Ausstellung:Götter, Ritter und Erdenwürmer

Bildhauer Andreas Kuhnlein zeigt im Weßlinger Pfarrstadel seine von Vergänglichkeit kündenden Holzskulpturen

Von Katja Sebald, Weßling

Ausstellungen in Boston, Denver, Quebec. In Hamburg, Frankfurt, Salzburg, München. Und nun also in Weßling. Brigitte Weiß, Vorsitzende des Vereins "Unser Dorf", konnte ihr Glück kaum fassen: Sie hatte den Bildhauer Andreas Kuhnlein, dessen Arbeit sie seit Jahren begeistert ver-folgt, um eine einzige seiner Holzskulpturen gebeten. Er aber schlug ihr eine ganze Ausstellung im Foyer des Pfarrstadels vor. Mit einem Jahr coronabedingter Verzögerung sind die Werke des international tätigen Künstlers jetzt zu sehen.

Weßling:Pfarrstadl:  Holzskulpturen von Andreas Kuhnlein

Hölzerne Evolution: Der Entwicklung des Menschen gilt Kuhnleins Figurenparade "Im Fluss".

(Foto: Nila Thiel)

Es ist nicht die erste Ausstellung, die Kuhnlein mit "Spuren des Menschseins" überschrieben hat. Immer geht es in seinen Arbeiten um den Menschen, um Geburt und Tod, um Streben und Scheitern, um Schein und Sein, um Macht und Ohnmacht. Aus Ulmen, Eschen und Eichen, aus Totholz und vom Sturm gefällten Bäumen schneidet der Bildhauer ein kauerndes Menschlein, einen verstümmelten Hel-den, eine hoffnungsvolle Schwangere, eine thronende Königin, einen stürzenden Ikarus, einen kraftstrotzenden Göttervater und schließlich einen von seinem täglichen Tun erschöpften Fährmann am Ufer des Totenflusses.

Weßling:Pfarrstadl:  Holzskulpturen von Andreas Kuhnlein

Das Frauenbildnis "Balance".

(Foto: Nila Thiel)

Im Erdgeschoss wird der Besucher von einem mahnenden Reigen empfangen. Mehrere Figuren versinnbildlichen die Entwicklung des Menschen zum aufrechten Gang, zu sehen ist außerdem eine Königin mit und ohne Insignien ihrer Macht, auch der Ritter ist ohne seine Rüstung mehr als nackt. Über die Treppe gelangt man ins obere Foyer - und zugleich ins Reich der antiken Mythologie, denn hier haben sich Adonis und Aphrodite, Charon und Zeus versammelt. Ob nun Gottheit oder Erdenwurm: Jede einzelne dieser von den Spuren der Säge gezeichneten, verwundeten und gleichsam gehäuteten Figuren ist ein Memento Mori. Geradezu schmerzhaft gemahnt sie den Betrachter an seine eigene Vergänglichkeit.

Weßling:Pfarrstadl:  Holzskulpturen von Andreas Kuhnlein

Der "Eisenmann".

(Foto: Nila Thiel)

Die zerrissenen Körper und die zerfurchten, wie von Altersspuren überzogenen und zuweilen russgeschwärzten Holzoberflächen korrespondieren durchaus reizvoll mit den mächtigen Balken und den rohen Ziegelwänden des historischen Gebäudes. Einige Figuren werden auf alten Brettern in luftiger Höhe präsentiert, als wären sie vor langer Zeit dort oben im Gebälk vergessen worden. Kuhnleins Arbeiten sind nicht nur figurativ, sondern stets auch erzählerisch und zuweilen sehr plakativ. Diese Tatsache kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede einzelne seiner Skulpturen als tiefe Verneigung vor der Schöpfung und den Gesetzen der Natur verstanden werden will.

Kuhnlein, 1953 in Unterwössen im Chiemgau geboren, fand erst spät und über Umwege zur Kunst. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, absolvierte eine Schreinerlehre und arbeitete mehrere Jah-re beim Bundesgrenzschutz. In den 1970er Jahren war er mit Terrorismus und Anti-Atomkraft-Demonstrationen konfrontiert, auch an der innerdeutschen Grenze war er im Einsatz. Als Nebenerwerbslandwirt und Schreiner entdeckte er Anfang der Achtziger die Bildhauerei für sich, auf eine lange Durststrecke folgte schließlich die Anerkennung als Künstler. Heute kann Kuhnlein auf eine lange Reihe von Ausstellungen zurückblicken, er wurde unter anderem mit dem Oberbayerischen Kultur-preis ausgezeichnet.

Die Ausstellung "Spuren des Menschseins" von Andreas Kuhnlein ist noch bis zum 29. August jeweils mittwochs bis samstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 12 bis 19 Uhr zu sehen. Am letzten Aus-stellungstag gibt es von 11 Uhr an ein Künstlergespräch mit Andreas Kuhnlein und dem Bezirksheimat-pfleger Norbert Göttler.

© SZ vom 12.08.2021
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