensch schafft, stehen dabei für den Menschen selbst. Auch seine vom Leben gekrümmten, verrosteten und zerfurchten Riesennägel sind als Sinnbild für die großen Fragen des Menschseins zu verstehen.

Im rückwärtigen Teil des Raums gibt es eine "Delikatessenabteilung" für Daheimgebliebene mit einem sehr naturalistischen Schinken aus Pappelholz, einem lebensechten Steak, einem "Stangenweißbrot" aus Lindenholz, schwerem Wein aus Beton und einem "Großen Besteck" aus geschwärzter Eiche. An der gegenüberliegenden Wand aber steht für Fernwehgeplagte alles im Zeichen der Sehnsucht nach dem Meer: Es gibt hübsche kleine Segelschiffe aus Treibholz, einen großen und einen kleinen "Weltumsegler", ein riesiges rotes Schiffsruder für ein winziges Boot, einen Anker, der durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse, zwei ebenso löchrige "Rudergesellen" und ein Paar "Sommerschlittschuhe".

Es folgt eine "Literaturabteilung" aus geschnitzten Buchskulpturen und Assemblagen mit Zitaten von Homer und Baudelaire, außerdem eine Abteilung für die Fans von Bergeinsamkeit und eine weitere für überzeugte Stadtbewohner: Panschar schneidet aus Eichenblöcken Gipfel und ganze Hochgebirgszüge, kleine blattvergoldete Häuschen in unwirtlichen Höhen sind unerreichbarer Sehnsuchtsort und Symbol für die Winzigkeit des menschlichen Seins zugleich.

Wie Menschen, die sich eng aneinander drängen und sich gegenseitig Schutz bieten, wirken hingegen die schlank aufragenden Häuser an den Straßenschluchten der Stadtskulpturen. Zu den "Hochhäusern" und "Stelzenhäusern" gesellen sich "Hochstühle" und eine übermannshohe Tischskulptur mit zwei staksigen Stuhlskulpturen.

Hans Panschar, Jahrgang 1962, absolvierte eine Ausbildung zum Bootsbauer und Schreiner. Seit 1995 hat er eine Werkstatt in Allmannshausen. Auch als Betreiber von Ladengeschäften in Sachen Kunst hat er bereits Erfahrung: 2010 bespielte er in München eine "Art Bakery". 2018 stellte er in Paris in einer ehemaligen Buchhandlung am Montmartre aus. Verkehrte Dimensionen gibt es in seinem Werk immer wieder: nicht nur bei den Nägeln, denen ein lebensechter Vorschlaghammer zur Seite gestellt wurde, sondern auch bei einem Haufen aus riesenhaften Streichhölzern mit einem echten Feuerlöscher als "Objet trouvé". Auch die Frage nach der Funktionstüchtigkeit von Alltagsgegenständen inspiriert Panschar immer wieder aufs Neue. Die zuweilen heikle Gratwanderung zwischen wortspielerisch-heiteren und manchmal auch plakativen Objekten einerseits und sehr schlüssigen, oft geradezu minimalistischen Formfindungen andererseits gelingt ihm auch in dieser Ausstellung mit souveräner Leichtigkeit. Der kühle graue Betonraum bildet eine mehr als reizvolle Kulisse für die dargebotene freundliche "Kunstmedizin".

Die "Kunstapotheke" in der Gautinger Straße 1d ist bis zum 1. November immer freitags von 16 bis 20 und samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5032764
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.09.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.