Asyl Mahnwache mit Original-Flüchtlingsboot in Starnberg

Etwa elf Meter ist das Schlauchboot lang, 150 Flüchtlinge haben darauf Platz gefunden. Auf dem Kirchplatz steht es an diesem Donnerstag als Mahnmal für Humanität und Nächstenliebe.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Helferkreise fordern Humanität. Flüchtlinge berichten von ihren Erlebnissen auf dem Meer.

Von Astrid Becker

Am Anfang lächelt er noch. Doch als die Sprache auf seine Flucht über das Wasser in einem Schlauchboot kommt, ziehen dunkle Schatten über sein Gesicht: "Es war die Hölle", sagt er. Er, das ist Arsalan Ahmad. Vor fünf Jahren ist der mittlerweile 28-Jährige von Pakistan über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflohen. "Mein Vater und mein Bruder sind erschossen worden, ich fast - ich habe drei Schussverletzungen."

Ein anderer junger Mann, der an diesem Donnerstag auf den Kirchplatz in Starnberg gekommen ist, war vor drei Jahren von Libyen aus über das Meer in Richtung Sizilien aufgebrochen - zusammen mit 109 anderen Flüchtlingen. Fünf Menschen, drei Frauen und zwei Männer seien dabei über Bord gegangen, erzählt er. Als er das Schlauchboot sieht, kommt auch bei ihm alles wieder hoch. Die drei Jahre, die er zuvor in Libyen im Gefängnis saß und dann die Überfahrt, die zwei Tage lang dauerte - ohne zu wissen, ob man sie überleben würde.

Um Humanität, Völkerrecht und Nächstenliebe geht es den Helferkreisen im Landkreis, die an diesem Tag zu einer mehrstündigen Mahnwache auf dem Kirchplatz aufgerufen haben. "Es kann nicht sein, dass Helfer kriminalisiert werden, dass wir Menschen, die in Lebensgefahr sind, nicht retten dürfen", sagt beispielsweise Jörg Hohmann vom Helferkreis Weßling, einer der Organisatoren. Dass sich diese Retter auf hoher See vor Gericht verantworten müssten, sei schlichtweg "der erste Schritt zur Barbarei", sagt er und deutet auf einen Flyer, den die Helferkreise, mit dieser Aussage versehen, ausgelegt haben.

Auf eine Pinnwand haben sie zudem noch eine Liste gehängt, die den Passanten an diesem Tag eindrucksvoll dokumentiert, wann wie viele Menschen auf der Flucht in den vergangenen zwei Jahrzehnten gestorben sind: fast 40 000. "Darauf aufmerksam zu machen, ist zwar nicht unsere eigentliche Arbeit", sagt Jürgen Schade von der Kontaktgruppe der Helferkreise im Landkreis und in Gauting aktiv, "aber die Menschen, denen wir mit Deutschkursen oder bei Behördengängen helfen, sind davon traumatisiert."

Deshalb brennen an diesem Abend viele Kerzen rund um den Brunnen am Kirchplatz, orangefarbene Papierboote schwimmen symbolisch über das Wasser. Ein elf Meter langes Schlauchboot, mit dem 150 Menschen einst die gefährliche Fahrt übers Meer angetreten hatten, ist aufgestellt. Als die beiden Flüchtlinge ihren Blick darauf lenken, werden sie blass. Rettungswesten hat jemand darauf gelegt. Der Mann aus Pakistan hat Tränen in seinen Augen: "Auf meinem Boot gab es das nicht mal."