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Ausstellung in Schondorf:Seid umschlungen

Der Künstler Jan Davidoff zeigt im Studio Rose seine vielschichtigen und mitunter surreal wirkenden Bilder, die auf den Kontrast zwischen üppig wuchernder Natur und Kultur abheben

Im Studio Rose und auch im benachbarten Ateliergebäude ist neues Leben eingekehrt. Schon seit Anfang Mai ist Jan Davidoff dort als "Artist in Residence", jetzt hat er die Türen auch für das Publikum geöffnet: "Weltenraum" heißt die Ausstellung, die am Freitagnachmittag eröffnet wurde und noch bis zum 28. Juni zu sehen ist.

Für die Präsentation seiner großformatigen Gemälde hat Davidoff eine Querwand in den Ausstellungsraum eingebaut, eine Art Tribüne sollte zum Perspektivenwechsel einladen und für kleine Veranstaltungen genutzt werden - jetzt stehen die leeren Ränge für eine durch die Corona-Pandemie veränderte Welt. Die Besucher sind eingeladen, ihren Namen darauf zu hinterlassen, und am Ende der Ausstellung könnte daraus vielleicht eine Menschenmenge geworden sein, wie sie auf dem Bild über der Tribüne zu sehen ist - Erinnerung an eine lange vergangene Zeit, als Menschen sich noch dicht an dicht in Stadien und Arenen drängen durften. Das Gemälde stammt aus dem Jahr 2014, es trägt jedoch den zur aktuellen Situation passenden Titel "Verruf der Menge".

Wie die meisten Gemälde Davidoffs ist es in einer höchst eigenwilligen Mischtechnik entstanden. "Die Malerei ist ein großer Spielplatz", sagt der Künstler. Und so erscheint auch seine Arbeitsweise fast spielerisch, obwohl sie höchst komplex und im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig ist. Ausgehend von üppig aufgetragener Farbe und einer zunächst abstrakten Gestaltung der Leinwand arbeitet er während des Malprozesses nach und nach figürliche und gegenständliche Motive heraus. Dabei verwendet er sowohl matte Farben als auch hochglänzende Lacke, außerdem Stifte und Kunstharze. Starkfarbige Flächen und subtile Verläufe stehen neben schwarz-weißen zeichnerischen Elementen. Es entstehen keine homogenen Schichten, sondern scheinbar gebrochene, aufgeplatzte, fast reliefartige Strukturen, die effektvoll die grafische Wirkung der Bilder brechen und eine Art räumlicher Tiefe suggerieren.

Neben den Arbeiten auf Leinwand zeigt Davidoff in Schondorf auch eine Reihe von Bildern in kleineren Formaten, für die er Fotomotive auf Messing- oder Kupferplatten druckt und sie dann malerisch überarbeitet. Dabei schafft er stark verfremdete, zuweilen surreal anmutende und verwirrende Bildwelten im Grenzland zwischen Figürlichkeit und Abstraktion.

Der Mensch und die Dinge des Menschen, Kathedralen, Hochhäuser und Stadtsilhouetten oder auch nur Architekturdetails wie Fenster und Türen stehen in Davidoffs Bildern im Kontrast zu üppiger Natur, Waldlandschaften, mächtigen Baumriesen und wild wuchernden Pflanzen. Kultur und Natur erscheinen in seinem Werk stets als Antipoden. Und so hängt in der Schondorfer Ausstellung das Bild von der Menschenmenge, in dem der Einzelne nicht als Individuum, sondern als kleiner anonymer Teil eines großen Ganzen erscheint, über der Tribüne. Direkt gegenüber - das hohe Fenster verdeckend und gleichzeitig von diesem geheimnisvoll hinterleuchtet - aber hängt das über vier Meter hohe Bild eines Baumes, der in einen dunkelblauen Nachthimmel hineinwächst und irgendwo in der Unendlichkeit endet. Wie ein riesiges Altargemälde bestimmt es den hohen Raum und verstärkt seine ohnehin schon sakrale Anmutung noch einmal. Der Betrachter aber, der einzelne Mensch, kann sich dieser theatralen Bildwucht kaum entziehen, er muss sich zwangsläufig winzig und unbedeutend fühlen.

Der 1976 geborene Jan Davidoff studierte bei Anke Doberauer und Günther Förg an der Münchner Akademie und ist mit seinen Bildern auch international vertreten. Seit einigen Jahren lebt er in Schondorf. Er ist der erste Künstler, der in den Genuss des von der Kunsthistorikerin Silvia Dobler betreuten Artist-in-Residence-Programms der Gemeinde Schondorf kommt. Er kann nicht nur das Ausstellungsgebäude nutzen, das Renate Rose in den Achtzigerjahren bauen ließ, um dort die Arbeiten ihres verstorbenen Mannes Heinz Rose und seines Bruders Walter Rose zu zeigen. Er kann auch im ehemaligen Atelier von Walter Rose arbeiten, das zumindest theoretisch eine Übernachtungsmöglichkeit bietet. Allerdings diente das Holzgebäude aus den Dreißigerjahren jahrzehntelang als Bilderlager und ist mit seinem modrigen Geruch im Moment wenig einladend.

© SZ vom 26.05.2020

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