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Ausstellung:Hölle und Himmel

Heiko Börner und Christoph Lammers zeigen in der Reihe "Nah - fern" Zeichnungen, Skulpturen und eine Installation, die wie maßgeschneidert zum alten Seebahnhof in Starnberg passen

Von Katja Sebald, Starnberg

"Verstrickt" heißt die aktuelle Ausstellung in der Reihe "Nah - fern" in der Schalterhalle im historischen Bahnhof am See in Starnberg. Wer bei diesem Titel an drängende Enge oder komplizierte Verflechtungen denkt, der liegt weit daneben: Das künstlerische Miteinander von Heiko Börner und Christoph Lammers zeichnet sich durch offene und weite, aber dennoch spannungsvolle Assoziationsräume aus.

Der besondere Reiz der Ausstellung liegt darin, dass beide Künstler mit großen Gesten, aber auch mit kleinen, beinahe skizzenhaften Denkmodellen vertreten sind. Und er besteht nicht zuletzt darin, dass sie die vor sich hin bröselnde ehemalige Schalterhalle unter konsequentem Verzicht auf Farbe bespielen und dass die Linien in ihren Arbeiten die Schrunden und Risse in den Wänden, die Lüftungsschächte und die heraushängenden Kabel gleichsam fortführen.

Absperrbänder vor monumentaler Zeichnung: Heiko Börner (links) und Christoph Lammers verzichten in ihrer Ausstellung auf Farbe.

(Foto: Arlet Ulfers)

Insbesondere die riesige diagonale Verspannung, durch die Börner mit Hilfe von zwei Holzrahmen und weißem Absperrband den Raum bestimmt, wirkt beinahe so, als diene sie der Stabilisierung des ganzen Gebäudes. Tatsächlich sind Wahrnehmung und Perspektive, Gewicht und Gleichgewicht, Schwere und Leichtigkeit die Fragen, denen Börner in seiner künstlerischen Arbeit nachgeht. Das gilt für seine Installationen ebenso wie für seine Filmsequenzen, für die er eine Vielzahl von Zeichnungen aneinanderreiht, und es gilt erst recht für seine Skulpturen: Von der klassischen Holzbildhauerei kommend, bearbeitet Börner seine Werkstücke, vorzugsweise Lindenholz, mit großer Virtuosität. Er arbeitet aus dem Stamm Formen heraus, die Bewegung und Drehung suggerieren, sowie Flächen mit unterschiedlicher Struktur, die diese Bewegung noch einmal nachzeichnen.

"Wachsen I-IV" nennt Christoph Lammers seine Zeichnungen, die er zwischen Uhr und Steckdose platziert hat.

(Foto: Arlet Ulfers)

Heiko Börner wurde 1973 in Arnstadt in Thüringen geboren. Nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer und dem Besuch der Meisterschule studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Bruno Gironcoli. Beides, die handwerkliche Beherrschung der Materie ebenso wie die bewusste Abkehr von der traditionellen Herangehensweise, zeichnet seine eigenwilligen Skulpturen aus.

Christoph Lammers, Jahrgang 1969, studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Gerd Winner. Er beansprucht mit der monumentalen Zeichnung "Lichtspur", entstanden 2012 während einer fünfstündigen Performance in der Paulskirche in München, eine ganze Wand des Ausstellungsraums. Auf vier mal acht Metern hat der Künstler die Leinwand mit Kohle, Tusche, Ruß und Wachs bearbeitet. Aus dem zunächst ungegenständlich anmutenden, expressiv-schwarzen Bildkosmos schälen sich erst bei genauerer Betrachtung die Verweise auf die Welt der Dinge heraus: ein Schaf, vielleicht auch ein Wolf mit aufgerissenem Maul. Ein sintflutartiger Regen geht hernieder, über allem sind riesenhafte Engelsflügel auszumachen. Man könnte meinen, in diesem Bild vereinen sich Himmelfahrt und Apokalypse. Von großer Zurückhaltung sind hingegen die linearen Zeichnungen, die unter dem Titel "Wachsen" zusammengefasst sind: Sie entstanden als Vorarbeiten für eine weitere Performance, die 2018 in der Städtischen Galerie Rosenheim stattfand und sich dem Thema "Wiese" widmete. Sprießende, pflanzliche Formen entwickeln sich aus dem Tuschestrich auf großformatigem Seidenpapier. Besonders reizvolle Gebilde ergeben sich, wo mehrere dieser Zeichnungen übereinandergelegt präsentiert werden. Eine kleinere Bildserie, ausgeführt mit Graphit und Flammenruß auf Papier, schlägt noch leisere Töne an: Lammers beschäftigt sich hier mit dem Verblassen des Lichts und dem Schwinden der Farben in der Abenddämmerung.

Die Ausstellung von Heiko Börner und Christoph Lammers ist bis zum 11. Oktober jeweils donnerstags und freitags von 16 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

© SZ vom 19.09.2020

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