Ausstellung Der Kasperl und der Kašpárek

Das Museum Starnberger See zeigt "Die fantastische Welt der Marionetten". Die Sammlung von Anita und Hartmut Naefe umfasst mehr als 1000 Figuren, bezaubernde, kostbare und kuriose

Von Katja Sebald, Starnberg

Man müsste sich jetzt einmal nachts im Museum einsperren lassen. Wenn die Besucher weg sind und die Marionetten zum Leben erwachen, dann könnte man ihnen zuhören, wie sie sich aus ihrem langen Leben erzählen: Der böhmische Kašpárek und der Starnberger Kasperl Larifari haben ohnehin gemeinsame Vorfahren. Die Prinzessinnen und die Könige, die Hexen und die Wassermänner sind alle weit gereist. Und Spejbl und Hurvínek, die beiden berühmtesten Figuren des tschechischen Puppenspiels, bringen wahrscheinlich immer noch alle zum Lachen. "Die fantastische Welt der Marionetten" heißt die aktuelle Sonderausstellung im Museum Starnberger See mit den schönsten Stücken aus der Sammlung von Anita und Hartmut Naefe.

Eine Auswahl der Sammlerstücke ist nun in Starnberg zu sehen.

(Foto: Georgine Treybal)

"Normalerweise hätte ich mir ein Paar Schuhe oder einen Pullover gekauft", erzählt Anita Naefe über jenen Tag vor gut zwanzig Jahren, an dem sie "schlecht drauf" war und sich etwas Gutes tun wollte. Zufällig geriet sie dabei an einen Antiquitätenhändler - und verlor ihr Herz an einen kaum handgroßen Kasperl mit roter Mütze, der sie frech anlachte. Dass dieser Kasperl eigentlich ein Kašpárek war und vermutlich von einem böhmischen Puppenspieler auf einer der zahlreichen Wanderbühnen gespielt wurde, davon wusste sie damals noch nichts. Und sie ahnte nicht, dass sie einmal in ihrem Haus in Viechtach mehr als 1000 Marionettenfiguren beherbergen würde. Längst hat sie ihren Mann mit dem Sammlervirus angesteckt, und das pensionierte Lehrerpaar trägt auch Bühnen und kunstvoll bemalte Kulissen, Requisiten, alte Stoffe und einzelne Köpfe, außerdem Spielpläne und Plakate aus der Geschichte des Puppenspiels zusammen. Da die Heimatstadt der Naefes nur 35 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt ist, haben sie ihr Hauptaugenmerk auf böhmische Marionetten gelegt.

Die Ausstellung ist auch für Erwachsene interessant.

(Foto: Georgine Treybal)

Und so kommt es in dieser Ausstellung zu einer unverhofften Begegnung zwischen dem Starnberger Kasperl Larifari mit der dicken Knollennase, der in seinem grünen Hut, dem herrlich roten Wams und seiner feinen gelben Hose die Stadt auf höchst charmante Weise vertritt, und seinen zahlreich angereisten böhmischen Verwandten: Kasperl und Kašpárek gehen beide auf die Figur des Hanswurst zurück, der freilich als wilder Dultkasper alles andere als ein Freund der Kinder war, sondern auf Wanderbühnen derbe Unterhaltung für Erwachsene bot und unverblümt die Obrigkeit kritisierte. Dem feuerroten Kašpárek, der gerne mit Tod und Teufel unterwegs ist, sieht man diese wilde Vergangenheit noch an. In Böhmen reicht die Tradition der wandernden Puppentheater bis weit ins 18. Jahrhundert zurück. Und auch vom Erfinder des Kasperl Larifari, Franz von Pocci, ist überliefert, dass er in seiner Jugend heimlich dem Treiben der Schausteller auf dem Münchner Dultplatz zuschaute. Hier wie dort wurde der Kasperl im bürgerlichen 19. Jahrhundert "gezähmt", das Marionettentheater entwickelte sich zur "pädagogisch wertvollen" Unterhaltung für Kinder. In der Tschechoslowakei spielten mehr als 2000 Gruppen regelmäßig für junge Zuschauer. Das Vater-und-Sohn-Duo Spejbl und Hurvínek schaffte es in den Fünfziger Jahren sogar ins Fernsehen und war auch in der DDR beliebt.

Hartmut Naefe und seine Frau Anita haben im Laufe der Jahre viele Marionetten gesammelt.

(Foto: Georgine Treybal)

Das Ehepaar Naefe kann neben vielen bezaubernden Raritäten und Kuriositäten auch kostbare Marionetten zeigen, an denen sich ein Stück Kunstgeschichte nachvollziehen lässt: Es gibt Rokoko-Figuren im Spitzenjabot mit roten Schuhen und wunderschön bemalte, vom Jugendstil und den Reformbewegungen geprägte Figuren. Antonin Münzberg gestaltete um 1910 expressionistische Gesichter und Jan Malik entwarf um 1930 Figuren in der Formensprache der Neuen Sachlichkeit.

"Die fantastische Welt der Marionetten" bleibt bis zum 28. April 2019 im Museum Starnberger See und ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet.