Ausstellung Kunstrecycling auf Welttournee

Nach Stationen in Berlin, London und New York zeigen Rüdiger Giebel und Moritz Götze ihr Bilderbuch "made in Kaisersaschern" im Starnberger Bahnhof am See

Von Katja Sebald, Starnberg

Alles begann mit der ersten Reise in den Westen. Im November 1989 machten sich die beiden Freunde Rüdiger Giebel und Moritz Götze von Halle an der Saale im Trabi auf den Weg in das verheißene Land jenseits der Grenze. Dreißig Jahre später sind sie immer noch gemeinsam unterwegs - jetzt aber auf "Grand Tour made in Kaisersaschern". So nämlich haben sie das durchaus größenwahnsinnige Projekt einer Kunstausstellung auf Welttournee genannt, mit dem sie nun nach Stationen wie Berlin, Brüssel, London und New York einen Zwischenstopp in der ehemaligen Schalterhalle des historischen Bahnhofs am See in Starnberg einlegen - dort allerdings unter dem Titel "kreuz und quer" und im Rahmen der städtischen Ausstellungsreihe "Nah - fern".

Anders als die Bildungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die von ihrer "Grand Tour" Souvenirs und Eindrücke aus Kunst und Kultur ferner Länder mit nach Hause brachten, wollen Giebler und Götze den kulturellen Reichtum ihrer Heimat und ihre ganz eigene Sicht auf die Geschichte Mitteldeutschlands in die Welt hinaus tragen. Kaisersaschern ist eine Erfindung von Thomas Mann, eine fiktive, gleichwohl typisch deutsche, mittelalterliche Stadt, in der er seinen Adrian Leverkühn im "Doktor Faustus" aufwachsen lässt. Versuchte man sie anhand seiner Beschreibungen auf einer Landkarte zu verorten, dann läge sie in der Nähe von Halle an der Saale.

Moritz Götze und Rüdiger Giebel (rechts) am Flipper mit Lady Hamilton, einer einst berühmten Schönheit.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Von diesem Ausgangspunkt nun weben die beiden Künstler, die seit langem gemeinsam arbeiten und ausstellen, ein Netz aus Zitaten und Anspielungen für das gebildete Kulturpublikum: Sie lassen Lady Hamilton in Goethe-Pose in der Campagna lümmeln, geben ihr obendrein einen Laptop in die Hand, lassen ein Rehlein vorbeitraben und montieren das Ganze auf einen blinkenden Flipper-Automaten. Dazu serviert Götze mit einem Gruß von Andy Warhol "German Soup" in den Geschmacksrichtungen Thomas Mann und Oskar Maria Graf. Und weil auch Ernst Ludwig Kirchner für ein zwar kurzes, aber für die Kunstgeschichte folgenreiches Gastspiel in Halle an der Saale war, hält Rüdiger Giebler mit Fug und Recht bis heute an einem allerletzten Zipfel des Expressionismus fest.

Verweise und Querverbindungen zu historisch bedeutenden oder auch ganz und gar nebensächlichen Ereignissen sowie ein unbekümmert schwelgerisches Recycling von überliefertem Bildmaterial aller Epochen zwischen Romantik und sozialistischem Realismus kennzeichnen die Vorgehensweise beider Künstler. Hinsichtlich der verwendeten Techniken könnten sie jedoch kaum unterschiedlicher sein. Der 1958 geborene Rüdiger Giebler absolvierte eine Lehre als Landvermesser und studierte noch zu DDR-Zeiten an der Hochschule für Kunst und Design auf der Burg Giebichenstein in Halle. Die meisten der in Starnberg gezeigten Arbeiten sind in Öl auf Leinwand entstanden. Seine Malerei ist geradezu überbordend erzählerisch, sein Blick ins Innerste seiner Bildakteure ist auf fast brutale Weise entblößend. Dabei kommt gestische Malerei neben zeichnerischer Vorgehensweise zum Einsatz, Übermalung im wörtlichen Sinn und Überzeichnung im übertragenen Sinn ergänzen sich in diesen opulent aufgewühlten Bildwelten zu einem emotionsgeladenen Patchwork. Der etwas jüngere Moritz Götze, Jahrgang 1964, arbeitet nach einer Ausbildung zum Möbeltischler seit 1986 als Maler und Graphiker. Seine bevorzugte Technik ist die Emaillemalerei, er zeigt aber auch Radierungen und farbige Druckgraphiken, außerdem ein zum "Untergang der Glücksmaschine" übermaltes Plakat aus dem sozialistischen Biologieunterricht zum Thema Hülsenfrüchte.

Moritz Götze und Rüdiger Giebel (rechts) am Flipper mit Lady Hamilton, einer einst berühmten Schönheit.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Seine zuweilen kühle und zuweilen poetische Bildsprache kommt aus dem Grenzland zwischen Pop-Art und DDR-Comic. Die bezaubernd altmodischen Bildzitate, vor allem aber die extrem glatten Oberflächen und die kühle Farbpalette sorgen für eine eigenwillige Retro-Ästhetik.

Bis zum 14. April jeweils donnerstags und freitags 16 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr.