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Ausstellung:Angriff der Papp-Saurier

Der frühere Lehrer Hannes Kinau und der Psychotherapeut Axel Wagner zeigen in Greifenberg unter dem Motto "Holz & Pappe" moderne Höhlenmalerei und schlichte Skulpturen

Von Katja Sebald, Greifenberg

Holz & Pappe in der Alten Schule

Die wollen nur spielen: Axel Wagner zeigt Saurier auf Pappe in allerhand Variationen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Es gibt erwachsene Menschen, die ein Klassenzimmer nicht betreten können, ohne von traumatischen Erinnerungen gequält zu werden. Hannes Kinau und Axel Wagner gehören definitiv nicht dazu, denn der eine war Lehrer und der andere ist Psychotherapeut. Als Künstler treffen die beiden jetzt in der Alten Schule in Greifenberg aufeinander: "Holz & Pappe" heißt ihre aktuelle Ausstellung.

Axel Wagner beschäftigt sich seit 1993, parallel zu seinem Studium der Medizin und seiner Arbeit als Psychotherapeut, mit Kunst. Sollte er ein Schultrauma gehabt haben, dann hat er es wohl in seinem Atelier, das früher mal ein Klassenzimmer war, längst bearbeitet. Jetzt hat er auch in den Gängen des Schulhauses Gemälde im Format und in der Menge von Klassenbastelarbeiten aufgehängt und sie alle mit "Axel Wagner, 54 Jahre" signiert. "Das ist eine Reminiszenz an das Kind in uns", erklärt er.

Holz & Pappe in der Alten Schule

Hannes Kinau stellt seine aus Holzstämmen gearbeiteten Skulpturen aus.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die für die Ausstellung titelgebenden Pappen sind jedoch nicht etwa Rückseiten von Schulzeichenblöcken, sondern großformatige Pappkartons, in denen vielleicht einmal Ikea-Möbel verpackt waren - auch die sollen ja bei Männern nicht selten Traumata verursachen. Aber nein: "Die Kartons von heute sind die Höhlenwände von einst", erläutert Wagner. Nun waren Höhlenmaler und Dinosaurier zwar keine Zeitgenossen, der moderne Höhlenmaler lässt sich davon jedoch nicht beirren und malt auf jede seiner Pappen einen Saurier als Sinnbild für das Archaische. Und jedem dieser Ur-Tiere setzt er ein Kreuz entgegen, nicht als religiöses Zeichen, sondern als Symbol für eine Hochkultur.

Wagner hat noch einmal ein Thema aufgegriffen, das ihn seit seinen künstlerischen Anfängen immer wieder beschäftigt. Zu sehen sind deshalb eine Unmenge lustiger Tiere mit vier Beinen, wie von Kinderhand mal riesengroß mit triefender Farbe gemalt und mal klitzeklein hingekrakelt. Sie alle schnüffeln irgendwo auf Kniehöhe an einem dicken kreuzförmigen Leckerli. Maul aufreißen, zuschnappen - und weg ist die ganze schöne Hochkultur.

Schon seit Anfang der Neunzigerjahre beschäftigt Hannes Kinau sich mit Bildhauerei.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Hätte Hannes Kinau ein Schultrauma davongetragen, es wäre nicht verwunderlich gewesen: Der heute 69-jährige wuchs in Kempfenhausen im "Seminar für Frauenbildung", dem späteren Mädchengymnasium, auf, wo seine Mutter Heimleiterin war. Tatsächlich aber studierte er selbst nach einigen Umwegen Lehramt mit Schwerpunkt Kunsterziehung und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Hauptschullehrer, zuletzt an einer sogenannten Brennpunktschule, wo er wohl auch mit traumatisierten Schülern zu tun hatte. Und auch das Spielen hat Kinau nicht verlernt: Schon seit Anfang der Neunzigerjahre beschäftigt er sich mit Bildhauerei, er besuchte unter anderem Kurse bei Josef Lang. Seine eigenen Objekte sind aus einem Stamm gearbeitete, manchmal schlichte und manchmal sehr verspielte Gebilde, die durch Drehungen und Schlingungen Außen- und Innenseiten wechseln oder nach dem Vorbild des Möbiusbandes nur eine Seite haben. Es geht Hannes Kinau aber bei seiner bildhauerischen Arbeit nicht nur um komplizierte Formen, sondern auch um das Tun an sich und um die Lebendigkeit des Materials. Nicht zuletzt deshalb bleiben die Bearbeitungsspuren stets sichtbar, manchmal sogar der ursprüngliche Stamm, aus dem er seine Formen "herauswachsen" lässt. Auch die unterschiedlichen Holzarten - er bevorzugt Weichholz - beeinflussen das jeweilige Endergebnis: "Ahorn", "Pappel", "Linde" oder "Weide" heißen auch die fertigen Skulpturen. So schön und so einfach kann also Schule sein.

Die Ausstellung "Holz & Pappe" in der Alten Schule Greifenberg, Hauptstraße 47, ist am 8. und 9. Dezember) jeweils von 15 Uhr bis 19 Uhr zu sehen.

Holz & Pappe in der Alten Schule

Jedem dieser Ur-Tiere setzt er ein Kreuz entgegen, nicht als religiöses Zeichen, sondern als Symbol für eine Hochkultur.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
© SZ vom 04.12.2018
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