Ausstellung Farbe bekennen

Was ist Mut? Dießener, Landsberger und Uttinger Künstler geben darauf Antworten. Sie erinnern an die Nazi-Zeit und laden ins Forschungslabor ein

Von Katja Sebald, Dießen

Was ist Mut? Jeder, der künstlerisch arbeitet, müsse mutig sein, um dem Zuschauer oder Zuhörer einen Blick in seine Seele zu erlauben, sagt die Dießener Künstlerin Annunciata Foresti, die als Beauftragte für die Landsberger Kreiskulturtage das Thema "Mut" über alle Veranstaltungen gestellt hat. Am westlichen Ammerseeufer gehen verschiedene Künstler an unterschiedlichen Orten - und aus höchst unterschiedlichen Richtungen - der Frage nach, was Mut bedeutet.

Michaela Leitner hat Passagen aus dem Grundgesetz in ihren kalligrafischen Schrifttafeln zusammengefasst.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Immer die Wahrheit zu sagen, da gehört schon Mut dazu", spricht eine über neunzigjährige Dame mit all ihrer Lebenserfahrung dem Künstler Peter Dietz in die Kamera. Seine Video-Klang-Collage aus Interviews und Bildeindrücken ist noch bis zum 26. Mai täglich außer samstags von 16 bis 19 Uhr im Lagerhaus am Bahnhofsplatz in Utting zu sehen. Die Künstler der Ateliertage zeigen dort eine gemeinsame Ausstellung, in der sie "Farbe bekennen" und sich "rückwärts fallen lassen".

Trine Pesch stellt zusammen mit anderen Uttinger Ateliertage-Künstlern zu den Kreiskulturtagen aus. Sie zeigt im Lagerhaus ein Filz-Tipi.

(Foto: Franz X. Fuchs)

Es erfordere den Mut einer Gesellschaft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, findet der Fotograf Harry Sternberg, der an ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte Uttings erinnern will: Vom Juni 1944 bis zum April 1945 gab es hier ein Arbeitslager, das zum KZ-Komplex Kaufering gehörte, einem Außenlager von Dachau. Zeitweise waren bis zu 500 jüdische Häftlinge im Uttinger "Lager X" interniert, wo sie in einem Betonwerk der Firma Dyckerhoff Fertigteile für eine geplante unterirdische Flugzeugfabrik herstellen mussten. Sternberg zeigt eine Fotografie vom Tor des jüdischen Friedhofs und eine, die 2006 während der Abrissarbeiten auf dem Dyckerhoff-Areal entstand.

Nuë Ammann zeigt eine Installation aus Glassplittern und lädt zum Reflektieren im Blauen Haus ein.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auch Martin Gensbaur erinnert mit einer Ausstellung in seinem Dießener "Kunstfenster" an die Schrecken der NS-Zeit: Vor 75 Jahren malte der als "entartet" gebrandmarkte und mit Malverbot belegte Künstler Fritz Winter im Genesungsurlaub in Dießen eine kleinformatige Bildfolge, in der er mit abstrakten, im Bildraum kreisenden Formen und gestisch bewegten Linien in gedämpften Farben seine künstlerische Auffassung manifestierte und die Idee eines großen Schöpfungsmythos zum Ausdruck brachte. Winter wusste, dass er an die Front zurückkehren musste, er malte gleichsam sein Vermächtnis. Nach seiner Rückkehr aus russischer Gefangenschaft im Jahr 1949 sollte die auf dünnes Schreibmaschinenpapier gemalte Serie "Triebkräfte der Erde" zum Gründungswerk der Nachkriegsmoderne in Deutschland werden.

Gerhard Marquard zeigt seine auf Kant anspielenden Rauminstallation.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Gensbaur knüpft nun mit seiner in den 1990er Jahren entstandenen Serie "Natura Morta", zumeist in sehr engen Ausschnitten gemalte Ansichten von Bäumen und Waldstücken, an Winters Naturbilder an. Der ebenfalls in Dießen lebende Fotograf Christoph Franke zeigt dazu Fotos von Bäumen, bei denen er mit Überblendungen und Kamerabewegungen gezielte Unschärfen schafft. In diesen beinahe abstrakt anmutenden Bildern könnte man wiederum Querverweise zu Winters kristallinen Formen finden. Die Ausstellung "Triebkräfte der Erde", die von einer Publikation begleitet wird, ist ebenfalls bis zum 26. Mai jeweils Samstag und Sonntag von 17 bis 20 Uhr zu sehen.

Zwei parallele Ausstellungen sind im "Blauen Haus" in Dießen zu sehen: Der Landsberger Künstler Gerhard Marquard will dort, ausgehend von dem Kant-Zitat "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", aufzeigen, dass es auch zweihundert Jahre nach der Aufklärung im "Mainstream" der modernen Gesellschaft keineswegs selbstverständlich ist, sich seines Verstandes zu bedienen. Mit "Sapere Aude" hat Marquard eine Rauminstallation aus Zeichnungen, Collagen und Papierobjekten überschrieben, die dem Betrachter gleichsam einen Blick in den eigenen Kopf gewährt.

Die Dießener Wortkünstlerin Nuë Ammann hat ein "Mut-Forschungslabor" aufgebaut, in dem sie zum "Sehen, Lesen und Reflektieren" einlädt: Nachdem der Betrachter ihre Versuchsanordnung mit Worten, Gedanken und Fundstücken in Reagenzgläsern studiert hat, betritt er - sofern er denn mutig genug ist - ein schwarzes Kabinett, in dem ihn die Erkenntnis erwartet.

Dazu zeigt Michaela Leitner ihre Siebdruckserie "Grundgesetz trifft Handlettering", für die sie wichtige Passagen aus dem Grundgesetz zu dekorativen Schrifttafeln arrangiert hat. Die Ausstellungen im "Blauen Haus" sind ebenfalls bis zum 26. Mai freitags, samstags und sonntags von 15 bis 19 Uhr zu sehen.