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Ausstellung:Der Weg ist das Ziel

Lilo Ring und Johannes Alexander Kraut zeigen in der Starnberger Reihe "Nah - fern" ihre tagebuchartigen und intuitiven Zeichnungen

Von Katja Sebald, Starnberg

Die Gäste waren eingeladen, die Reden geschrieben. Die Enttäuschung bei Katharina Kreye, Ulrike Prusseit und Ursula Steglich-Schaupp, den Kuratorinnen der Reihe "Nah - fern", war groß, als die Vernissage in letzter Minute abgesagt wurde. Aber immerhin kann die Ausstellung "Gesichtet" mit Arbeiten von Lilo Ring und Johannes Alexander Kraut stattfinden - und das Hygienekonzept mit Einbahnregelung macht dem Bahnhof als Durchgangsort alle Ehre. Auch wenn die Fahrpläne in der ehemaligen Schalterhalle und die Erfrischungen aus dem "Wartesaal für allerhöchste Herrschaften" eher geistiger Natur sind, so wird man nach ihrer "Sichtung" den Bahnhof auf der rückwärtigen Seite doch gut gerüstet für die Weiterreise in Pandemiezeiten verlassen.

Johannes Alexander Kraut, der zwischen seiner Heimat im Allgäu und einem Atelier in Berlin pendelt, ist in dieser Ausstellung für die Reiseroute zuständig: "Je intensiver ein Bild erlebt wird, desto größer erscheint auch die Welt, die es uns vorenthält", schreibt er selbst über seine künstlerische Arbeit und fragt gleich darauf: "Erklärt sich daraus die glückliche Unzufriedenheit, die mit der Betrachtung einhergeht?" Seine Bleistiftzeichnungen wie auch ein großformatiger Linoldruck sind überzeugende Panoramen des Nicht-Wissens. Mit jedem einzelnen Blatt befragt er die Welt aufs Neue nach seinem eigenen Standort. Es geht, so scheint es, mehr um den physischen Vorgang des Zeichnens als um das Erzeugen von Bildern. Er gebe viel Vertrauen an die Hände ab, erläutert der Künstler. Und fast scheint es, als schaffe er sich selbst den größtmöglichen Widerstand, um seinen Gestaltungswillen zu überlisten: Zwischen Bleistift und Papier streut er feinen Sand ,und für seinen Linoldruck verwendet er einen harten Bodenbelag, den er auf Knien bearbeitet. Hier wie dort entstehen feine Netzwerke, Linien, Gespinste und Verdichtungen. Der Weg ist das Ziel auf dieser Reise der Erkenntnis, so viel ist sicher. Abenteuer am Wegesrand sind die zum Teil fast lebensgroßen Zeichnungen von Kühen, die Kraut direkt im Stall anfertigt, während die Tiere gemolken werden.

Starnberg: nah & fern Ausstellung -Alexander Kraut

Die fast lebensgroße Zeichnung einer Kuh stammt von Johannes Alexander Kraut und trägt den Titel „Afra“.

(Foto: Nila Thiel)

Die Künstlerin Lilo Ring, selbst aus Krumbach in Schwaben angereist, hingegen stattet die hungrigen Reisenden in Sachen Kunst mit wundersamen Proviantpäckchen im Taschenformat aus: Hier eine kleine "Aufräumerin", die sich kopfüber in die Arbeit gestürzt hat, und dort eine "Pflanzenversteherin" beim Blumenküssen. Und apropos Küssen: Es gibt auch Liebespaare und eine "Morgenübung". "Das Glück ist eine Farbe", behauptet eines der Blätter fröhlich, und gleich das nächste fragt besorgt: "Findet mich das Glück?" Dieser Verweis auf das gleichnamige Kunstprojekt von Fischli/Weiss wie auch das anderswo verwendete Rupprecht-Geiger-Zitat "Rot macht high" verdeutlichen, wie unbekümmert die Künstlerin sich hier und da zu bedienen weiß, wie Zeitungslektüre oder Alltagseindrücke den Weg in ihre Zeichnungen finden, die man wohl eher als "Aufzeichnungen", als tagebuchgleiche Aneinanderreihung von Beobachtungen und Überlegungen verstehen muss. "Kunst im Gepäck" heißt eines der kleinen Blätter, auf denen Lilo Ring uns mit beherztem Krakelstrich zum Weiterreisen ermuntert. Das Zusammenspiel von Wort und Bild, vor allem aber die virtuos-unbeholfene Darstellungsweise machen den Reiz dieser heiteren Merkwürdigkeiten aus.

"Gesichtet" ist bis zum 15. November jeweils donnerstags und freitags von 16 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

© SZ vom 23.10.2020
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