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Ausstellung:Liebe, Freiheit, Kräutertee

Starnberg Museum Starnberger See, Stephanie Senge, Ausstellung 'Konsumbibliothek'.

Ein Blechregal voller Sehnsüchte: Die in Berlin lebende Installationskünstlerin Stephanie Senge mit ihrer Sammlung von Tees, Duschgels und Cremes. In ihren Händen hält sie die "starke Konsumentin".

(Foto: Georgine Treybal)

Das Museum Starnberger See verwandelt sich in einen kleinen Supermarkt und zeigt die "Konsumbibliothek" der Künstlerin Stephanie Senge. Ihr Regal voller Verheißungen ist durch das Fenster des geschlossenen Hauses zu sehen

Von Katja Sebald, Starnberg

Theater, Konzertsäle, Museen und alle anderen Kulturstätten sind geschlossen. Der Supermarkt ist der letzte gesellschaftliche Treffpunkt. Was liegt also näher, als das Museum zum Supermarkt zu machen? So die Überlegung von Benjamin Tillig, dem Leiter des Museums Starnberger See. Sehr kurzfristig hat er deshalb die Künstlerin Stephanie Senge eingeladen, das Foyer des Museums zum Schaufenster zu machen und dort bis Ende März ihre "Konsumbibliothek" zu zeigen.

Dem Home-Office für ein halbes Stündchen entfliehen, den Einkaufswagen durch die Gänge eines Supermarkts schieben und aus dem schier unerschöpflichen Angebot ein paar Dinge auswählen, die das Lockdown-Leben ein bisschen erfreulicher machen - das ist die Freiheit, die dem Konsumbürger geblieben ist. Jetzt also steht ein Regal voller Verheißungen aus der schönen bunten Warenwelt als Kunstwerk im Museum, dessen Türen freilich trotzdem geschlossen bleiben müssen. Das Schmökern in der "Konsumbibliothek" aber ist auch von außen durch die Fensterscheibe möglich. Und wer das - wie in einer Bibliothek - nach Sachgebieten geordnete Sortiment studiert hat, der wird danach mit anderen Augen zum Einkaufen gehen.

Stephanie Senge, Jahrgang 1972, studierte bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Berlin. Bereits in den 1990er Jahren beobachtete sie in Los Angeles Konsumenten beim Einkauf in den megalomanen Supermärkten, die rund um die Uhr geöffnet sind. Seither sammelt sie weltweit Konsumprodukte und untersucht anhand der Versprechungen, die sie den Käufern machen, gesellschaftliche Phänomene.

"Wir manipulieren uns alle täglich selbst, und wir werden auch manipuliert."

Verpackungen und Werbeslogans spiegeln die Themen, die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten bewegen. Das Sortiment eines Supermarkts sichert nicht nur unser Überleben, es sorgt auch für Entertainment und verspricht, Sehnsüchte und Träume zu erfüllen. "Wer loslässt, hat die Hände frei", steht etwa auf einer schnöden Handseife - was für eine Botschaft in Zeiten, in denen wir uns ständig die Hände waschen und um unsere Gesundheit ebenso wie um unsere Freiheit bangen.

"Wir manipulieren uns alle täglich selbst, und wir werden auch manipuliert von unserer Umwelt und natürlich auch von den Konsumprodukten und deren unterschiedlichsten Inszenierungen", sagt Stephanie Senge. Und doch sieht sie unsere freie Wahlentscheidung - auch im Supermarkt - als eine der großen Errungenschaften der westlichen Demokratien: "Hier in Deutschland und Europa leben wir erstmalig seit über 70 Jahren in Frieden und beispiellosem Wohlstand. Wir leben nahezu in paradiesischen Zuständen und wertschätzen dies leider viel zu wenig", so ihre Einschätzung. "Wenn wir uns bewusst sind, was wir tun, wenn wir einkaufen, sind wir Manipulationen nicht ausgeliefert. Wir können mit vollen Bewusstsein die schönen Inszenierungen genießen und jeden Moment uns entscheiden, was wir wollen."

Erst durch die thematische Gliederung wird aus der beliebigen Ansammlung von Duschgels, Damenbinden, Fertigsuppen, Rasierklingen und Kräutertees in einem Blechregal aus dem Baumarkt ein Spiegel der Gesellschaft. In der Abteilung "Liebe" findet sich die Hochzeitssuppe ebenso wie ein Duftspender. Und zur "Freiheit" gehört nicht nur das zuverlässige Deo, sondern auch das zuckerfreie Pfefferminz. Ein besonderes Augenmerk legt die Künstlerin auf die Unterabteilung "Solidarität". Dort zeigt sie Produkte, "die uns versprechen, dass wir mit dem Kauf etwas Gutes tun", sei es nun die Plastikverpackung, die laut Aufdruck "ohne Mikroplastik" auskommt, oder das Shampoo mit der Aufschrift "Love Your Planet". In Zeiten der Pandemie stehen natürlich auch Gesundheit und Abwehrkräfte hoch im Kurs - in Form von Tee ebenso wie als Vitamin-Smoothie.

Zu den großen Fans von Stephanie Senges künstlerischer Arbeit gehören unter anderem der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich und der Kunstheoretiker Bazon Brock. Letzterer erläuterte in einem Interview zu Senges "Konsumbibliothek", dass wir uns heute in einem gut sortierten Warenhaus bewegen, wie wir es früher in einer Bibliothek gemacht haben. Fanden wir einst die Antworten auf Fragen des alltäglichen Lebens nach Sachgebieten geordnet auf vielen hundert Buchseiten, so bekommen wir heute diese Informationen knapp zusammengefasst in gerade so vielen Zeilen, wie auf einer Shampooflasche Platz haben.

© SZ vom 29.01.2021
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