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Aufruf des Starnberger Dialogs:Nein zu Antisemitismus

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30 Bürger sind dem Aufruf des Starnberger Dialogs gefolgt und haben an der virtuellen Gedenkveranstaltung für Opfer des Naziterrors teilgenommen.

(Foto: SZ)

Die Historikerin Friedrike Hellerer, Landrat Frey und Bürgermeister Janik sprechen beim Online-Gedenken an Opfer des Naziterrors über die Notwendigkeit, sich gegen jede gesellschaftliche Spaltung zu wenden

Von Sabine Bader, Starnberg

Es beginnt mit Schildern an Ortseingängen - "Juden unerwünscht" steht darauf zu lesen. Sie stehen auch in jenen Orten, in denen jüdische Urlauber als "Sommerfrischler" zuvor zu den gern gesehenen Gästen gezählt haben. Zudem werden jüdische Geschäfte mit der Aufforderung "Kauft nicht bei Juden" boykottiert. Im April 1933 wird mit dem Gesetz "gegen die Überfüllung von Schulen und Hochschulen" der Zugang zu Bildungsanstalten begrenzt. Das "Schriftleitergesetz" im Herbst desselben Jahres vertreibt Juden aus den Presseberufen. Von Oktober 1936 an dürfen jüdische Lehrer keinen Unterricht mehr für nichtjüdische Kinder halten. Und von April 1937 an kann kein Jude mehr einen Doktortitel an einer deutschen Universität erwerben. Im September 1937 verlieren jüdische Ärzte ihre Kassenzulassung, im Juli 1938 ihre Berufszulassung.

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Die Historikerin und Kreisarchivarin Friedrike Hellerer zählt nur einige der Diskriminierungen auf, denen Juden ausgesetzt waren, und macht damit deutlich, dass Antisemitismus in Deutschland schon lange vor der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 Konjunktur hatte. Die Nacht vom 9. auf den 10. November, in der Nazi-Schergen Hunderte Synagogen und Betstuben im Land sowie Tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstören, stellt für Hellerer den Schnittpunkt zwischen der Ausgrenzung der deutschen Juden und ihrer systematischen Vertreibung und Ermordung dar.

Hellerer hält ihre Rede, die sie für die Gedenkveranstaltung des Starnberger Dialogs am Montag vorbereitet hat, in diesem Jahr online. Denn wegen der Corona-Pandemie lädt das Netzwerk für ein friedliches Zusammenleben in Stadt und Landkreis nicht wie in den vergangenen Jahren auf den Starnberger Kirchplatz, sondern ins Netz ein. Und so finden sich gut 30 Besucher am frühen Montagabend zur Online-Kundgebung an ihren Bildschirmen ein, zu der die Grünen-Politikerin Kerstin Täubner-Benicke geladen hatte, um zu zeigen: "Wir sind da" - zwar nicht physisch, aber doch virtuell.

Unter den Besuchern sind auch Landrat Stefan Frey und der Starnberger Bürgermeister Patrick Janik. Frey erinnert in seinem Grußwort daran, dass "wir auch heute in bewegten Zeiten leben, Zeiten, in denen wir Spaltung und Rassismus, aber auch Unfrieden und Krieg" erleben. Gerade darum sei der Zusammenhalt in der Gesellschaft so essenziell wichtig. Man müsse sich gegen jeden Versuch der gesellschaftlichen Spaltung wenden. Darum dürften Worte, so Frey, nie zur Spaltung führen, sondern müssten stets zwischen den Gesprächspartnern vermitteln. "Leider sehen wir uns in unserer Gesellschaft immer wieder mit der Gegenwärtigkeit von Antisemitismus und Rassismus konfrontiert", sagt Janik. "Die Erinnerung verpflichtet uns auf die Gegenwart, die Gegenwart verpflichtet uns zur Erinnerung." Der Antisemitismus zeige sich heute zunehmend "offener und schamloser". Die Demokratie werde "überall dort angegriffen, wo gesellschaftliche Ausgrenzungen, Rassismus und Antisemitismus auftreten". Jeder einzelne, so Janik, sei "gefordert, Nein zu sagen, wenn rassistische Bemerkungen fallen und antisemitische Witze die Runde machen".

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Zu den Gründungsmitgliedern des Starnberger Dialogs zählen neben Kerstin Täubner-Benicke auch Rainer Hange ("Ich fühle mich in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass sich solch eine Zeit nie wiederholen darf"), Grünen-Kreisrätin Martina Neubauer und SPD-Gemeinderätin Elisabeth Fuchsenberger. Während Fuchsenberger in ihrer Rede die aktuelle Lage nach der Neuwahl des US-Präsidenten analysierte ("Die USA haben uns demokratisch sozialisiert"), befasste sich Neubauer mit der Problematik von Nähe und Distanz in der Corona-Pandemie mit ihren Auswirkungen auf Schulen, Kultur und Pflege. "Wir Menschen sind auf den Diskurs, den lebendigen offenen Austausch, angewiesen", sagt sie.

Das Schlusswort des Online-Gedenkens hat der evangelische Pfarrer von Starnberg, Stefan Koch. Er zitiert aus dem Buch des Propheten Jesaja, der sich ebenfalls mit der Frage der erkennbaren Spaltung im Volk auseinandersetzt. Koch kommt zu dem tröstlichen Schluss: "Es gibt heute genug Menschen, die das ausleben, was wir brauchen, um als Gesellschaft weiterzukommen - Solidarität und Integration."

© SZ vom 11.11.2020

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