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Ausstellung:Liebe, Macht und Tod

Die neue Installation der Künstlerin Gisela Forster in Schlagenhofen bei Inning kreist um die großen Themen dieser Zeit. "Beschirmt, beschützt, begleitet" dreht sich um Pandemie, Digitalisierung, Begegnung und um Missbrauch in der Kirche

Von PATRIZIA STEIPE, Inning

Einmal im Jahr öffnet die Künstlerin und Philosophin Gisela Forster ihr Kunsthaus am Wörthsee, um Menschen mit ihren Installationen ins Gespräch zu bringen. Eigentlich wollte sie die Ausstellung in diesem Jahr ausfallen lassen, "aber im November hatte ich schon wieder so viele Ideen", erinnert sie sich - diese drängten einfach danach, realisiert zu werden. Das Ergebnis ist die interaktive Installation "Beschirmt, beschützt, begleitet".

Die Ausstellung ist als Rundgang um ihr Häuschen im Freien angeordnet. Den Beginn macht ein großes, grünes, mit einer Plane eingewickeltes Gebilde, auf dem in Alu gehüllte und mit Masken bedeckte Köpfe stehen. Auf der Spitze liegt ein kleiner grüner Plastikball mit Noppen. Das Ganze soll die weltweite Pandemie auf der Erde darstellen. Am Boden weisen Strahlen in die vier Himmelsrichtungen, an deren Ende stehen Holzkreuze symbolisch für alle Toten. Ein bedrückender Anblick. Die Interpretation der Künstlerin macht es nicht besser: "Jeder Mensch ist nicht mehr Freund, sondern ein potenzieller Feind des anderen Menschen, weil dieser ein ansteckender Mensch sein könnte und damit eine direkte Gefahr für das Leben".

Schlagenhofen, Ausstellung Gisela Forster

Silberne Köpfe mit Masken und Holzkreuze stehen in Gisela Forsters neuer Ausstellung für die Corona-Pandemie.

(Foto: Georgine Treybal)

Um aus dieser Hoffnungslosigkeit zu kommen, braucht man bei Forster nur ein paar Schritte in den Garten zu machen. Wie bei einem Triptychon bildet ihr Mittelfeld den Schwerpunkt der Installation. "Wir befinden uns nun in der Empathie", erklärt Forster, die in diesem Jahr 75 wird. Früher hätte man wohl "Liebe" gesagt, "aber der Begriff ist zu abgedroschen". Ein wenig Erklärung braucht man freilich schon, um die tiefere Bedeutung der in Zweiergruppen angeordneten Plastikgartenstühle mit Plexiglastrennscheibe und Schirmen zu verstehen.

Hier gibt es für die Besucher die Möglichkeit sich in Distanz zueinander hinzusetzen und trotzdem Kontakt miteinander aufzunehmen. "Unter der Plexiglasscheibe kann man sich an den Händen fassen", erklärt Forster, die dafür coronakonforme Handschuhe austeilen wird. Die weißen Schirme strahlen Hoffnung und Reinheit aus. Unter die hellen hat sich ein schwarzer, leicht verbogener Schirm gemischt, quasi "das schwarze Schaf", das zur Menschheit dazugehört. Die Sitzgruppen dominiert jedoch ein überdimensionaler roter Schirm, an dem lange rote Bänder befestigt sind. "Mitfühlstreifen" nennt Forster sie. Ein Windhauch lässt die Bänder flattern. Forster steht mitten drin und strahlt: "Ist das nicht herrlich?".

Schlagenhofen, Ausstellung Gisela Forster

Dieses Bild zeigt eine Figur des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki.

(Foto: Georgine Treybal)

Ihre Besucher wird sie einladen zwischen diesen "Lichtblicken" zu verweilen und sich auszutauschen. Ein Thema gibt sie nicht vor. Ihr geht es vor allem darum zu zeigen, dass Begegnung trotz Corona möglich ist, dass die Menschen weder in Stillstand verfallen müssen noch die Menschheit in Einzelschicksale zerfalle. "Keiner ist allein", versichert Forster. "Beschirmt, beschützt, begleitet erhole ich mich unter den weißen Schirmen, sehe die Menschen um mich, die mich anschauen, und fasse wieder Mut.".

Der letzte Teil der Installation ist ein Relikt ihrer Ausstellung über die verschiedenen Religionen im Vorjahr, das sie geschickt in ihre aktuelle Arbeit eingebaut hat. Dünne Folien verschleiern die Tafeln mit den einzelnen Religionsgemeinschaften. In eine Ecke hat Forster sogar die Figur des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki gestellt. "Missbrauch, Missbrauch, Missbrauch" steht anklagend auf seiner Soutane. Ein wenig Religionskritik kann sich die vor fast 20 Jahren zur Priesterin geweihte Kirchenrebellin nicht verkneifen. Wegen der Pandemie ist nichts mehr in Ordnung. "Die Religionen haben sich hinter Plastikfassaden verschanzt, um nicht in Kontakt zu kommen, um einen lebensnotwendigen Abstand zu haben", klagt Forster. Nur eine Tafel ist unbedeckt: Es ist die Tafel mit der digitalen Welt. Man sieht vereinzelte Menschen auf Bergspitzen sitzen und mit ihren digitalen Geräten Botschaften in Sprechblasen aussenden. "Kannst du Gott sehen?", heißt es. Und: "Ich sehe nur Wolken", "lauter clouds". Die neue Weltmacht brauche kein lebendiges Leben, sie braucht nur Strom: Das neue Festessen der digitalen Gegenwart". Und welchen Ausweg gibt es jetzt für die Menschheit? Am Ausgang steht noch ein kleines Schild mit der Aufschrift: "Rettung Mars?"

Schlagenhofen, Ausstellung Gisela Forster

Auf den Gartenstühlen unter Sonnenschirmen können Besucher Platz nehmen und sich austauschen - eine Begegnung auf Distanz.

(Foto: Georgine Treybal)

Nach Anmeldung (0172 8535405) kann die Ausstellung in Schlagenhofen (Gemeinde Inning), Grünbichl 23, am 27. März und am 17. April nachmittags besucht werden.

© SZ vom 26.03.2021
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