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Weßling:Überlebenskünstler

Weßling: Anton G. Leitner

Früher undenkbar und nun fest in den Alltag integriert: Anton G. Leitner geht jeden Tag mindestens eine Stunde spazieren.

(Foto: Nila Thiel)

Nach mehreren Schicksalsschlägen und gesundheitlichen Problemen muss der Lyriker und Verleger Anton G. Leitner einiges ändern. Mit Sport, Bewegung und weniger Arbeit gelingt die Genesung

Die 180-Grad-Wende in seinem Leben sieht man ihm an. Das Gesicht vom Wetter gezeichnet, die ehemals füllige Gestalt nun mager und sehnig. Früher zählten für Anton G. Leitner nur die Gedichte. Das hat sich geändert, andere Dinge sind geblieben. Er redet ohne Pause, untermalt den Redefluss mit ungeschickter Gestik. Seinen Gedanken lässt er ungefiltert freien Lauf, oft fällt es schwer, den Themensprüngen zu folgen. Ein lebhafter, argloser Mensch, der nichts zu verbergen hat - mitunter wirkt er wie ein unbeholfenes, aber aufgewecktes Kind.

Viele bekannte Autorennamen sind auf den Büchern in seinem Büro zu sehen. Neben Horaz, Friedrich Ani und Karl Krolow liest man den eigenen Namen des Poeten. Lange konzentrieren kann man sich auf die Literatur in den Regalen nicht, denn Leitner spricht ohne Rücksicht auf den Zuhörer weiter. Wie um den ersten Eindruck zu bestätigen, sagt er, "ich kann meine Gedanken einfach nicht stoppen. Meine Frau sagt immer, die Hyperaktivität ist meine größte Herausforderung im Leben." Bedenkt man seine Krankengeschichte, ist das eine bedeutungsvolle Aussage. Durch eine angeborene Fehlbildung im Lymphsystem leidet der Lyriker linksseitig an einem primären Lymphödem. Erst im Alter von zehn Jahren, als sein linker Arm stark zuschwillt und sich entzündet, wird das Ödem richtig diagnostiziert. Wegen der späten Diagnose überlebt er nur knapp.

Um die Bedürfnisse seines kranken Körpers kümmert sich Leitner in der folgenden Zeit trotzdem nicht. Er hält sich nicht an die Ratschläge der Ärzte, bewegt sich wenig, isst ungesund und zu viel. "Meine Arbeit nimmt meinen Tag fast vollständig ein, dadurch bin ich ein dicker Stubenhocker geworden", urteilt er rückwirkend.

Die Vernachlässigung des Körpers bei konstanter Überlastung fordert ihren Tribut: Trotz hohen Fiebers und Grippe schont er sich auch im Januar 2017 nicht und nimmt an seiner eigenen Veranstaltung, dem Lyrikstier, in Gauting teil. Eine doppelseitige Lungenembolie ist die Folge. Er überlebt die Erkrankung stark angeschlagen, verliert innerhalb eines Jahres 20 Kilogramm Gewicht. Der Lyriker lernt auf seinen Körper zu hören und stellt sein Leben auf den Kopf: jeden Tag zwei Stunden Sport, Diät, weniger Arbeit und notgedrungen eine neue Garderobe mit Kleidergröße S statt zuvor XL.

Für sein Herz ist der radikale Wandel in so kurzer Zeit aber eine starke Belastung. Zudem sterben innerhalb von zwei Jahren seine zwei engsten Berater und Freunde, Berthold Eichwald und Erich Jooß, sowie sein Hund. Auf dem Heimweg von einer Lesung in Karlsruhe im vergangenen Februar fühlt sich seine Brust immer enger an. Die Schmerzen am Herz werden für den 48-Jährigen unerträglich. In einer Klinik in Karlsruhe wird ihm in der Notaufnahme keine Hilfe geboten, Leitner entscheidet sich für den Heimweg nach Weßling. Seine Frau, selbst Ärztin, schließt ihn 36 Stunden später in ihrer Praxis an das EKG an und ruft umgehend den Notarzt. Der Verleger hat einen schweren Herzinfarkt erlitten. Er überlebt wie durch ein Wunder. Mittlerweile ist er auf dem Weg der Besserung - "bei nur noch zweifacher Blutverdünnung", sagt er fast schelmisch.

Doch die Schicksalsschläge belasten ihn psychisch stark. Daher ist er seit dem Infarkt in psychologischer Betreuung. "Ohne meine Freunde und Förderer hätte ich das alles nie geschafft. Das Geld in meinem Verlag ist sowieso immer knapp. Wenn ich nicht produziere, bin ich pleite." Und Leitner kann mit Unterbrechungen mehrere Monate nichts herausgeben. "Ich bin allen so dankbar, dass sie mir finanziellen Halt gegeben haben. Es geht mir wieder gut."

Wie zum Beweis gibt er diesen Monat einen neuen Band seiner Sammelreihe "Das Gedicht" heraus. Es ist der 27. Teil und widmet sich der Natur. Die Widmung hat zwei Gründe: "Als Junger bin ich viel gewandert, da war ich genauso drahtig wie nun wieder. Im Laufe der Jahre habe ich den Blick für die Natur verloren. Meine Krankheit hat mir die Augen wieder geöffnet." Auch der Klimawandel erfordere einen Kurswechsel, findet der Dichter, die Fridays for Future-Bewegung unterstützt er. Um auf die Klimaproblematik aufmerksam zu machen, wird kommendes Jahr der Sammelband "Die Bienen halten die Uhr auf" im Reclamverlag erscheinen.

Besonders die Ostsee hat es ihm angetan. "Ich reise eigentlich nur zweckgebunden, außer für Rügen, da reise ich für mich. Ich dachte, nur Gedichte könnten mich beruhigen, aber das Meer schafft das genauso." Am liebsten sitzt er in den Dünen und liest einen skandinavischen Krimi. Auch Prosa schätzt er sehr.

Der Lyrikstier, ein von Leitner gegründeter Gedichtwettbewerb, findet im nächsten Jahr wieder statt. In kleinerem Format im Gasthof "Il Plonner" in Weßling. Aus vielen Ländern reisen die Teilnehmer an. Der Verleger will sich diesmal schonen und gibt einen Großteil der Planung ab.

Die Leidenschaft, mit der Leitner die Dinge angeht, für die er brennt, ist spürbar. Es verwundert nicht, dass dies die Faszination mancher Frau weckt. Ihn selbst überrascht sein Erfolg bei Frauen. Sogar die Gunst einer der höchsten Richterinnen in Bayern habe er in seiner Jugend mit einem Liebesgedicht für sich gewonnen, erzählt er. Er habe aber bereits vor 28 Jahren die Frau fürs Leben gefunden. Ohne Ehefrau Felizitas wäre das Leben nur halb so schön, findet er.

© SZ vom 28.12.2019
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